Muxmäuschenstill - ein Interview mit dem Regisseur Marcus Mittermeier
Kinostart:
01.01.2004
Leserbewertung:
Moralisch? Ja. Moralinsauer? Nein.
Die Kritiken zu dem Gewinnerfilm des Saarbrücker Max-Ophüls-Festvials Muxmäuschenstill, der am 8. Juli in die deutschen Kinos kommt, gehen zum Teil weit auseinander. In einem Interview im Presseheft äußert sich der Filmemacher Marcus Mittermaier zu seinem Film und zu den Umständen der Entstehung.
Ist „MUXMÄUSCHENSTILL“ ein moralischer Film?
Moralisch? Ja. Moralinsauer? Nein. Ich glaube, es ist nur möglich, einen moralischen Film zu machen, indem man moralisches Handeln zwar thematisiert, aber nicht wertet. Denn Filme mit erhobenem Zeigefinger sind stinklangweilig. Deswegen geben wir nur die Geschichte vor, die Gedanken dazu muss sich jeder Zuschauer selbst machen. Wir drängen ihm keine Moral auf – und schon gar keine, die sich in einen Satz fassen ließe: Wir zeigen, dass das Leben komplizierter ist.
Halten Sie Mux für einen sympathischen Zeitgenossen?
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich bin mir sicher, dass ihn viele Leute erst mal sympathisch finden werden – schließlich hat Jan, der ihn spielt, einfach eine höchst angenehme Ausstrahlung. Das war ja Sinn und Zweck der Sache: eine sympathische Erscheinung zu zeigen, die teilweise völlig neben der Kappe liegt – das macht eine Festlegung für den Zuschauer schwierig.
Können Sie seine Ansichten nachvollziehen?
Einige seiner Sprüche finde ich sehr treffend. Manches von dem, was er sagt, hat eine Bitterkeit, die mir gut gefällt. Sein Kampf für mehr Solidarität und Verantwortungsbewusstsein wäre ja an sich auch nicht verkehrt – aber seine Willkür, sein fehlendes Maß und seine rücksichtslose Art sind für mich völlig indiskutabel.
Sehen Sie ihn als Idealisten?
Ich sehe ihn vor allem als romantisch verklärten Charakter. Das zeigt sich besonders in den Szenen mit Kira: Mux hält sich selbst für ein Genie nach der Art von Schiller oder Kleist – und Kira für seine hehre Muse. In den Dialogen mit ihr, die eigentlich eher Mux-Monologe sind, wird noch ein weiterer wichtiger Aspekt deutlich: sein Autismus. Mux hört überhaupt nicht auf das, was Kira sagt. Andere Meinungen existieren für ihn nicht, jeder hat nach seinem Weltbild zu leben – eine völlige Missachtung des "du" und eine haarsträubende Missdeutung des Kant’schen Kategorischen Imperativs (auf den sich Mux so gern beruft): Den kann es ja nur geben, wenn man den anderen als gleichwertig akzeptiert. Mux ist überzeugt, dass er ein moralischer Mensch ist – aber er hat noch nicht einmal die Grundprinzipien der Ethik kapiert.
Wie haben Sie Ihr filmisches Porträt dieser zwiespältigen Figur angelegt?
Mein Ziel war es, eine Figur mit faschistoiden Zügen zu zeichnen, die anfangs durchaus Zustimmung auslösen kann – und diesen Charakter Schritt für Schritt zu demontieren. Dabei verändert sich Mux während des Films in Wirklichkeit kaum: Unser Trick besteht darin, mit der sich wandelnden Sichtweise des Publikums zu spielen und so der Figur permanent neue Schattierungen zu verleihen. Aber keiner sieht sich gern einen Film über einen kranken Psychopathen an. Darum ist es mir wichtig, dass der Zuschauer den Draht zu der Figur nicht verliert, dass sie zwischendurch wieder interessant erscheint.
