Zurück zur Übersicht

The Danish Girl

Meinungen
1

3 Sterne aus 82 Bewertungen

Kinostart: 07.01.2016
FSK: 6
Genre: Drama
Tags: Malerin, 1920er Jahre, Transsexualität, Kopenhagen, Muse, Venedig 2015
 

Die Tücken der oscarreifen Perfektion

Es war zu erwarten und es hat sich bestätigt: The Danish Girl ist der Brokeback Mountain für Transgender-Belange – im Guten wie im Schlechten, im Revolutionären wie im Gewöhnlichen. Aber von vorn: Der Film basiert auf den Aufzeichnungen Lili Elbes (Eddie Redmayne, Die Entdeckung der Unendlichkeit), der ersten Trans-Frau, die sich mehreren Operationen zur Geschlechtsangleichung unterzog.

Elbe lebt in den 1920er Jahren in Kopenhagen als Mann unter dem Namen Einar. Er ist verheiratet mit Gerda (Alicia Vikander, Die Königin und der Leibarzt) einer Illustratorin und Künstlerin, und selbst berühmt für seine Landschaftsporträts. Die Ehe des Künstlerpaares ist warm und liebevoll, modern in ihren Ansichten und gefüllt mit Kunst und einem Kinderwunsch, den die beiden sich noch nicht erfüllen konnten. Gerdas Karriere steht im Schatten ihres Mannes, ihr gemeinsamer Galerist bestätigt ihr großes Talent, doch es fehlt ihr an den richtigen Menschen zum Porträtieren. Als die gemeinsame Freundin und Ballerina Oola (Amber Heard) Gerda Modell stehen soll, aber absagt, überzeugt sie ihren Mann in Oolas Schuhe und Strümpfe zu schlüpfen, ihr Ballettkleid zu halten und Modell zu stehen.

Und genau das ist der Moment, der in Einar lang verdrängte Erinnerungen hervorruft. Die Seidenstrümpfe, der Tüll des Kleides, die Schuhe an seinen Füßen – sie lösen in ihm ein Verlangen aus, dass er alsbald nicht mehr aufhalten kann. Erst trägt er das Nachthemd seiner Frau unter seinen Klamotten, dann verkleidet Gerda ihn als "Lili" für einen Empfang. Halb aus Scherz, aber auch halb ahnend und erstaunt, wie gut und wie feminin "Lili" aussieht, fördert Gerda das Spiel. Bis es kein Spiel mehr ist. Einar verliert sich an diesem Abend in "Lili", für einen Moment ist er Lili ohne Wenn und Aber und lässt sich von einem Mann küssen. Aus dem Spiel wird Ernst, Einar gerät bald an einen Punkt, an dem er nicht mehr Einar sein kann. Das Paar quält sich fortan durch schreckliche Momente aus Depressionen und Angst. Gerda wünscht sich ihren Mann zurück, wenigstens für einen Moment, Lili kann Einars Existenz nicht mehr ertragen, sie kann aber auch nicht sie selbst sein. Gleichsam sieht sie Gerdas Verzweiflung und kann nicht helfen. Die Ärzte, die die beiden aufsuchen, diagnostizieren alles von Perversion bis Schizophrenie und versuchen Lili mehrmals in die geschlossene Anstalt einweisen zu lassen. Dem kann Lili entfliehen. Dank Gerda, die durch die Bilder, die sie von Lili gemalt hat, plötzlich zum neuen Shooting Star wird und mit Lili nach Paris gehen kann. Dennoch geht es bergab mit Lilis psychischer Gesundheit, so sehr, dass Gerda Lilis alten Schulfreund Hans Axgil (Matthias Schoenarts) aufsucht und um Hilfe bittet. Erst als Gerda jedoch von einem deutschen Arzt namens Dr. Warnekros (Sebastian Koch) hört, der eine Versuchsperson für die erste geschlechtsangleichende Operation sucht, schöpft Lili neuen Lebensmut. Aber die Operationen sind schmerzhaft und vor allem lebensgefährlich.

