Zurück zur Übersicht

Nach der Stille

Meinungen
6

4 Sterne aus 47 Bewertungen

Originaltitel: After the Silence
Kinostart: 22.09.2011
FSK: keine Angabe
Genre: Dokumentarfilm
Tags: Attentat, Nahostkonflikt, Israel, Palästina, Cinema Jenin, Filmfest München 2011

Wie die Mauer des Schweigens durchbrochen werden kann

Wenn eine Explosion verklungen ist, herrscht Stille. Todesstille. Bis dann die Welt wie aus einem Schlaf zu erwachen scheint, bis man die Sirenen hört und die Schreie der Verwundeten. Doch es gibt noch eine andere Stille und diese dauert viel länger an; es ist die Fassungslosigkeit der Hinterbliebenen, die leise Wut der Trauernden, der spürbare Hass auf den oder die Täter. Und diese Stille dauert ungleich länger an, manchmal hört sie nie auf. In Israel und Palästina ist dieses Verstummen seit vielen Jahren präsent, der mörderische Konflikt, in dem die beiden Völker gefangen sind, scheint unüberwindbar. Doch was geschähe, wenn dieses Schweigen endlich durchbrochen würde? Ist das überhaupt möglich?

Der Dokumentarfilm Nach der Stille zeigt, wie solch ein Gedankenexperiment Wirklichkeit werden könnte und was es bedeutet, wenn man diesen Versuch in eine größere Perspektive weiterdenkt. Auch hier steht am Anfang eine Explosion – zumindest im übertragenen Sinne. Am 31. März des Jahres 2002 betritt der 24-jährige aus Jenin im Westjordanland stammende Shadi Tobassi um die Mittagszeit herum ein arabisches Restaurant, zündet einen Sprengstoffgürtel und reißt 15 Menschen mit in den Tod. Unter den Opfern ist auch der 67 Jahre alte Architekt und Friedensaktivist Dov Chernobroda, der sich Zeit seines Lebens für die Aussöhnung der Israelis mit den Palästinensern eingesetzt hat. Als seine Witwe Yaël Armanet-Chernobroda im Jahre 2008 in Haifa Markus Vetters Film Das Herz von Jenin sieht, ist sie so begeistert von dem Werk und seiner Botschaft der Versöhnung, dass sie Vetter einen Brief schreibt und ihm vorschlägt, noch einen Film zu drehen. Aber dieses Mal über eine Annäherung, die von Israel ausgeht, ganz im Sinne ihres verstorbenen Mannes, der einmal sagte: "Es kann keinen Frieden geben, wenn die Feinde nicht miteinander sprechen." Und genau das hat Yaël vor, sie will die Mauer des Schweigens durchbrechen und Kontakt aufnehmen mit der Familie des Attentäters. Und das Filmteam aus Deutschland, zwei junge Regisseurinnen, die Markus Vetter ausgesucht hat und eine palästinensische Co-Regisseurin, sie sollen den Weg ebnen und das Vorhaben mit all seinen Schwierigkeiten begleiten.

Immer wieder wechselt der Film die Perspektiven, begleitet mal Yaël, um dann wieder die Familie Tobassi aufzusuchen und mit Freunden, Bekannten, einer Überlebenden des Attentats oder einem ehemaligen Anführer der Al-Aqsa-Brigaden zu sprechen. Und selbst der Blick auf sich selbst, auf die Schwierigkeiten, die das Filmteam selbst hat, kommt nicht zu kurz, so dass es manchmal beinahe scheint, als sei Nach der Stille das kollektive Tagebuch einer Begegnung, die eines Tages Geschichte schreiben wird – man sieht dem Film förmlich beim Entstehen zu und obwohl von Anfang an klar ist, wo die Reise enden wird, verfolgt man doch das Geschehen mit großer Spannung, weil man spürt, welche Kraft Gesten der Versöhnung haben können.

