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Selma

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3 Sterne aus 43 Bewertungen

Kinostart: 19.02.2015
FSK: 12
Genre: Drama, Biographie
Tags: Rassismus, Bürgerrechte, USA, 1960er Jahre, Martin Luther King Jr., Berlinale 2015, Oscars 2015, Berlinale 2015 Special

Geschichte wird gemacht oder Die Last der Doppelfunktion

Eine Welle an Liebe und Sympathie hat Selma in den USA ausgelöst. Zu Recht und verständlicherweise, denn Selma kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, wenn man die rassistischen Auswüchse der letzten Monate betrachtet. Man wird das Gefühl nicht los, dass Selma gleich zwei Funktionen erfüllen will und muss: ein biographisch-historisches Porträt des Dr. Martin Luther King (David Oyelowo) und eine Mahnung den Kampf um Gleichberechtigung weiter zu kämpfen. Und zwar gewaltlos.

Gerade aus Oslo zurückgekommen ist er, der große Martin Luther King. Dort hat man ihm den Friedensnobelpreis verliehen. Doch was bringt solch eine Auszeichnung, wenn täglich Menschen gelyncht werden und sterben? So wie die vier kleinen Mädchen in Selma, Alabama. Eine Bombe hat sie in den Tod gerissen. Trotz Aufhebung der Rassentrennung gehen die Schikanen, vor allem im Süden der USA weiter. Im gleichen Ort versucht eine Frau sich für die Wahlen registrieren zu lassen. Der Antrag ist ausgefüllt, doch er wird abgelehnt. Denn sie kann nicht die Namen aller 67 lokalen Richter auswendig aufsagen. Und sie ist schwarz. Und so begibt sich King mit seinem Stamm an engen Freunden und Helfern nach Alabama. Schon sichtlich müde von den jahrelangen Kämpfen, den Drohungen, dem zermürbenden Psychoterror gegen sich und seine Frau, beginnt King daran zu zweifeln, dass es ihm je gelingen kann die Gleichberechtigung durchzusetzen. Schon hier kommt die historische Doppelung ins Spiel. Denn dem Zuschauer ist bewusst, dass King einerseits viel erreicht hat, andererseits auch heutzutage noch Afroamerikaner in den USA Bürger zweiter Klasse sind, die auf offener Straße erschossen werden können, ohne dass die weißen Angreifer zur Verantwortung gezogen werden, wie in den Fällen von Michael Brown und Trayvon Martin.

King plant einen großen Marsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt Alabamas. Gleichzeitig trifft er sich immer wieder mit Lyndon B. Johnson, dem Präsidenten der USA, der ihm nur wenig Gehör schenkt. Bis King mit Protesten und Nachrichtenbildern Fakten schafft. Denn frei wählen zu können ist eines der Kernrechte der Demokratie und eine Vorbedingung der Gleichberechtigung.

Selma ist durch und durch ein Martin Luther King Film. Regisseurin Ava DuVernay verlässt sich voll und ganz auf diese Figur, seine Reden, sein Charisma. Zu großen Teilen ist das auch eine gute Idee. Vor allem dank David Oyelowos Oscar-reifer darstellerischer Glanzleistung. Nur, dass er dafür nicht für den Oscar nominiert wurde. Doch ein wenig mehr Fokus auf die MitstreiterInnen und ein bisschen weniger agitatorische Reden hätten dem Film mehr Finesse gegeben. Doch DuVernay versucht stets beide Seiten Martin Luther Kings auszuleuchten: Die öffentliche und die private. Vor allem bei letzterer geht sie jedoch oftmals beschönigend vor und unterlässt es zu großen Teilen, private und menschliche Abgründe zu zeigen, sondern konzentriert sich vor allem auf Kings politische Vorhaben und sein Hadern mit deren Preis für sein Privatleben.

Um einiges freimütiger geht das Werk mit dem Pathos um. Selma ertrinkt zwar nicht darin, doch es ist schon recht viel, vor allem getragen über die Bilder und Musik, die zum Einsatz kommen. Aber auch hier: vom rein filmkritischen Standpunkt mag das den Film etwas plump erscheinen lassen. Doch es ergibt Sinn. Ja, in gewisser Weise ist es sogar nötig. Denn wie viele historische Filme über afroamerikanische Persönlichkeiten kennen wir, die auch von Afroamerikanern für Afroamerikaner gemacht worden sind? Wo bleibt das kinematographische Zelebrieren und Nacherzählen dieses Teils der Geschichte? Richtig. Es gibt ihn kaum. Und so zeigt das pathetisch Wirkende markant den kollektiven Schmerz über jahrhundertlange Verluste, Demütigungen und Ausgrenzungen auf.

(Beatrice Behn)
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Als die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben wurden, gab es einen Schrei der Entrüstung, dass Ava DuVernays Film Selma nur zweimal genannt wurde – in der Kategorie für den besten Song und als bester Film. Tatsächlich ist die Nicht-Berücksichtigung von Hauptdarsteller David Oyelowo nicht zu verstehen. Er verkörpert Martin Luther King in jeder Szene, setzt nicht nur – wie bspw. Dane DeHaan als James Dean in Anton Corbijns Life - auf die Ähnlichkeit in Aussehen und Sprache, sondern füllt den engen Interpretationsspielraum hervorragend aus. Deshalb kann sich der Film in jeder Minute auf ihn und sein Charisma verlassen – und er nutzt dieses Potential vollends aus. Dennoch wäre wünschenswert gewesen, dass in Selma auch die vielen Geschichten neben Martin Luther King Platz gehabt hätten.

