"Privatisierung ist kein Naturgesetz" - Interview mit Florian Opitz zu "Der große Ausverkauf"

Kinostart: 01.01.2007
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Den globalen Zusammenhang anhand von simplen, kleinen Geschichten begreifbar machen

An einem sonnigen Freitagmittag im Café KuchenKaiser in Berlin-Kreuzberg traf www.kino-zeit.de auf einen etwas müde wirkenden Florian Opitz. Den Jetlag noch in den Gliedern kam er gerade zurück vom Chicagoer Filmfestival, um am selben Tag noch weiter nach New York zu düsen. Der in Berlin lebende Filmemacher wurde beim Kaffee und Gespräch immer wacher und sprach sehr ausgiebig und angeregt über seinen aufrüttelnden Dokumentarfilm Der große Ausverkauf.

Deine Filme liefen bereits auf vielen Festivals, darunter Göteborg, Hongkong, Chicago, Nyon und Toronto. Wie haben die Zuschauer reagiert?

Schon auf der Premiere in Hof waren die Reaktionen sehr positiv. Das Publikum hat mich regelrecht angespornt, den Film so breit wie möglich publizieren. In Schweden, wo eine neoliberale Regierung an die Macht gekommen ist und viel privatisiert werden soll, in der Schweiz und in Kanada, hat mein Film offenbar genau den Nerv der Leute getroffen. Selbst in Hongkong, der Stadt des Konsums und des Kapitals ist der Film super angekommen. Das hätte ich so nicht erwartet. Egal wo, das Publikum kann immer den Bezug zur eigenen Realität, zu den Privatisierungen im Land herstellen und hat scheinbar ein Bedürfnis, diese zu diskutieren. Auf allen Festivals waren die Vorstellungen ausverkauft. Außer in Chicago. In den USA scheint es grundsätzlich schwierig zu sein, ein Publikum für europäische Dokumentarfilme zu finden.

Das amerikanische Publikum ist wohl eher den Dokumentarstil von Michael Moore gewöhnt.

Es ist erstaunlich zu sehen, was den Erfolg bestimmter Filme in Europa und den Nicht-Erfolg in den USA ausmacht. The Corporation (2003, Regie: Mark Achbar, Jennifer Abbott) hat in den USA super funktioniert, ebenso The Take (2004, Regie: Avi Lewis). Das liegt meiner Meinung zum Einen daran, dass ein Presenter durch den Film läuft und die Wahrheit zeigt. Zum Anderen daran, dass in den USA ein öffentlich-rechtliches Fernsehen nicht mehr existent ist. Da ist Aufklärung im Dokumentarfilm bei einem bestimmten Publikum gefragt. Während in Europa die dokumentarische Form erfolgreich ist, die sich mehr Zeit lässt und dem Zuschauer mehr Freiheit gibt.

Mit deinem Film reihst du dich ein in globalisierungskritische Filme wie Darwin's Nightmare (2004, Hubert Sauper), We feed the World (2006, Erwin Wagenhofer), Unser täglich Brot (2005, Nikolaus Geyrhalter)...

Ich glaube, es ist die Lust, den globalen Zusammenhang anhand von simplen, kleinen Geschichten begreifbar zu machen. Anhand dieser Beispiele begreifen das eben auch die Leute besser, die nicht jeden Tag alle politischen News verfolgen, die nicht die wirtschaftlichen Zusammenhänge studiert haben.

Du hast dich vier Jahre mit dem Film beschäftigt, bist in
in die entlegensten Orte gefahren. Wusstest du am Anfang ungefähr, was am Ende dabei herauskommen?


Ja und nein. Wenn man das Treatment vom Anfang liest, ist das noch verhältnismäßig stark das, was ich vorhatte. Ich wollte fünf Fälle erzählen, jetzt sind’s vier geworden, pro Kontinent einen Bereich der Privatisierung abdecken. Aber Filme entwickeln sich ja auf eine natürliche Art und auch bei diesem Projekt hat sich viel verändert. Ich habe im Zeitraum der Arbeit unheimlich viel gelernt, habe viele Filme gesehen, bin beeinflusst worden und dass hat sich auf meine Arbeit ausgewirkt.

Was oder wer hat dich beeinflusst?

