Novemberkind

Kinostart: 20.11.2008
FSK: 12
Genre: Drama
Leserbewertung:
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Baden mit Pelzmütze

Es war eine seiner eindrücklichsten Rollen: Ulrich Mühe in Das Leben der Anderen. Jetzt spielt seine Tochter Anna Maria Mühe eine junge Frau, die ebenfalls zwischen die Mühlsteine der deutsch-deutschen Geschichte gerät. Nicht nur wegen der schauspielerischen Leistungen ist Novemberkind ein Film, der ähnlich unter die Haut geht.

Am Anfang ist alles gut. Ein See im Mecklenburgischen, zwei Freundinnen rennen mitten im November ins eiskalte Wasser. Die jungen Frauen tollen herum wie Kinder, juchzen, was das Zeug hält. Ein schönes Bild: Inga (Anna Maria Mühe) behält im Wasser ihre Pelzmütze auf. Die wird sie auch an Land noch brauchen können: die dicke Kappe mit den Schlappohren als Markenzeichen einer jungen Frau, die durch alle Widrigkeiten hindurch ihren Weg findet.

Inga ist 25. Sie arbeitet als Bibliothekarin und fühlt sich wohl in dem kleinen Dorf im Osten Deutschlands. Hier leben ihre Großeltern, bei denen sie aufgewachsen ist. Die Mutter ist angeblich in der Ostsee ertrunken, als Inga ein halbes Jahr alt war. Es gibt ein Grab und keinen Anlass, an dieser Geschichte zu zweifeln. Bis ein mysteriöser Fremder in dem Dorf an der Seenplatte auftaucht, der im November dort vermutlich keinen Urlaub machen wird. Robert (Ulrich Matthes) ist Professor für kreatives Schreiben in Konstanz. Warum er das "schwäbische Meer" gegen die Seenplatte im Nordosten tauscht, wird nur allmählich klar. Aber durch ihn erfährt Inga etwas, was selbst ihre beste Freundin seit Jahren wusste: Ingas Mutter ist nicht im Osten gestorben, sondern 1980 in den Westen geflohen. Gemeinsam machen sich Inga und Robert auf Spurensuche durch ein blau-graues November-Deutschland: sie im Sattel ihres Motorrades, er im Beiwagen. Eine Gefühls-Landschaft – manchmal melancholisch-romantisch verklärt, dann wieder hart und realistisch.

Regisseur Christian Schwochow entfaltet in diesem Drama und Roadmovie einen erzählerischen Sog, der erstaunlich ist für einen Debütfilm. Rückblenden treiben das Geschehen voran, führen immer tiefer in menschliche Abgründe, in Verrat, Feigheit und Schuld. Die verwickelte Geschichte marschiert vorwärts wie ihre Protagonistin: zielstrebig, keinem Hindernis aus dem Weg gehend und trotzdem bisweilen taumelnd wie ein Boxer wegen all der emotionalen Tiefschläge.

"Ich nehme ihr die Identität und biete ihr Lügen", sagt Robert einmal in einem Anfall von Selbsterkenntnis. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Inga ist stark genug, sich den Tatsachen zu stellen und daran zu wachsen. Alle um sie herum sind zwar Täter. Aber Inga ist kein Opfer. Wäre sie es, wäre dieser außergewöhnliche Film nicht einmal halb so gut. Es ist die große Leistung des Drehbuchs, diese Klippe zu umschiffen. Vielleicht liegt es daran, dass Regisseur Christian Schwochow das Skript zusammen mit seiner Mutter Heide Schwochow geschrieben hat: eine sicher nicht immer einfache, aber in diesem Fall höchst produktive Konstellation. Paaren sich doch die Empörung und das Aufbruchsgefühl der jungen Generation – der Regisseur ist Jahrgang 1978 – mit dem Gespür für die Zwischentöne und dem Vermeiden von billigen Schuldzuweisungen.

Beispielhaft für die Gebrochenheit der Charaktere um Inga herum steht Ulrich Matthes als Robert. Eigentlich ist dieser Professor in der Lebenskrise ein Lügner, Ausbeuter und Zyniker. Aber Ulrich Matthes verleiht der Figur etwas verzweifelt Getriebenes, das selbst den schlimmsten Zynismus irgendwo nachvollziehbar macht. Wie er sich mit der hellwachen Anna Maria Mühe in einen Clinch aus Zuneigung und Verrat begibt, wie sich die beiden anziehen und abstoßen, wie der vielfach ausgezeichnete Theater- und Filmstar in der Nachwuchsschauspielerin einen ebenbürtigen Widerpart findet – schon das macht diesen Film sehenswert.

Am Ende sitzt Inga in einem Zug. Wohin die Reise geht, wissen wir nicht. Aber wir sehen, wie sie ein dickes Heft aufschlägt und zu schreiben beginnt. Nicht die schlechteste Art, mit einer solchen Geschichte fertig zu werden. Und das ausnahmsweise mal ganz ohne Pelzmütze.