The Danish Girl ist ein überraschend komplizierter und ambivalenter Film. Grundsätzlich liegt das an dem ihm inhärenten Konkurrenzkampf, der Film ist zwei Dinge in einem: Zunächst ist da das Oberflächliche, Tom Hoopers Werk ist vom ersten bis zum letzten Bild an ein maßgeschneidertes Oscar-Vehikel. Damit kennt er sich ja bestens aus, hatte er doch schon große Oscar-Erfolge mit The King's Speech und Les Misérables. Die Geschichte an sich und Eddie Redmaynes Wandeln zwischen zwei Geschlechtern ist hervorragendes Oscar-Material – die Academy liebt ja bekanntlich solche Verwandlungsfilme, nicht umsonst bekam Redmayne für seine Rolle als Stephen Hawking in Die Entdeckung der Unendlichkeit letztes Jahr den Oscar für den besten Darsteller. Dieses Mal scheinen die Chancen für Alicia Vikander höher – sie brilliert in jeder Sekunde des Films. Dabei spielen sie und Redmayne insbesondere in der ersten halben Stunde jede Nuance ihrer Charaktere fehlerlos, man merkt ihnen an, dass jede noch so kleine Geste oder Mimik perfektioniert ist. Und es sieht wahrlich gut aus. Lieblich, liebevoll und wunderschön sind die beiden, sie sind – wie ihre Ehe, ihre Gemälde, ihr Haus, ihr ganzes Leben – vor allem eines: perfekt. Aber auch die Ausstattung, die Kameraarbeit, das Bühnenbild – in The Danish Girl ist alles perfekt poliert, hochgradig ästhetisch und einzig dazu da, den Film so gut wie möglich aussehen zu lassen, damit er sich ohne Ecken und Kanten glatt weggucken lässt.

Bis der Film zu Einars Erwachen vordringt, welches dieses perfekte Leben radikal ändern wird. Hier beginnt das Problem dieses Filmes, da die ästhetischen Mittel die Gleichen bleiben. Dadurch bleibt aber auch das Leiden und Hadern oberflächlich, wird die Wahrheit so hübsch aufbereitet, dass sie sich anfühlt, als sei sie mit Teflon beschichtet. Damit erweist der Film aber seiner Geschichte und der übergeordneten sozialen Komponente – das Zeigen und Repräsentieren von Transgender-Personen im Film – einen Bärendienst: Letztlich lässt er das Leiden Lilis so gut aussehen, als sei sie Kirsten Dunst in Marie Antoinette, die nach mehr Kuchen schreit.

Diese soziale Komponente, die eigentlich viel mehr Tiefe und raue Ehrlichkeit benötigt, steht in Konkurrenz zur Oscar-Perfektion. Es ist dem Film hoch anzurechnen, dass er sich dem Thema in aller Ernsthaftigkeit und Empathie widmet. Auch Redmayne tut sein Bestes, sich in diese Lage, die er selbst nicht am eigenen Leib nachvollziehen kann, einzufühlen. Aber man merkt, dass das Verstehen dieser Situation nicht ganz reicht. So bleibt Redmaynes Schauspiel alsbald in sich wiederholender Gestik und Mimik stecken, die er hyperfeminisiert den Rest des Filmes ausführt, ohne jedoch eine Entwicklung oder gar Nuancen in der Frauwerdung Lilis erkennen lassen zu können. Lilis Geschichte und die gesamte Transgender-Thematik sind jedoch viel komplexer, nuancierter und schmerzhafter, als dieser Film sie letztendlich zeigt.

Aber kann man das einem Film vorwerfen, der eindeutig Mainstream ist und die Oscars bedienen will? Nein, das kann man nicht. Trotzdem ist es wichtig, den Film nicht einfach nur zu sehen und sich unterhalten zu fühlen, sondern ihn auch zu hinterfragen. Die Türen für andere, kantigere, ehrlichere Filme wird er allemal aufstoßen. Und das ist gut so.

(Beatrice Behn)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA, Großbritannien
Produktionsjahr: 2015
Länge: 120 (Min.)
Verleih: Universal Pictures International Germany
Kinostart: 07.01.2016

Cast & Crew

Regie: Tom Hooper
Drehbuch: Lucinda Coxon
Kamera: Danny Cohen
Schnitt: Melanie Oliver
Musik: Alexandre Desplat
Hauptdarsteller: Matthias Schoenaerts, Sebastian Koch, Ben Whishaw, Amber Heard, Eddie Redmayne, Alicia Vikander, Emerald Fennell

MEINUNGEN

Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)

Bisherige Meinungen

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Hartmut T. am: 05.01.16
Der vorletzte Absatz von Behns Rezension trifft den Nagel auf den Kopf. Der Film ersäuft sich selbst in seiner Ästhetik und Sentimentalität. Schade. Ob dieser Film die Türen für andere, kantigere, ehrlichere aufstoßen wird, wage ich zu bezweifeln. Mir wird Xavier Dolans "Laurence anyways" da eher als Türöffner in Erinnerung bleiben.

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Filmfest München
  • Festival Scope