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Sonnensystem

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4 Sterne aus 6 Bewertungen

Kinostart: 31.03.2011
FSK: keine Angabe
Genre: Dokumentarfilm
Tags: Argentinien, Indios

Vertreibung aus dem Paradies

Bilder vom Himmel, Bilder vom Tal, von Steinen, Ruinen und Grasflächen. Dann Aufnahmen aus einem kleinen Dorf. So nähert sich der neue Dokumentarfilm von Thomas Heise seinem Beobachtungsraum. In Sonnensystem zeichnet der Regisseur das Leben einiger Mitglieder der indigenen Gemeinde der Kolla in einem nördlichen Bezirk Argentiniens auf. Ohne erkennbaren Fokus folgt Heise einigen Bewohnern und begleitet sie durch ihren Alltag. Er guckt zu, wie sie Lehmsteine herstellen. Ist dabei, wenn ein Bulle kastriert wird. Nimmt in einer kleinen Kirche Platz und lauscht den Gebeten. Verfolgt einen Bauern, der seine Esel einen engen, steinigen Weg entlang führt, oder betrachtet geduldig, wie ein Gerber sorgsam einen Ledergürtel herstellt.

Der Film verzichtet fast komplett auf Dialoge. Die wenigen Gesprächsfetzen im indigen gefärbten Spanisch, die man zu hören bekommt, werden nicht untertitelt. Heise führt keine Interviews und nutzt weder Kommentar noch andere Erzählelemente. Sein neuer Dokumentarfilm ist auch weit entfernt von seinem letzten 166-Minuten Werk Material, in dem er mit einer klug montierten Collage aus Archivaufnahmen und Nachrichtenbildern einen äußerst eigenen Blick auf die letzten 20 Jahre deutscher Geschichte warf. War in Material noch die Unübersichtlichkeit und Komplexität der historischen Ereignisse taktgebend für die Dramaturgie des Films, so ist es in Sonnensystem die ruhige Geradlinigkeit der naturverbundenen Lebensweise der Kolla.

Worum aber geht es Heise hier? Zunächst, so scheint es, um die reine Beobachtung. Die geduldige Ruhe, mit der die Kamera die Arbeit der Menschen einfängt, ermöglicht es, ein größeres Verständnis für einzelne Handlungsabläufe zu bekommen. Besonders eindringlich sind dabei die fast schon zarten Handgriffe des Gerbers. Er massiert, glättet, streckt das Leder. Dann lässt er es trocknen, um schließlich mit einem Werkzeug kunstvolle Verzierungen einzuarbeiten. Wir erfahren nichts über die Sorgen der Menschen, nichts über ihre Vergangenheit, nichts von dem was sie beschäftigt, stört oder freut. Wir erfahren nichts über den heftigen Einfluss der Inkas auf die Kultur der Kollas, die brutale Ausbeutung durch die spanischen Kolonisatoren, die sie vor allem als Minenarbeiter versklavten, nichts über die starke Vermischung von indigenem und christlichem Glauben, nichts darüber, dass die Kolla erst neulich in Argentinien mit heftigen Straßenprotesten auf ihre schlechte wirtschaftliche Lage aufmerksam machten. Das alles sind Informationen, die man sich nach dem Film selbst anlesen kann. Man braucht diesen faktischen Überbau aber gar nicht, um zu begreifen, dass Thomas Heise mit Sonnensystem den schmerzlichen Verlust einer uralten Kultur skizziert.

100 Minuten lang beobachten wir diese Menschen. Eine Zeit, in der man begreift, wie stark ihre Naturverbundenheit ist. Wie hart, aber gleichzeitig erfüllend diese Lebensweise sein kann. Alle sind mit sich im Reinen. "Mensch und Natur", das ist hier kein Gegensatz, eher eine starke und wunderbare Symbiose. Am intensivsten zeigt sich das beim Schlachten einer Kuh. Zuerst wird das Tier getötet, dann beginnt die Familie das ganze Tier auseinander zu nehmen. Sie fangen das Blut auf, trennen das Fleisch von den Knochen und heben alles auf. Nichts wird verschwendet. Und ein paar Minuten später blickt Heise mit der Kamera auf den Ort, an dem gerade noch ein ausgewachsenes Tier lag. Jetzt ist er leer, der Regen wischt das übriggebliebene Blut davon.

Der starke Herbstregen ist es dann auch, der die Menschen dazu zwingt ihr Dorf zu verlassen. Im Film sind das die letzten zehn Minuten. Sie sind wie ein Schlag ins Gesicht: Eine Busfahrt, die Kamera blickt dabei aus dem Fenster. Kein Schnitt, keine Blende, nur eine äußerst atonale Arie ertönt aus dem Off. Und so wie er angefangen hat, endet der Film. Doch diesmal sind es keine unschuldigen Naturaufnahmen. Die Fahrt vom Land in die Slums einer großen Industriestadt ist ein wütender Schrei gegen eine falsche und künstliche Lebensform. Drähte, Baracken, Müll - Sonnensystem ist am Ende ein schmerzhaftes Requiem auf den Verlust eines harmonischen Lebens, Kritik an der kulturverachtenden Seite der Moderne und damit ein eindrücklicher Film über eine Vertreibung aus dem Paradies.

(Patrick Wellinski)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2011
Länge: 100 (Min.)
Kinostart: 31.03.2011

Cast & Crew

Regie: Thomas Heise
Drehbuch: Thomas Heise
Kamera: Jutta Tränkle, Robert Nickolaus, René Frölke
Schnitt: Trevor Hall

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