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The Ides of March - Tage des Verrats

Meinungen
3

3.6 Sterne aus 62 Bewertungen

Originaltitel: The Ides of March
Kinostart: 22.12.2011
FSK: 12
Genre: Drama
Tags: Wahlkampf, Public Relations, Präsident, Venedig 2011

Im Würgegriff der Politik

Der Wahlkampf naht: 2012 werden die US-Amerikaner entscheiden, ob Präsident Obama noch mal ins Weiße Haus einziehen darf, oder ob nicht ein Republikaner die Regierungsgeschäfte übernehmen soll (vorausgesetzt, die Konservativen werden sich auf einen Kandidaten einigen, was momentan ganz und gar nicht danach aussieht). Dominieren wird ohnehin das Gefühl der Enttäuschung. Das Schicksal hat gegen den ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten gespielt: Arbeitslosigkeit, Weltwirtschaftskrise, eine enttäuschende Gesundheitsreform sind wahrlich nicht die beste Grundlage, um das Wahlvolk noch ein letztes Mal von sich zu überzeugen.

Die Amerikaner bekommen ohnehin den Eindruck, dass Versprechungen und erbauliche Reden in einer postdemokratischen Welt nichts weiter als Lippenbekenntnisse sind. Das legt auch der Film The Ides of March – Tage des Verrats nahe. In dem äußerst gelungenen Werk von George Clooney (er spielt nicht nur eine der Hauptrollen, sondern führt auch Regie), geht es um den blutigen Konkurrenzkampf zweier machthungriger Politiker. Der Wahlkampf wird zwischen dem rhetorisch brillanten Demokraten Governor Mike Morris (George Clooney) und dem Republikaner Senator Pullman (Michael Mantell) ausgetragen. Der Zuschauer erlebt die Schlacht aus der Perspektive des jungen, aufstrebenden und ungemein talentierten Wahlkampfstrategen Stephen Meyers (großartig: Ryan Gosling). Anfangs ist der 30-Jährige mit Herzblut bei der Sache: Er will nicht nur Karriere machen und sich einen Job beim zukünftigen Präsidenten sichern, sondern glaubt auch ideologisch an die guten Absichten seines Arbeitgebers. Der Wind dreht sich erst, als Tom Duffy (Paul Giamatti), Wahlkampfleiter der Konkurrenz, Stephen zum Gespräch bittet und ihm einen lukrativen Job anbietet – mit dem Hinweis, dass die Demokraten ohnehin chancenlos wären. Was tun? Idealistisch bleiben? Oder lieber den besseren Job annehmen und an das Geld denken? Stephens zögert, entscheidet sich aber schließlich gegen das Angebot.

Alles wäre gut, wenn Stephens Vorgesetzter Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) nicht auf das Treffen mit Unverständnis und radikaler Ablehnung reagieren würde. Der Chef sieht sein Vertrauen missbraucht, auch wenn es der Zweifler Stephens höchstpersönlich ist, der nach einer Bedenkzeit von dem Zwischenfall erzählt. Es nützt nichts: Stephens muss gehen. Was der Wahlkampfstab um Governor Mike Morris bedauerlicherweise noch nicht weiß, ist, dass Stephens eine Affäre mit der 20-jährigen Praktikantin Molly (Evan Rachel Wood) hatte, die ihm in einem nervenaufreibenden Gespräch beichtet, dass der vorbildliche Familienvater Governor Morris sich ebenso mit ihr zu vergnügen verstand. Das Ergebnis: eine Schwangerschaft und eine Abtreibung, zu der Stephens die junge Praktikantin, noch im Dienste seines ehemaligen Chefs (jedoch ohne sein Wissen), nötigen musste. Als Verprellter nutzt er nun die Informationen als Druckmittel, um einen neuen, besseren Job zu erpressen. Doch wird der Governor auf das zwielichtige Angebot eingehen? Kann Stephens überhaupt beweisen, dass der Präsidentschaftskandidat eine Affäre hatte? Die Sache ist vertrackt, denn in der Zwischenzeit hat sich das Mädchen auf tragische Weise das Leben genommen. Das Spiel um Macht, Geld und Prestige beginnt sich in einer unheimlich spannenden dramaturgischen Spirale zu verdichten.