Alle möglichen Sachen. Mir ist immer klarer geworden, mich von der amerikanischen Schule des Dokumentarfilms wegzubewegen, dieser Art, das Publikum in eine Richtung zu lenken. Und dafür eine zurückhaltendere Erzählposition einzunehmen. Ich habe mich viel mit dem Dokumentarischen beschäftigt. Mit der Frage, was denn nun einen Dokumentarfilm ausmacht, was den Dokumentarfilm auch formal von der Dokumentation im Fernsehen unterscheidet. Denn ich komme ja eigentlich vom Fernsehen. Ich war ja nie auf einer Filmhochschule.

Wie bist du bei der Recherche vorgegangen?

Ich bin von Hause aus Historiker. Vielleicht deswegen habe ich erst einmal ganz systematisch recherchiert und nach diesen Fällen gesucht. Ich hatte ein sehr gutes, internationales Pressearchiv zur Verfügung, aber habe darin kaum etwas gefunden. Es gab keine Literatur oder Presse mit Fallstudien über die gesellschaftlichen Effekte der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen. Privatisierung wurde meist im abstrakten wirtschaftlichen Sinne behandelt. Dann habe ich bei NGOs, die Vereinten Nationen, alle möglichen Institutionen, Gewerkschaften, Universitäten zu diesem Thema recherchiert. Da gab es einzelne Fallbeispiele von bestimmten Regionen oder Bereichen, aber auch noch sehr abstrakt. Aus diesen Fallbeispielen habe ich dann einige ausgewählt und von da aus den Film aufgebaut.

Wonach hast du gesucht? Nur nach Fällen, bei denen Privatisierung schief gelaufen ist?

Erstmal nach allen Fällen. Ich bin von einer Ausgangslage ausgegangen, wo 2003 im NGO-Bereich die ersten Diskussionen und Kampagnen zum Thema Privatisierung losgingen. Das GATS-Abkommen der WTO sollte realisiert werden, was allen Ländern vorschreiben sollte, die öffentlichen Dienste für die Liberalisierung und die Privatisierung zu öffnen. 2003 wurde die Privatisierung von der öffentlichen Meinung und v.a. von den Medien noch sehr positiv gesehen. Hier haben so ziemlich alle Medien ungeprüft in den Chor eingestimmt, dass Privatisierungen alles effizienter und billiger machen und mehr Wettbewerb bringen. Aber es gab damals eben auch schon viele Beispiele, wo Privatisierungen nicht die wunderbaren Ergebnisse für die Bürger hatten, die immer damit verbunden werden. Ich wollte die Menschen dafür sensibilisieren, eine Diskussion entfachen. Ich hatte den Eindruck, dass diese Diskussion gesellschaftlich nicht stattfand und dass in den Medien immer nur eine lobbyunterstützte Meinung gebetsmühlenartig wiederholt wurde. Ich glaube hier nicht an irgendeine Verschwörungstheorie, sondern an die relative große Unkenntnis vieler Journalisten auf dem Gebiet wirtschaftlicher Zusammenhänge. Das führt dann einfach oft zur Wiederholung des Bekannten. Weil man es einfach nicht besser weiß.

Würde es den Menschen besser gehen, wären die Betriebe noch in staatlicher Hand? Staatlich läuft es doch auch nicht immer gut.

Ich will nicht sagen, dass in allen Fällen, in denen Dienstleistungen in staatlicher Hand sind, alles wunderbar ist. Aber man kann ja auch versuchen, staatliche Betriebe effektiver zu machen. Wissenschaftler haben Fälle gefunden, wo es nach der Privatisierung besser geworden ist. Vor allem da, wo die Dienste vorher überhaupt nicht funktioniert haben und in den Staaten, wo hohe Korruption herrschte. Aber ich will einen Denkanstoß geben und zeigen, dass Privatisierung oder Neoliberalismus kein Naturgesetz sind, wie uns die Medien oder Politiker oft glauben machen wollen.

Du lässt hauptsächlich Opfer der Privatisierung zu Wort kommen. Von den Entscheidern wie IWF, Weltbank und WTO bekommen wir nicht viel zu sehen. Warum hast du dieses Ungleichgewicht erzeugt?