Trotz mancher kleinen Unsicherheiten, die zum Teil auch auf die überaus komplizierten Produktionsbedingungen zurückzuführen sind, ist Nach der Stille ein beeindruckender Film geworden, ein Manifest, das den Geist der Versöhnung und des Dialogs zwischen Palästinensern und Israelis aufgreift und weiterspinnt. Entstanden ist der Film als erste eigene Produktion des Cinema Jenin Projekts, bei dem Markus Vetter gemeinsam mit Freiwilligen aus aller Welt ein Kino in der palästinensischen Stadt wiederaufgebaut und eröffnet hat. Ein weiterer Film wird bald folgen, bei dem dann wieder Markus Vetter Regie führen wird – ihm ist das Cinema Jenin ganz offensichtlich zur Herzensangelegenheit und Lebensaufgabe geworden. Und wie es scheint, ist diese Aufgabe trotz aller Schwierigkeiten mittlerweile auf dem Weg, zum Vorzeigeobjekt all jener Kräfte auf beiden Seiten zu werden, die an Frieden und Versöhnung glauben.

Noch sind Geschichten wie die von Yael Armanet-Chernobroda und der Familie Tobassi Einzelfälle. Doch sie machen Hoffnung, dass die Todesstille in Israel und Palästina, diese Grabesstille nach den Explosionen und Detonationen bald aufhört und von einem Dialog abgelöst wird.

(Joachim Kurz)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland, Palästina
Produktionsjahr: 2011
Länge: 81 (Min.)
Verleih: Bukera / Be Movie
Ton/Sprache: OmU
Kinostart: 22.09.2011

Cast & Crew

Regie: Stephanie Bürger, Jule Ott, Manal Abdallah
Drehbuch: Jule Ott, Stephanie Bürger
Kamera: Mareike Müller
Schnitt: Jule Ott, Stephanie Bürger
Musik: Sven Kaiser

MEINUNGEN

Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)

Kommentar Seiten « 1 2 »

Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 6)
Von: Luzie am: 02.10.11
einfach nur sprachlos!
Von: Jörg am: 23.09.11
Ein sehr interessanter, authentischer und vielschichtiger Film. Es wird einem zu keinem Zeitpunkt langweilig. Der Film stellt einen absolut überzeugenden Friedensappell dar.
Von: Stephan S., Ulm am: 30.07.11
Ein hervorragender Film: es wurde zu einem eigentlich ja schon etwas ermüdeten Thema ein sehr guter Zugang gefunden. Die Protagonisten werden sehr wertschätzend begleitet - der Film berührt somit durch seine Herzenswärme in der Beobachtung von Menschen in sehr unterschiedlichen Kulturen. Dazu trägt bei, dass die Sprachenvielfalt mit guter Untertitelung erhalten bleibt, und dass die (deutschen) Regisseurinnen die Entfaltung der Geschichte nicht auf sich zentrieren, weder durch Übersetzungen noch durch Off-Kommentare, sondern nur begleiten und entwickeln lassen auf sehr angenehm zurückhaltende Art. Der Konflikt wird somit von der Seite der in ihm lebenden Menschen erlebbar - und zeigt einen sensationelle Lösungsansatz von unten, der in der Staatspolitik und der interessengeleiteten Öffentlichkeitsarbeit sonst keinen Raum findet. Die politische Orientierung des Films ist m.E. ausbalanciert (selten in diesem Konflikt); evtl. hätte man der israelischen Hardliner-Seite noch etwas mehr Raum geben dürfen. Tolle Musik - das Thema erinnert mich an Albinoni, die Arien sind wohl aus Stabat Mater (Pergolesi). Wir waren zögerlich ins Kino gegangen, und kamen begeistert wieder heraus. EMPFEHLUNG!!!
Von: Ric Henkel am: 01.07.11
... ich hoffe, der Film rüttelt die Menschen wach, dass es so nicht weitergehen kann !
Von: Daniel Rosemann am: 23.06.11
sehr interessant..ich freue mich auf den film!

Kommentar Seiten « 1 2 »

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Filmfest München