Fürchten Sie dabei keinen Applaus von der falschen Seite?
Als Filmemacher habe ich sehr viel dafür getan, dass das nicht passiert. Denn ich zeige sehr deutlich, dass Mux kein Held ist, sondern ein armer Wurm, und dass er zwar in manchen Dingen Recht hat, in den meisten aber nicht. Ich gebe schon zu, dass wir die Geschichte auf die Spitze treiben, indem wir zeigen, wie Mux bis zu einem gewissen Punkt tatsächlich etwas verändert und zumindest in den Medien Erfolg hat. Aber die Figur wird doch immer wieder gebrochen. Ich denke, dass der Zuschauer im Lauf des Films ein Gespür dafür bekommt: Anfangs klatscht er vielleicht Beifall, aber schon bald ist es ihm unangenehm. Ständig muss er sich neu orientieren und seine eigene Position wieder überprüfen.
Glauben Sie, dass das Publikum sich auf dieses Spiel einlässt?
O ja. Der Zuschauer ist nämlich nicht so dumm, wie viele denken. Darum hat mich auch der Publikumspreis beim Max-Ophüls-Festival am meisten gefreut: Er zeigt, dass die Zuschauer verstanden haben, welche Diskussion wir mit unserem Film in Gang bringen wollten.
Wie sind Sie beim Drehen vorgegangen? Haben Sie die einzelnen Einstellungen minutiös vorher geplant?
Nein, mir war es wichtig, mir beim Drehen die größtmögliche Freiheit zu bewahren, damit ich spontan reagieren konnte. Der Film soll ja dokumentarisch wirken – so, als ob wir das alle zum ersten Mal erleben. Darum wollte ich auch keine kameratechnischen Spielereien, keine auffälligen Kreisfahrten oder Ähnliches. Die Geschichte ist ohnehin schon schräg und verquer – wenn man ihr auch noch eine Kunstform aufdrückt, wird sie zu abgehoben.
Haben Sie sich für Ihre erste Spielfilm-Regie noch mit Tipps und Tricks versorgt?
Einige Kollegen und Bekannte haben mir genau erzählt, was ich machen dürfte und was nicht. Ich habe mir im Prinzip alles davon gemerkt – und dann immer genau das Gegenteil gemacht. Off-Monologe und Überblendungen, so hörte ich, sind völlig out – doch MUXMÄUSCHENSTILL ist voll davon. Stattdessen sind Zooms und Achsensprünge angeblich total modern – aber in meinem Film kommen sie praktisch überhaupt nicht vor. Schließlich hat man mir gesagt, man dürfe auf keinen Fall ein weißes Pferd filmen.
Warum denn das?
Weil das angeblich Unglück bringt. Aber natürlich habe ich mich darüber hinweggesetzt: An unserem letzten Drehtag in Italien sahen wir jemanden am Strand auf einem Schimmel reiten, und ich habe unseren Kameramann sofort gebeten, das Bild einzufangen. Kurz darauf rasen ein paar Carabinieri auf uns zu, richtig scharfe Jungs, und verlangen, das Bildmaterial rauszurücken. Es stellt sich heraus, dass wir einen berittenen Streifenpolizisten gefilmt haben – und zwar auf dem Privatgelände von Staatspräsident Ciampi! Am Ende haben sie uns aber doch laufen lassen.
Und jetzt sind Sie mit Ihrem Film beim X-Verleih gelandet…
Ja, das war der große Traum von Jan und mir: Wenn man so lange in der Kreisklasse des Filmgeschäfts arbeitet wie wir, dann möchte man natürlich irgendwann in die Bundesliga. Und dort gibt es eben auf der einen Seite so etwas wie den FC Bayern und auf der anderen Seite so etwas wie Werder Bremen. Nachdem ich aus Bayern komme, zog es mich logischerweise zum FC Bayern – und das ist für mich der X-Verleih. "X" ist eine Marke, und "Mux" ist eine Marke. Jetzt treffen sich die beiden. Das passt perfekt!
