Mein langsames Leben

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Zeit, die vergeht

Wer spricht?, ließe sich angesichts des Titels Mein langsames Leben fragen. Denn der Film ist weder in der ersten Person Singular erzählt, noch beansprucht seine Regisseurin Angela Schanelec explizit autobiographische Bezüge. Vielmehr geht es ihr auf dem Weg vom Leben zum Film und wieder zurück um die subjektive Empfindung von Zeit. Dieses persönliche Zeitempfinden gibt dem Film seinen Rhythmus und seine Struktur. Der Gehalt und seine Darstellung, Form und Inhalt sind bei Schanelec wesensmäßig aufeinander bezogen.

Das offensichtlichste und zugleich erfahrungsreichste Mittel dieses zeitlichen Strukturprinzips ist die Plansequenz: Die minutenlange, ungeschnittene Einstellung, in der die Zeit fließt, aber auch aufgehoben scheint. Angela Schanelec verstärkt die daraus erwachsende Ruhe und Konzentration noch durch die Statik des Kamerablicks und die damit korrespondierende Handlung „out of frame“, die als fast unmerklicher Reflex mittelbar im Bild präsent ist. Nicht die Kamera wechselt die Perspektive, sondern die Figuren ändern ihre Position im Raum und treten manchmal wie auf einer Theaterbühne auf und ab. So bekommt in Mein langsames Leben all das eine Wichtigkeit, was im konventionellen Erzählkino die Illusion stören würde. Denn in der Reduktion fällt der Blick auf das Detail; und wo die Filmmusik fehlt, werden die Geräusche wieder wichtig.

Verschränkt wird dieser „Naturalismus“, dessen Bildgestaltung klar, farblich ausgewogen und fast freundlich zu nennen ist, mit einem fragmentarischen, situativen Beschreibungsstil. Die Beobachtung ersetzt die Behauptung, die Ausformulierung ist der Andeutung gewichen und in den Teilen ist das Ganze nur mehr eine Ahnung. Gerade das, was fehlt, scheint Zusammenhänge zu stiften. Wegen der distanzierten, sachlichen Inszenierung und dem emotionslosen Spiel der Darsteller, das mitunter an die „Modelle“ in den Filmen Robert Bressons erinnert, hat man Schanelecs Filmsprache als „künstlichen Realismus“ bezeichnet. Und weil es in dieser Hinsicht stilistische Verwandtschaften mit den Filmen von Thomas Arslan und Christian Petzold gibt, die wie ihre Kollegin dffb-Absolventen sind, wurde diese Gruppe mit dem Namen „Berliner Schule“ apostrophiert.

Während die Gewichtung der Dialoge in möglichst alltäglichen Situationen Rohmersche Züge trägt, ist thematisch eine starke Verbindung zu Olivier Assayas’ Ende August, Anfang September erkennbar. Wie der französische Regisseur schildert Schanelec in einem zeitlich eng begrenzten Rahmen die Entwicklungen, Veränderungen und Umbrüche im Leben einer mehr oder weniger lose miteinander verbundenen Gruppe junger Frauen und Männer um die Dreißig, die sich in einem Stadium privater und gesellschaftlicher Unsicherheit befinden. Es geht um den schmerzhaften, aber notwendigen Abschied von den Vätern; um den Beginn und das Zerbrechen von Liebesbeziehungen; um das, was man vom anderen weiß und wie sich dieses Wissen verändert; um die Frage nach dem guten Leben und die Träume von einem anderen; schließlich um die Schwierigkeit, für sich die richtige Lebensform zu finden. Vieles bleibt Erwartung, während kaum etwas passiert und die Zeit fast unmerklich das Leben verändert.

Die 1962 geborene Schanelec hat diese Vielstimmigkeit um zwei hervorgehobene Figuren, die Architekturstudentin Valerie und den Fotografen Thomas, arrangiert. Ihr Film, der im Sommer und im Herbst in Berlin, Paris und am Bodensee spielt, ist unspektakulär, nüchtern und wahr. Die Lust auf das Leben resultiert in Schanelecs Film aus einem distanzierten Blick auf die Wirklichkeit. In einer der schönsten Szenen, der Hochzeit Marias mit Josef und der berührenden Rede des von Rüdiger Vogler gespielten Brautvaters, erlaubt sich die Regisseurin aber auch, für einen langen Moment hoffnungsvoll zu sein.

(Wolfgang Nierlin)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Mein langsames Leben
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2001
Länge: 85 (Min.)
Verleih: Peripher Filmverleih

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