Klar ist es einseitig, aber man hat uns nicht die Möglichkeit geboten, mehr von der anderen Seite hineinzubringen. Ich wollte nicht nur die Leute zeigen, die es betrifft, sondern auch die Leute, die entscheiden. Ich hätte mir gern mehr Konfrontation gewünscht. Das ist ja das Salz in der Suppe eines Films. Ich habe die großen Institutionen, IWF, Weltbank, WTO etc. jahrelang für Interviews angefragt. Aber sie haben alle entweder von vorne herein abgesagt, oder bereits schriftlich zugesagte Interviews, bis auf das eine im Film mit dem Herrn von der Weltbank, wieder abgesagt. Es herrschte eine regelrecht paranoide Stimmung dort, die uns das Leben sehr schwer gemacht hat. Es ist erstaunlich, aber es scheint unmöglich, Leute zu finden, die sich vor der Kamera positiv zum Thema Privatisierung äußern wollten. Obwohl diese und andere Institutionen Privatisierung immer noch vorantreiben, will letztlich niemand dafür verantwortlich sein. Eine geisterhafte Vorstellung. Ein System, dass sich selbstständig gemacht hat und dass niemandem gegenüber mehr Rechenschaft ablegt.

Aber ein Interview hast du mit der Weltbank machen können.

Ich hatte schriftlich vier Interviews mit der Weltbank verabredet, weitere mit dem IWF und der WTO angefragt. Der IWF hat sich geweigert, weil sie über mich recherchiert und mich dann als „gefährliche Person“ eingeschätzt haben. Ich hatte Empfehlungen von den öffentlich-rechtlichen Sendern, aber das hat auch nicht geholfen. Sie haben uns dann auf ihre Website verwiesen. Bei der Weltbank war es so, dass von den vier schriftlich verabredeten Interviews nur noch eins letztendlich gemacht werden durfte. Ein Drehtag war verabredet, dann sollten wir nur eine Stunde drehen. Als wir dann drin waren, sollten wir plötzlich nach einer Minute die Kamera wieder einpacken und wurden dann wieder hinausbefördert. Ich schätze mal, dass da die Drehbedingungen in der DDR noch besser waren. Was wir im Film sehen, war so ziemlich alles, was wir von denen bekommen konnten.

Welche Anweisungen hast du deinen Protagonisten, den Betroffenen gegeben?

Wir hatten ja ein sehr abstraktes, politisches Thema, das wir auf eine gewisse Art und Weise präsentieren wollten, gleichzeitig hatten wir uns vorgenommen, das nicht zu steuern, nicht zu lenken, die Dinge nicht mit Kommentaren zu verbinden, sondern einfach da zu sein bis sich die Geschichten entwickelt haben und das erklären, was wir sagen wollten. Die richtigen Protagonisten zu finden, bedarf unheimlich viel Geduld und Zeit, vor allem das Isolieren der Geschichten, die auf das Thema Privatisierung hinlenken, aus der Gesamtheit dessen, was Du vor Ort vorfindest. Aber andererseits war es auch wiederum einfach: Denn zur Privatisierung, zur Rolle der Weltbank und des IWF, weiß in diesen Ländern wirklich jeder was zu sagen und will jeder was sagen, weil alle die Nase voll davon haben.

Du willst weiter Dokumentarfilme drehen. Wie sieht’s mit Spielfilmen aus?

Ich würde gern den Grenzbereich zwischen Spiel- und Dokumentarfilm ausloten, vielleicht formal mal so was wie Michael Winterbottom machen, so in Richtung The Road to Guantanamo, wo bestimmte Spielszenen mit dokumentarischen Szenen vermischt sind.

Willst du dich weiter mit dem Thema Privatisierung beschäftigen oder ist der Film für dich eine abgeschlossene Arbeit?

Ich denke, dass es für mich ein abgeschlossenes Thema ist. Normalerweise bin ich viel schneller von Themen gelangweilt. Sich viereinhalb Jahre mit einem Thema so intensiv zu befassen und zwischenzeitlich nicht mehr zu wissen, ob das überhaupt jemand interessiert, das war schon sehr anstrengend. Jetzt ist es an der Zeit, mich anderen Themen zu widmen.

Mit Florian Opitz sprach Katrin Knauth.

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Titel: "Privatisierung ist kein Naturgesetz" - Interview mit Florian Opitz zu "Der große Ausverkauf"

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Kinostart: 01.01.2007

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