Ist „MUXMÄUSCHENSTILL“ ein moralischer Film?
Moralisch? Ja. Moralinsauer? Nein. Ich glaube, es ist nur möglich, einen moralischen Film zu machen, indem man moralisches Handeln zwar thematisiert, aber nicht wertet. Denn Filme mit erhobenem Zeigefinger sind stinklangweilig. Deswegen geben wir nur die Geschichte vor, die Gedanken dazu muss sich jeder Zuschauer selbst machen. Wir drängen ihm keine Moral auf – und schon gar keine, die sich in einen Satz fassen ließe: Wir zeigen, dass das Leben komplizierter ist.
Halten Sie Mux für einen sympathischen Zeitgenossen?
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich bin mir sicher, dass ihn viele Leute erst mal sympathisch finden werden – schließlich hat Jan, der ihn spielt, einfach eine höchst angenehme Ausstrahlung. Das war ja Sinn und Zweck der Sache: eine sympathische Erscheinung zu zeigen, die teilweise völlig neben der Kappe liegt – das macht eine Festlegung für den Zuschauer schwierig.
Können Sie seine Ansichten nachvollziehen?
Einige seiner Sprüche finde ich sehr treffend. Manches von dem, was er sagt, hat eine Bitterkeit, die mir gut gefällt. Sein Kampf für mehr Solidarität und Verantwortungsbewusstsein wäre ja an sich auch nicht verkehrt – aber seine Willkür, sein fehlendes Maß und seine rücksichtslose Art sind für mich völlig indiskutabel.
Sehen Sie ihn als Idealisten?
Ich sehe ihn vor allem als romantisch verklärten Charakter. Das zeigt sich besonders in den Szenen mit Kira: Mux hält sich selbst für ein Genie nach der Art von Schiller oder Kleist – und Kira für seine hehre Muse. In den Dialogen mit ihr, die eigentlich eher Mux-Monologe sind, wird noch ein weiterer wichtiger Aspekt deutlich: sein Autismus. Mux hört überhaupt nicht auf das, was Kira sagt. Andere Meinungen existieren für ihn nicht, jeder hat nach seinem Weltbild zu leben – eine völlige Missachtung des "du" und eine haarsträubende Missdeutung des Kant’schen Kategorischen Imperativs (auf den sich Mux so gern beruft): Den kann es ja nur geben, wenn man den anderen als gleichwertig akzeptiert. Mux ist überzeugt, dass er ein moralischer Mensch ist – aber er hat noch nicht einmal die Grundprinzipien der Ethik kapiert.
Wie haben Sie Ihr filmisches Porträt dieser zwiespältigen Figur angelegt?
Mein Ziel war es, eine Figur mit faschistoiden Zügen zu zeichnen, die anfangs durchaus Zustimmung auslösen kann – und diesen Charakter Schritt für Schritt zu demontieren. Dabei verändert sich Mux während des Films in Wirklichkeit kaum: Unser Trick besteht darin, mit der sich wandelnden Sichtweise des Publikums zu spielen und so der Figur permanent neue Schattierungen zu verleihen. Aber keiner sieht sich gern einen Film über einen kranken Psychopathen an. Darum ist es mir wichtig, dass der Zuschauer den Draht zu der Figur nicht verliert, dass sie zwischendurch wieder interessant erscheint.
Fürchten Sie dabei keinen Applaus von der falschen Seite?
Als Filmemacher habe ich sehr viel dafür getan, dass das nicht passiert. Denn ich zeige sehr deutlich, dass Mux kein Held ist, sondern ein armer Wurm, und dass er zwar in manchen Dingen Recht hat, in den meisten aber nicht. Ich gebe schon zu, dass wir die Geschichte auf die Spitze treiben, indem wir zeigen, wie Mux bis zu einem gewissen Punkt tatsächlich etwas verändert und zumindest in den Medien Erfolg hat. Aber die Figur wird doch immer wieder gebrochen. Ich denke, dass der Zuschauer im Lauf des Films ein Gespür dafür bekommt: Anfangs klatscht er vielleicht Beifall, aber schon bald ist es ihm unangenehm. Ständig muss er sich neu orientieren und seine eigene Position wieder überprüfen.