(Peter Gutting)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Novemberkind
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2008
Länge: 95 (Min.)
Verleih: Schwarz-Weiss Filmverleih

VERÖFFENTLICHUNGEN

Kinostart: 20.11.2008

Trailer

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FILMBEWERTUNG

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Bisherige Kommentare (Anzeige: 5 von insgesamt 19)
Von: kurstadtbanause am: 27.10.09
den film hab ich ewig in videotheken gesucht. gestern kam er dann auf swr und -naja schade. hatte mich auf diesen film gefreut, da er uns oder auch mir DDR- waisen vielleicht hätte einiges erklären und hätte hoffen lassen können. ich war enttäuscht ! leider war der film oberflächlich und es wurde nur wie ein -stichpunkt- nach dem anderen abgedreht. wirklich schade
Von: Willi Müller am: 22.02.09
Das war das schlimmste was wir bisher in Kino und anderswo gesehen haben.
Von: Martin Holgersen am: 15.01.09
Liebe Güte, was für frustrierte Menschen tummeln sich denn hier? Ich finde, Novemberkind ist ein überaus gelungener Film.
Von: Annette Roesler am: 30.12.08
Um es gelinde auszudrücken, der Film war/ist eine Katastrophe, habe lange keinen so schlechten Film mehr gesehen, so bemüht, gestelzt und klischeemäßig überladen! Ganz peinlich. Für jemanden, der aus dem Osten kommt, eine heftige Ohrfeige ins Gesicht. Das Thema des Films ist ohnehin schon so sensibel und hier wurde buchstäblich mit Axt mittendrein geschlagen. Menschen wurden lediglich auf gut funktionierende Bürger (der Chor als Metapher) reduziert. Das hätte wirklich nicht Not getan. Den Film dann auch noch mit dem wunderbaren Film 'Das Leben der Anderen' zu vergleichen, ist wirklich anmaßend. Das ist nämlich ein Film, der ohne jegliche Klischees auskommt und im wahrsten Sinne des Wortes authentisch ist. Außer Anna Maria Mühe, die eine wunderbare Doppelrolle gespielt hat, hat kein(e) einzig(e)r Darstellerin in diesem Film eine Identität erhalten. Alles nur an der Oberfläche angeritzt, immer noch mehr Türen aufgemacht, Unnötiges oben drauf gesetzt, wozu??? Robert war beispielsweise völlig überflüssig und was sollte Claire uns eigentlich vermitteln???? Bin sehr enttäuscht von diesem angeblichen Kino-Highlight. Dass der Regisseur Christian Schwochow auch noch aus dem Osten stammt, ist um so mehr enttäuschend. Annette Roesler (Bremen)
Von: am: 20.12.08
Ein sehr guter Film, etwas konstruiert. Ich dachte, wenn nur kein Fehler die Geschichte unglaubwürdig macht. Was gut rauskommt: Die Verhältnisse zwangen die Menschen Dinge zu tun, die sie nicht tun wollten! Auch ohne die Geschichte des jungen geflüchteten Russen wäre die Handlung tragisch genug gewesen. Inga konnte ihr krankes Kind auch ohne den Russen nicht mitnehmen. Die Eltern von Alexander und er müssen nach einem Ausreiseantrag legal aus der DDR weg sein, da Alexander sonst nicht mehr nach Prag hätte kommen können, um die Fluchthilfe zu organisieren. Das ist so ein Punkt, ich halte das für eher unwahrscheinlich. O.k., plötzlich kam Inga und Alexander Ingas Liebe zu dem Russen dazwischen, das geplante gemeinsame Leben im Westen war nicht mehr möglich. Der Russe musste sich seine Liebe abkaufen lassen, musste er? Sicher, die Großeltern konnten zur DDR- Zeit keinen Kontakt suchen, mussten sich sogar lossagen, aber nach dem Mauerfall so gar kein Bemühen? Und das ganze Dorf hielt auch nach 89 dicht? Alexander gibt auf, tragisch aber nachvollziehbar. Der Russe hat's nicht geschafft, richtig Fuß zu fassen? Oder machte sich die düstere Bahnhofsatmosphäre einfach gut? Genau wie das immer noch schmuddlige Malchow im Jahr 2008? Und im November mit der MZ 900Km von Malchow an den Bodensee? Robert, etwas zu unheimlich. Aber ohne Not sich nicht zu seinem Vorhaben zu bekennen, das wieder ist typisch für einen im Westen sozialisierten Intellektuellen. Nochmals: Tragisch: Die Mutter fand keine Hilfe und die Tochter sieht sich fassungslos von allen Seiten betrogen. O.K., sagen wir, es war gutes Wetter im November, um mit der MZ nach Süddeutschland zu kommen. Ein paar Längen, nah gut. Prima, ein deutsch-deutscher Film der diese Zeit erklärt. Danke!
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