Der Film setzt mit zwei prägenden Ereignissen der Bürgerrechtsbewegung ein: Am 15. September 1963 explodiert in der 16th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama eine Bombe, durch die vier Mädchen sterben, die gerade aus der Sonntagsschule kamen. Und am 11. Dezember 1964 erhält Martin Luther King in Oslo den Friedensnobelpreis. Diese beiden Ereignisse markieren zugleich die beiden Pole, zwischen denen sich der Film ständig bewegen wird: Die Auswirkungen der Bürgerrechtskämpfe im Süden der USA auf das alltägliche Leben der Menschen und Martin Luther Kings Agieren auf politischer Ebene. Während also in Selma die Pflegerin Annie Lee Cooper (Oprah Winfrey) zum wiederholten Male versucht, sich als Wählerin registrieren zu lassen, und daran scheitert, dass der zuständige Beamte sie die Namen von 43 Bezirksrichtern aufzählen lässt, bemüht sich Martin Luther King bei Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkonson) um die Einführung eines allgemeinen Wahlrechts. Als er von Johnson vertröstet wird, setzt Martin Luther King auf die Mittel, die ihn bereits in dem Kampf um die Aufhebung der Rassentrennung geholfen haben: Märsche und friedlicher Protest sollen ihm mediale Aufmerksamkeit bringen und damit den Druck auf die Regierung erhöhen. Als Ort der Aktionen wird Selma ausgesucht. Hier findet Martin Luther King unter anderem mit dem SNCC ("Student Nonviolent Coordinating Committee") bereits aktive Gruppierungen, außerdem hat der Gouverneur von Alabama, George Wallace (Tim Roth), sich bereits 1964 geweigert, den "Civil Rights Act" anzuerkennen. Hinzu kommen zahllose Gesetze, die es schwarzen Amerikanern nahezu unmöglich machen, sich als Wähler registrieren zu lassen und insbesondere Sheriff Jim Clark (Stan Houston) setzt alles daran, die Registrierung zu verhindern.

Im Januar 1965 hält Martin Luther King schließlich eine Rede in der Brown Chapel und organisiert Masseneinschreibungen sowie Kundgebungen, die von Jim Clark und seinen Männern blutig niedergeschlagen werden. Damit nimmt der Marsch von Selma nach Montgomery seinen Anfang, im Film ist es eine von vielen Reden, die Ava DuVernay ausführlich wiedergibt. Dabei entfalten die Worte Kings – unterstützt durch den Schnitt und die Musik – Ergriffenheit und auch Pathos. Hinzu kommen die Bilder, die die blutigen Folgen der Massenproteste zeigen, die willkürliche staatliche weiße Gewalt, die auch Jahrzehnte später und insbesondere in Anbetracht der Tötungen in Ferguson und New York ihre Wirkung nicht verloren haben.

Selma ist daher ein bewegendes Geschichtsepos, das von einem der wichtigsten Ereignisse der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung erzählt. Dabei geben die Höhepunkte in Kings Leben und dieser Zeit lediglich den Rahmen, im Kern konzentriert sich Ava DuVernay – wie zuletzt bspw. auch Spielbergs Lincoln – auf die Prozesse, die zu solchen Ereignissen führen. Leider bleiben die Nebenfiguren gerade in der "Southern Christian Leadership Conference" etwas blass, auch beschönigt Ava DuVernay in ihrem Versuch, die politische und private Seite von Martin Luther King zu zeigen, letztere durchaus. Aber damit macht sie nichts anderes, als zahlreiche Filmemacher vor ihr es mit ähnlichen weißen charismatischen Anführern wie John F. Kennedy gemacht haben. Denn bei Selma gibt es zwei Seiten: die filmische und politische. Dieser Film ist in seiner Machart, seinem Schnitt, seiner Kameraarbeit und der Musik durch und durch konventionell. Jedoch führt er nochmals vor Augen, wie blutig der Kampf um Gleichberechtigung war – und wie wenig Filme es über die Geschichte der Afroamerikaner gibt, die konsequent aus ihrer Sicht erzählt sind. Deshalb ist Selma kein besserer Film als Imitation Game oder Die Entdeckung der Unendlichkeit, aber er erzählt eben nicht die Geschichte weißer Männer.

(Sonja Hartl)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2014
Länge: 128 (Min.)
Verleih: StudioCanal
Kinostart: 19.02.2015

Cast & Crew

Regie: Ava DuVernay
Drehbuch: Paul Webb
Kamera: Bradford Young
Schnitt: Spencer Averick
Hauptdarsteller: Giovanni Ribisi, Alessandro Nivola, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Dylan Baker, Jeremy Strong, Oprah Winfrey, David Oyelowo, Tessa Thompson, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint

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