Seelen-Striptease in der Sauna
Echte Kerle reden nicht gerne. Schon gar nicht über Probleme. Sie trinken lieber ein Bier mit dem besten Kumpel. Dieses soziale Phänomen ist dem Vernehmen nach gerade bei echten Kerlen finnischer Herkunft in sehr extremer Ausprägung zu beobachten. Allerdings gibt es in Finnland noch einen anderen sozialen Allgemeinplatz: die Sauna. Hier trifft man sich, schwitzt und trinkt gemeinsam. Heiße Aufgüsse und kühler Alkohol wirken als Katalysator – man ist gemeinsam nackt, da kann man ja in diesem geschützten Biotop auch als echter Kerl seine Seele ein wenig nackig machen und mal richtig reden.
Aus eigener Sozialisation weiß der Regisseur Joonas Berghäll, dass die unzähligen öffentlichen und privaten Saunen in Finnland Orte sind, wo die wirklich wichtigen Themen des Lebens verhandelt werden: von der ersten Liebe bis zur Scheidung, von der eigenen problematischen Kindheit bis zum Kinderkriegen. Die Essenz des Lebens tritt zutage im Dampf der Sauna, das ist die Idee hinter dem Dokumentarfilm Steam of Life, den Jonas Berhäll gemeinsam mit Mika Hotakainen realisiert hat.
Steam of Life ist gleichsam eine Reise in die finnische (Sauna-)Landschaft sowie ein Einblick in die Tiefen finnischer Männerseelen. Genauso schwergewichtig wie die schwitzenden Körper sind oft die Probleme, die sich die Männer von der Seele reden. In 17 verschiedenen Sauna-Szenen entfaltet der Film in ruhigem Tempo und mithilfe statischer Kameraeinstellungen ein universelles Panorama männlicher Seelenlandschaften, durchbrochen durch in verschiedener Form wiederkehrende Rituale, wie etwa einen neuen Aufguss oder eine weitere Runde Bier zwischen den Saunagängen. Hier prosten sich auch schon mal Lakonie und Humor zu, wenn der gemeinsame, schweigsam genossene Schluck von vier Kumpels aus ihren Bierflaschen wie choreographiert erfolgt.
Die Settings reichen von einer städtischen Sauna über verschiedene private Schwitzräume und selbstgezimmerte Schwitzhütten bis hin zu einer Militärsauna. Skurril anzuschauen ist vor allem, was alles so zur Sauna umfunktioniert werden kann und auch umfunktioniert wird: ob Wohnwagen, Auto oder Telefonzelle: die Finnen sind erfinderisch.
Die humoristische Leichtigkeit mancher Szenerie und Momente in Steam of Life steht allerdings in extremen Gegensatz zu den schweren emotionalen Verletzungen, von denen manche der Männer erzählen. Die nackten Finnen entblößen vor der Kamera immer auch ihr Innerstes. Die Filmemacher lassen die Männer einfach erzählen, der Zuschauer wird Zeuge einer Intimität, die aber gleichzeitig seltsam anonym bleibt. Unvermittelt, fast ohne szenischen Vorlauf und damit ohne die Gelegenheit für den Zuschauer, die einzelnen Menschen erst einmal auf sich wirken zu lassen, brechen aus den Männern teilweise ihre größten Traumata hervor.
Gerne würde man mehr über die Menschen hinter den einzelnen Schicksalen erfahren, die sich da Schlag auf Schlag offenbaren. Tatsächlich erfährt und sieht man vereinzelt von den Menschen auch etwas mehr, als die nackten Körper und bloßen Worte, die sie in der Sauna preisgeben. Den Ex-Knacki z.B. mit der desolaten Vergangenheit, der sich nie hätte träumen lassen, dass er einmal stolzer Familienvater mit 3 Jungs sein würde, darf man auch im Umgang mit seinen Kindern erleben. Solche Momente sind wichtig, weil sich mit der Laufzeit des Films ein wenig der Eindruck einer losgelösten Folge von Seelen-Striptease einschleicht, die mit einem viele bittere Tränen vergießenden Vater, dem das Sorgerecht entzogen wurde, ihren Höhepunkt erreicht.
Steam of Life ist nicht voyeuristisch, was die körperliche Nacktheit betrifft, wohl aber, was die intimen Bekenntnisse anbelangt. Es ist die Frage, wie nah man das als Zuschauer in dieser Häufung an sich heranlassen will, und wann es vielleicht zu viel wird. Denn irgendwie ist es ja auch schon unangenehm, wenn sich ein (angezogener) Fremder plötzlich zu einem gesellt und unvermittelt seine tiefste Seele öffnet.
Steam of Life ist nominiert für den Europäischen Filmpreis 2010 in der Kategorie Dokumentarfilm und geht für Finnland 2011 ins Rennen um den Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film.
