Nichts ist besser als gar nichts

Kinostart: 04.11.2010
FSK: o.Al.
Leserbewertung:
Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen Filmwecker stellen In Kinoprogramm finden

Der Traum vom selbstbestimmten Leben

Es ist ein alter Traum der Menschheit: Maschinen nehmen uns unangenehme Arbeiten ab. Und wir werden frei für selbstbestimmtes Tun. Sei es, dass wir Bienen züchten. Sei es, dass wir Bilder malen. Oder Theorien entwerfen über eine neue Bewertung gesellschaftlich sinnvoller, aber bislang nicht gewürdigter Tätigkeiten. Die Sache mit den Maschinen ist wahr geworden, aber die andere Hälfte des Traums bleibt schöne Utopie. Warum das so ist, beleuchtet Dokumentarfilmer Jan Peters in einem Selbstversuch – spannend erzählt, kreativ bebildert und in eine Tonlage gefasst, die Mut macht.

Die Ausgangslage von Nichts ist besser als gar nichts könnte jedem von uns passieren: Die Freundin fliegt ins Ausland und nimmt versehentlich die Geldbörse des Partners mit. So steht Jan Peters am Frankfurter Flughafen mit buchstäblich "nichts". Allerdings ist seine Lage tatsächlich besser als "gar nichts". Er hat nämlich noch den Gruppenfahrschein für den Rhein-Main-Verkehrsverbund in der Tasche. Und eine Idee im Kopf: Mit dem Ticket darf er nämlich 24 Stunden lang mit U- oder S-Bahnen umhergondeln und bis zu vier andere Fahrgäste mitnehmen. Für die ist es meist billiger, für zwei Euro bei Jan Peters mitzufahren, als eine eigene Fahrkarte zu lösen. Gedacht, getan. Aus den ersten Versuchen wird eine "Corporate Identity", sprich Arbeitskleidung und Visitenkarte, mit dem dazugehörigen "Business-Plan". Oder anders gesagt: Das Unternehmen "Main-Tours", das für sich mit dem Slogan wirbt: "Sei fit, fahr’ mit".

Man merkt es schon: Die Sprache der Marketingexperten, Persönlichkeits-Coaches und Ratgeber-Autoren wird hier tüchtig durch den Kakao gezogen. Ebenso wie die Bemühungen von Politik und Arbeitsbürokratie, das Ende der Arbeitsgesellschaft durch Ein-Euro-Jobs, ABM-Maßnahmen oder Ich-AGs zu kaschieren. Aber zugleich verfolgt Jan Peters, der 2007 schon den Kurzfilm Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde gedreht hatte, ein ernsthaftes Anliegen. Und deshalb spielt der Film sozusagen auf zwei Ebenen. Da ist einmal die Ebene des Selbstversuchs: Wird es Jan Peters gelingen, tatsächlich die sechs Wochen bis zur Rückkehr mit "Main-Tours" zu überbrücken? Das ist ein finten- und wendungsreicher Spannungsbogen, mit Aufs und Abs, immer neuen Ideen und immer neuen Ernüchterungen.

Zum anderen ist da aber die Ebene der Menschen, die Peters im öffentlichen Nahverkehr trifft. Die helfen ihm, ein anderes Experiment erfolgreich zu bestehen: Wird es ihm gelingen, seiner Freundin die besseren Geschichten zu erzählen als die, die sie aus einem abenteuerreichen Auslandsaufenthalt mitbringt? Da hat der Regisseur gute Karten. Etwa wenn er von Jürgen erzählen wird, der sich als Verkäufer der Obdachlosenzeitung "fiftyfifty" eine höchst kommunikative Existenz aufgebaut hat. Oder von Maik, der Philosophie studiert hat und heute Unternehmen mit neuen Ideen versorgt, indem er die Gedanken von Hegel und Kant in eine Manager-gerechte Sprache übersetzt. Oder von den Bienenzüchtern, von denen einige freischaffende Künstler sind, die sich mit den Bienenstöcken auf dem Dach des Museums etwas dazuverdienen. Alles also Existenzen, die das Ende der Arbeitsgesellschaft ins Positive wenden und für sich selber etwas Befriedigendes daraus ziehen.

Jan Peters macht aus diesen Begegnungen keinen dogmatischen Thesenfilm. Er bietet Assoziationsmaterial, aus dem jeder Zuschauer seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Und so ist die Initiative von Tagesmutter Susanne Wiest nur ein Gedanke unter vielen, obwohl er vielleicht die heimliche Sympathie des Regisseurs genießt. Sie hat beim Bundestag eine Petition eingereicht, in der sie ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle fordert. Eine ähnliche Idee verfolgt auch der weitaus prominentere Unternehmensgründer und Milliardär Götz Werner. Aber ihn hat der Regisseur in der Frankfurter U-Bahn nicht getroffen. Vielleicht ist das besser so. Sonst wäre aus einem wunderbar leichten und fantasievollen Film womöglich ein theorielastiges Soziologenseminar geworden.

(Peter Gutting)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Nichts ist besser als gar nichts
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2010
Länge: 89 (Min.)
Verleih: Filmtank / Aries Image

VERÖFFENTLICHUNGEN

Kinostart: 04.11.2010

Trailer

Fotogalerie

 (10 Bilder)

FILMBEWERTUNG

Klicken Sie auf einen Stern, um Ihre Bewertung abzugeben.

MEINUNGEN
Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)
   
KINOSTARTS
24.05 The Yellow Sea Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Na Hong-jin
24.05 Janosch - Komm, wir finden einen Schatz! Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Irina Probost
24.05 Moonrise Kingdom Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Wes Anderson
24.05 Act of Valor Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Mike McCoy, Scott Waugh
24.05 Ein ruhiges Leben Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Claudio Cupellini
24.05 Mes - Lauf! Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Shiar Abdi
CANNES 2012
26.05.12 The Taste of Money
26.05.12 Cosmopolis
26.05.12 Mud
25.05.12 A Respectable Family
25.05.12 Room 237
ARTHOUSE TOP 10
Quelle: AG Kino
1. Lachsfischen im Jemen Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
2. Ausgerechnet Sibirien Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 3
3. Ziemlich beste Freunde Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 21
4. Und wenn wir alle zusammenziehen? Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 8
5. Die Kunst zu lieben Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
6. Best Exotic Marigold Hotel Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 11
7. Barbara Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 12
8. Marley Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
9. Our Idiot Brother Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
10. My Week with Marilyn Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 6
Lesercharts TOP 5
1. Moonrise Kingdom Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Wes Anderson
2. Marley Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Kevin MacDonald
3. Frankfurt Coincidences Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Enkelejd Lluca
4. Bar25 - Tage außerhalb der Zeit Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Britta Mischer, Nana Yuriko
5. Hanni und Nanni 2 Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Julia von Heinz
PARTNER