Glauben Sie, dass das Publikum sich auf dieses Spiel einlässt?
O ja. Der Zuschauer ist nämlich nicht so dumm, wie viele denken. Darum hat mich auch der Publikumspreis beim Max-Ophüls-Festival am meisten gefreut: Er zeigt, dass die Zuschauer verstanden haben, welche Diskussion wir mit unserem Film in Gang bringen wollten.
Wie sind Sie beim Drehen vorgegangen? Haben Sie die einzelnen Einstellungen minutiös vorher geplant?
Nein, mir war es wichtig, mir beim Drehen die größtmögliche Freiheit zu bewahren, damit ich spontan reagieren konnte. Der Film soll ja dokumentarisch wirken – so, als ob wir das alle zum ersten Mal erleben. Darum wollte ich auch keine kameratechnischen Spielereien, keine auffälligen Kreisfahrten oder Ähnliches. Die Geschichte ist ohnehin schon schräg und verquer – wenn man ihr auch noch eine Kunstform aufdrückt, wird sie zu abgehoben.
Haben Sie sich für Ihre erste Spielfilm-Regie noch mit Tipps und Tricks versorgt?
Einige Kollegen und Bekannte haben mir genau erzählt, was ich machen dürfte und was nicht. Ich habe mir im Prinzip alles davon gemerkt – und dann immer genau das Gegenteil gemacht. Off-Monologe und Überblendungen, so hörte ich, sind völlig out – doch MUXMÄUSCHENSTILL ist voll davon. Stattdessen sind Zooms und Achsensprünge angeblich total modern – aber in meinem Film kommen sie praktisch überhaupt nicht vor. Schließlich hat man mir gesagt, man dürfe auf keinen Fall ein weißes Pferd filmen.
Warum denn das?
Weil das angeblich Unglück bringt. Aber natürlich habe ich mich darüber hinweggesetzt: An unserem letzten Drehtag in Italien sahen wir jemanden am Strand auf einem Schimmel reiten, und ich habe unseren Kameramann sofort gebeten, das Bild einzufangen. Kurz darauf rasen ein paar Carabinieri auf uns zu, richtig scharfe Jungs, und verlangen, das Bildmaterial rauszurücken. Es stellt sich heraus, dass wir einen berittenen Streifenpolizisten gefilmt haben – und zwar auf dem Privatgelände von Staatspräsident Ciampi! Am Ende haben sie uns aber doch laufen lassen.
Und jetzt sind Sie mit Ihrem Film beim X-Verleih gelandet…
Ja, das war der große Traum von Jan und mir: Wenn man so lange in der Kreisklasse des Filmgeschäfts arbeitet wie wir, dann möchte man natürlich irgendwann in die Bundesliga. Und dort gibt es eben auf der einen Seite so etwas wie den FC Bayern und auf der anderen Seite so etwas wie Werder Bremen. Nachdem ich aus Bayern komme, zog es mich logischerweise zum FC Bayern – und das ist für mich der X-Verleih. "X" ist eine Marke, und "Mux" ist eine Marke. Jetzt treffen sich die beiden. Das passt perfekt!
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Muxmäuschenstill - ein Interview mit dem Regisseur Marcus Mittermeier
Produktionsland:
Deutschland
Produktionsjahr:
2004
Länge:
90 (Min.)
Verleih:
X-Verleih
VERÖFFENTLICHUNGEN
Kinostart:
01.01.2004
CAST & CREW
Regie:
Marcus Mittermeier
FILMBEWERTUNG
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