Mein Leben Teil 2

Kinostart: 04.12.2003
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Der Sinn unseres Lebens ist ...

Jeder Gegenstand trägt eine Geschichte. Jeder Gegenstand kann dazu auserkoren werden, eine Geschichte zu tragen. Jeder Gegenstand. Eine Führung durch ein großes Archiv. Die Filmemacherin Angelika Levi erzählt neben und vor und mit den Bildern. Die Bilder bestehen aus unterschiedlichen Materialien von großer taktiler Aussagekraft.

Erinnerungsträger sind Audiokassetten von BASF C60 aus den siebziger Jahren, 16mm-Film, Super8-Film, digitales Video, S-VHS-Video, Photographien, Schriftstücke, ein Becher, ein Sieb, Tagebücher, Wäschestücke, gepresste Pflanzen. Zeichen, die an den Übergängen vom Materiellen zum Immateriellen in die Geschichte ragen. Die Filmemacherin führt durch ihr Archiv. Sie kommentiert es im Gespräch mit dem angesammelten, ausgewählten und präzise geordneten Material, ohne der Spannung zwischen dem Ungesagten und dem Sagbaren auszuweichen. Ein ‘laid-back‘ Erzählduktus, der den geronnenen Schmerzen überhaupt nicht unangemessen ist. Kein Voice-over, eher ein Voice-nearby. „Ich frage mich oft: Wo bleibt die Wut, die Angst, die Verzweiflung der gewaltsam Ermordeten?”sagt sie.

Die Familienerzählung: Ein Vorfahre namens Leon Levi war Stadtschreiber in Neustadt in der Pfalz. Zum fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläum 1871 wird ihm ein silberner Becher verliehen. Aus diesem Becher wollte die Urgroßmutter angesichts der drohenden Deportation durch die Nazis ihren Selbstmordtrank zu sich nehmen. Ihre Enkelin, die Mutter der Filmemacherin, ein junges Mädchen damals, hoffte, sie davon abzuhalten, indem sie ihr den Becher nicht mitbrachte. Sie trank das Gift trotzdem. Der Großvater emigrierte 1938 nach Chile, die nichtjüdische Großmutter der Filmemacherin überlebte mit ihren zwei Kindern in Hamburg. Nach dem Krieg wanderten sie nach Chile aus. Dort wurde die Mutter eine anerkannte Biologin, die über die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen an die jeweilige Umwelt forschte. 1957 ging die Mutter zurück nach Deutschland und verliebte sich dort in einen evangelischen Theologen. Die Ehe der Mutter mit dem Pfarrer wurde, wie es der Vater beschreibt, von der Kirche als „eine Art Versöhnung” gesehen. Anfang der siebziger Jahre wird die Mutter schwer krank. Krebs. Der Vater zeichnet mit der Super8-Kamera Kinderspiele am Strand auf. Die Mutter schreibt im Krankenhaus mit einer von Kraftlosigkeit gezeichneten Schrift fast stündlich systematische Protokolle ihrer Körperempfindungen. Die Filmemacherin montiert dazu wie ein rhythmisches Kompendium gepresste und mit zarten Papierstreifen aufgeklebte chilenische Pflanzen aus dem Herbarium ihrer Mutter.

Der Film ist eine Schachtel in der Schachtel. Außen siedelt sich die Geschichte der Familie, die Erzählung über das Leben der Mutter an. Schon bald zeigt sich, dass die Überlieferungen der Mutter durch die Filmemacherin so angeordnet werden, dass anhand dieses Archivs die Frage gestellt wird, wo es nötig war, zu verdrängen und zu verschieben. Und wo etwas richtig gestellt werden muss: die Empfindlichkeit der Großmutter, Mutter und Tochter gegen ‘deutsche Zustände’, gegen die Definitionsmacht der Täter- und Mitläufergeneration und deren Nachkommen, denen das Privileg vergönnt zu sein scheint, nicht über die Vergangenheit der eigenen Familie nachdenken zu müssen. Eine Empfindlichkeit, die von der Mehrheitsgesellschaft pathologisiert wird, um von sich abzulenken. Das laute Sprechen der Öffentlichkeit dokumentiert der Film in kleinen, wohl gewählten Partikeln. Da ist eine Fernsehdiskussion mit Margarete Mitscherlich anlässlich der deutschen Ausstrahlung der amerikanischen Serie Holocaust zu sehen. Die Psychoanalytikerin merkt an: „Die Deutschen meinen, einfach durch Vergessen könnte ihr stark beeinträchtigtes Selbstwertgefühl wiederhergestellt werden.” Zwanzig Jahre später, die Paulskirchenrede des Schriftstellers Walser im literarisch ambitionierten Konjuktiv: „Ich käme ohne Wegschauen und Wegdenken nicht durch den Tag und schon gar nicht durch die Nacht.” Und schließlich stellt der Quoten-Historiker Guido Knopp bei einer TVUmfrage eine knappe Mehrheit von fünfzig Prozent (gegenüber vierundvierzig Prozent) für den „viel zitierten Schlussstrich” fest. Die Gegenwart: die Schießbude auf einer pfälzischen Kirmes. Die Besucher werden dazu animiert, mit Bällen auf die stereotyp modellierten Dunkelhäutigen und Hakennasigen zu werfen.

Madeleine Bernstorff

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Mein Leben Teil 2
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2003
Länge: 85 (Min.)
Verleih: Peripher Film

VERÖFFENTLICHUNGEN

Kinostart: 04.12.2003

CAST & CREW

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