The Ides of March – Tage des Verrats ist ein Film zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit einem Gespür für drängende zeithistorische Fragen: Der Polit-Thriller lässt den Zuschauer darüber nachdenken, wie es hinter den Kulissen der konventionellen Politik aussieht, welche Interessen in Wahlkämpfen eine Rolle spielen und wie wichtig Inszenierungsstrategien sind, um im politischen Geschäft zu überleben. Besonders beeindruckend ist die Besetzung der Rollen: schon dafür allein lohnt das Kinobillet. Wo kann man sonst Paul Giamatti, George Clooney und den neuen, die nächsten Jahre das Kino tief prägenden Jungstar Ryan Gosling zusammen auf einer Leinwand erleben? Die schauspielerische Leistung ist großartig und das Drehbuch von George Clooney, trotz eines relativ unspektakulären Starts, ein gelungener Wurf samt heikler Spannungsmomente und atemberaubender Bögen.

Was jedoch den Film zu einem Ausnahmeerlebnis macht, ist der klug platzierte und gut versteckte Kommentar auf das moderne Amerika, der aus den Zwischentönen herausgehört werden kann. Natürlich steckt in Governor Morris auch ein wenig Obama, der in den vergangenen Jahren den aufgeschlossenen, toleranten und veränderungsfreudigen Teil der Vereinigten Staaten tief enttäuscht hat. Dieser Film ist als eine Provokation zu betrachten, die bei den Adressaten, vornehmlich den Demokraten, hoffentlich ankommen wird und vielleicht, im besten Falle, darüber nachdenken lässt, ob Politik wirklich das richtige Spielfeld für Lippenbekenntnisse ist.

(Tomasz Kurianowicz)

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George Clooney gilt gemeinhin als linksliberales Gewissen der amerikanischen Filmindustrie. Sein politisches Engagement ist bekannt und bringt ihn regelmäßig auch jenseits seiner Filmprojekte in die Schlagzeilen. Vielleicht wird ja deshalb jede seiner Regiearbeiten automatisch unter dem Gesichtspunkt des Politischen betrachtet. Das war schon bei Good Night and Good Luck so und wird sich nun für sein neustes Werk The Ides of March (der Verfilmung eines äußerst erfolgreichen Theaterstücks) wiederholen. Oberflächlich betrachtet, ist der Film Clooneys bisher politischster. Ein erwachsen realisierter, ruhig erzählter Politthriller, der gerne als zynische Parabel über den Wert der Loyalität gelesen werden möchte.

Ryan Gosling spielt Stephen Meyers, einen jungen, aufstrebenden Wahlkampfleiter, der den demokratischen Gouverneur Mike Morris (George Clooney) zum nächsten US-Präsidenten machen soll. Dazu muss Morris allerdings zunächst noch der Kandidat der Demokratischen Partei werden. Bei den Vorwahlen in Ohio kommt es dann zum Showdown hinter den Kulissen und Meyers macht einen Fehler. Er lässt sich auf ein Gespräch mit dem Wahlkampfleiter der gegnerischen Seite (Paul Giamatti) ein und wird damit von der Presse und seinem Vorgesetzten (Philip Seymour Hoffmann) unter Druck gesetzt. Doch die Affäre mit einer Praktikantin (Evan Rachel Wood) erweist sich als entscheidender Trumpf in einer Situation, in der sich alle Figuren gegenseitig erpressen, um ihre eigene Haut retten zu können.

Obwohl das Drehbuch bereits 2008 geschrieben wurde, entschied man die Produktion von The Ides of March nach dem Wahlsieg Obamas und der damit einhergehenden Euphoriewelle, die über die USA schwappte, vorübergehend zu verschieben. Trotzdem hat Clooney Recht, wenn er betont, dass dies kein offenkundig politischer Film sei. Denn in seinen allgemeinen Aussagen über Verrat, Loyalität und Hybris könnte diese Geschichte genauso gut an der Wall Street oder im deutschen Kanzleramt spielen, ohne etwas von ihrer Struktur zu verlieren. Nicht umsonst verweist der Titel auf die antike Prophezeiung "Hüte dich vor den Iden des März", mit welcher der Wahrsager Titus Vestricius Spurinna Julius Cäsar vor einem möglichen Anschlag warnte.