(Kirsten Kieninger)
Aus eigener Sozialisation weiß der Regisseur Joonas Berghäll, dass die unzähligen öffentlichen und privaten Saunen in Finnland Orte sind, wo die wirklich wichtigen Themen des Lebens verhandelt werden: von der ersten Liebe bis zur Scheidung, von der eigenen problematischen Kindheit bis zum Kinderkriegen. Die Essenz des Lebens tritt zutage im Dampf der Sauna, das ist die Idee hinter dem Dokumentarfilm Steam of Life, den Jonas Berhäll gemeinsam mit Mika Hotakainen realisiert hat.
Steam of Life ist gleichsam eine Reise in die finnische (Sauna-)Landschaft sowie ein Einblick in die Tiefen finnischer Männerseelen. Genauso schwergewichtig wie die schwitzenden Körper sind oft die Probleme, die sich die Männer von der Seele reden. In 17 verschiedenen Sauna-Szenen entfaltet der Film in ruhigem Tempo und mithilfe statischer Kameraeinstellungen ein universelles Panorama männlicher Seelenlandschaften, durchbrochen durch in verschiedener Form wiederkehrende Rituale, wie etwa einen neuen Aufguss oder eine weitere Runde Bier zwischen den Saunagängen. Hier prosten sich auch schon mal Lakonie und Humor zu, wenn der gemeinsame, schweigsam genossene Schluck von vier Kumpels aus ihren Bierflaschen wie choreographiert erfolgt.
Die Settings reichen von einer städtischen Sauna über verschiedene private Schwitzräume und selbstgezimmerte Schwitzhütten bis hin zu einer Militärsauna. Skurril anzuschauen ist vor allem, was alles so zur Sauna umfunktioniert werden kann und auch umfunktioniert wird: ob Wohnwagen, Auto oder Telefonzelle: die Finnen sind erfinderisch.
Die humoristische Leichtigkeit mancher Szenerie und Momente in Steam of Life steht allerdings in extremen Gegensatz zu den schweren emotionalen Verletzungen, von denen manche der Männer erzählen. Die nackten Finnen entblößen vor der Kamera immer auch ihr Innerstes. Die Filmemacher lassen die Männer einfach erzählen, der Zuschauer wird Zeuge einer Intimität, die aber gleichzeitig seltsam anonym bleibt. Unvermittelt, fast ohne szenischen Vorlauf und damit ohne die Gelegenheit für den Zuschauer, die einzelnen Menschen erst einmal auf sich wirken zu lassen, brechen aus den Männern teilweise ihre größten Traumata hervor.
Gerne würde man mehr über die Menschen hinter den einzelnen Schicksalen erfahren, die sich da Schlag auf Schlag offenbaren. Tatsächlich erfährt und sieht man vereinzelt von den Menschen auch etwas mehr, als die nackten Körper und bloßen Worte, die sie in der Sauna preisgeben. Den Ex-Knacki z.B. mit der desolaten Vergangenheit, der sich nie hätte träumen lassen, dass er einmal stolzer Familienvater mit 3 Jungs sein würde, darf man auch im Umgang mit seinen Kindern erleben. Solche Momente sind wichtig, weil sich mit der Laufzeit des Films ein wenig der Eindruck einer losgelösten Folge von Seelen-Striptease einschleicht, die mit einem viele bittere Tränen vergießenden Vater, dem das Sorgerecht entzogen wurde, ihren Höhepunkt erreicht.
Steam of Life ist nicht voyeuristisch, was die körperliche Nacktheit betrifft, wohl aber, was die intimen Bekenntnisse anbelangt. Es ist die Frage, wie nah man das als Zuschauer in dieser Häufung an sich heranlassen will, und wann es vielleicht zu viel wird. Denn irgendwie ist es ja auch schon unangenehm, wenn sich ein (angezogener) Fremder plötzlich zu einem gesellt und unvermittelt seine tiefste Seele öffnet.
Steam of Life ist nominiert für den Europäischen Filmpreis 2010 in der Kategorie Dokumentarfilm und geht für Finnland 2011 ins Rennen um den Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film.
(Kirsten Kieninger)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Steam of Life
Originaltitel:
Miesten vuoro
Produktionsland:
Finnland
Produktionsjahr:
2010
Länge:
81 (Min.)
VERÖFFENTLICHUNGEN
CAST & CREW
Regie:
Joonas Berghäll, Mika Hotakainen
Drehbuch:
Joonas Berghäll, Mika Hotakainen
Kamera:
Heikki Färm, Jani Kumpulainen
Schnitt:
Timo Peltola
Musik:
Jonas Bohlin
FILMBEWERTUNG
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