The Ides of March hat allerdings ein viel größeres Problem, als das Vermeiden einer politischen Stellungnahme, und das ist George Clooney selber. Er ist lediglich ein durchschnittlicher Regisseur und ein ziemlich schlechter Drehbuchschreiber. Er geht inszenatorisch kein Risiko ein und engagiert ein Schauspielerensemble, das nicht viel Führung braucht. Denn Darsteller wie Giamatti, Hoffmann oder Tomei muss man nicht mehr großartig auf das Spielen vorbereiten. Und so wirkt auch das Endprodukt wie ein gutgemeintes Erzählstück, das allerdings große Spannungen und Fallhöhen unerklärlicherweise vermeidet. Der Zuschauer, der sich an den gewohnt guten Darstellungen von Gosling, Clooney und Co. sattgesehen hat, wird relativ ernüchtert feststellen müssen, dass hier ein eher gleichförmiger Film dahinplätschert und leider viel zu selten an den kühlen Rhythmus eines Sidney Pollack Films erinnert.

Was ist es also, dass es am Ende The Ides of March nicht erlaubt seine volle Durchschlagskraft zu entfalten, die hier vielleicht doch noch irgendwo versteckt ist? Vielleicht liegt es daran, dass die gegenwärtige politische Lage in den Vereinigten Staaten – aber nicht nur dort – mittlerweile fast im Stundentakt abenteuerlichere und absurdere Formen annimmt. Die Aussagen einer Sarah Palin, der Aufstieg der Tea-Party-Bewegung oder das dümmliche Feilschen der großen Parteien um eine Erhöhung der Staatsschuldengrenze tragen eine weitaus größere Spannung in sich als ein Film mit Starbesetzung. Wir stehen dem Treiben auf der Leinwand plötzlich gleichgültiger gegenüber, gerade weil wir mittlerweile von der Gier und dem Verrat hinter den politischen Kulissen mehr und besser Bescheid wissen, als uns Clooneys liberale Hollywoodvisionen erzählen können.

(Festivalkritik Venedig 2011 von Patrick Wellinski)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2011
Länge: 101 (Min.)
Verleih: Tobis Filmverleih
Kinostart: 22.12.2011

Cast & Crew

Regie: George Clooney
Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov, Beau Willimon
Kamera: Phedon Papamichael
Schnitt: Stephen Mirrione
Musik: Alexandre Desplat
Hauptdarsteller: Philip Seymour Hoffman, Paul Giamatti, George Clooney, Marisa Tomei, Ryan Gosling, Jeffrey Wright, Max Minghella, Evan Rachel Wood

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 3 von insgesamt 3)
Von: Modestmouse am: 30.12.11
Pullman ist ebenfalls Demokrat. Pullman und Morris befinden sich im Rennen um die Vorauswahl des demokratischen Präsidentschaftskandidaten. „Was jedoch den Film zu einem Ausnahmeerlebnis macht, ist der klug platzierte und gut versteckte Kommentar auf das moderne Amerika, der aus den Zwischentönen herausgehört werden kann.“ Der Film zeigt weder unbekannte Seiten des Wahlkampfs noch hat er eine solche Tiefe das man von Zwischentönen sprechen könnte. Patrick Wellinski bringt die Sache auf den Punkt: Drehbuch schlecht, Schauspieler gut, Spannung nicht wirklich. The Ides of March ist kein Politthriller; wenigstens keiner den man sich Anschauen muss.
Von: Ilsa am: 13.12.11
Auf den Film freue ich mich schon eine ganze Weile! ENDLICH!
Von: Bree am: 13.12.11
Grad in der Sneak gesehen. Großartig! Liebe, Verrat, Leidenschaft, Korruption, Machtgier ... Ganz großes Kino in Shakespeare-Manier, perfekt ausgespielt. Mehr davon, Clooney!

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