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Mali Blues

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3.7 Sterne aus 15 Bewertungen

Kinostart: 29.09.2016
FSK: keine Angabe
Genre: Dokumentarfilm, Musikfilm
Tags: Musiker, Widerstand, Mali, Islamisten, Westafrika, Filmfest München 2016

Afrikanische Musik als Widerstandsform

Der westafrikanische Wüstenstaat Mali gilt als die Wiege der Bluesmusik. Außerdem sind die einheimischen Sänger und Instrumentalisten auf die Griot-Tradition stolz, das musikalische Erzählen von Geschichten, in denen sich Unterhaltung, kulturelle Überlieferung und Bildung mischen. Musik gehört schon immer ganz elementar zum gesellschaftlichen Leben in Mali, dessen Norden 2012 von Islamisten besetzt wurde. Auf einmal war dort selbst das Hören von Musik verboten und Komponisten wie der Tuareg Ahmed Ag Kaedi flohen in den Süden des Landes, wo auch die Hauptstadt Bamako liegt.

Der Dokumentarfilm des deutschen Regisseurs Lutz Gregor stellt Kaedi und drei andere Musiker aus Mali vor – Fatoumata Diawara, Bassekou Kouyaté und Master Soumy –, die mit ihren Liedern für Frieden und Toleranz werben und gegen islamistischen Terror protestieren. Obwohl die Islamisten offiziell seit 2013 in Städten wie Timbuktu und Gao besiegt sind, terrorisieren ihre Gruppierungen weiterhin die Region. Musiker, die in Mali öffentlich auftreten, haben Grund zur Angst. Auf dem renommierten Festival sur le Niger in Ségou gibt Fatoumata Diawara, die sich international längst einen Namen gemacht hat, 2015 ihr erstes Konzert in Mali. Die jungen Frauen im Publikum jubeln ihr zu, denn sie thematisiert in vielen ihrer gefühlvoll-melancholischen Lieder die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Sie singt über die Not mittelloser Mütter, die Beschneidung von Mädchen, Männer, die Frauen schlecht behandeln. Diawara selbst hat sich dem gesellschaftlichen Druck zur Heirat widersetzt.

Eine ganz andere Musikrichtung, nämlich den Hip-Hop, vertritt Master Soumy. Er versteht sich als "Advokat der Straße" und rappt gegen islamischen Fanatismus, Korruption, Nepotismus. Eines seiner Lieder heißt Y en a Marre, wie die 2011 von Rappern gegründete politische Protestbewegung im Nachbarland Senegal, die den Machthunger und Amtsmissbrauch von Regierenden anprangert. Der Islamismus ist zwar der größte Gegner der gegenwärtigen Musikergeneration in Mali, aber nicht der einzige. Denn die Probleme in diesem Land mit seinen 300 ethnischen Gruppen sind gewaltig. Auch darüber sprechen die Musiker in diesem informativen Film. Sie unterhalten sich auf Französisch, singen aber oft in einer der afrikanischen Sprachen, die in Mali zu hören sind. Wenn auf einer Festival-Bühne Lieder in verschiedenen Sprachen erklingen, liegt darin eine starke Botschaft für ein friedliches Miteinander.

Der Blues scheint tatsächlich in vielen musikalischen Stücken zu stecken, die auf der Elektrogitarre gespielt werden oder auf dem elektrisch verstärkten Traditionsinstrument Ngoni, aus dem das amerikanische Banjo hervorgegangen sein soll. Alle hier vorgestellten Musiker legen Wert auf afrikanische Kunst, die keine weißen Vorbilder imitiert. Oft erklingen die Lieder aus dem Off, während die einzelnen Künstler im Auto oder auf dem Hauptverkehrsmittel Motorrad durch die Straßen fahren. Die Kamera fängt aussagekräftige Impressionen aus dem Alltagsleben ein, das sich überwiegend draußen abspielt. Dabei fällt vor allem die Armut auf. Nachts gibt es in der Stadt nur spärliche Straßenbeleuchtung, am Tag scheint die Luft manchmal vom roten Staub des Erdbodens erfüllt. Wenn die Menschen singen und tanzen, bricht unbändige Lebensfreude durch, die auch in den schön gefilmten Konzertsequenzen zu beobachten ist. Dort wird auch die Sehnsucht der ZuschauerInnen spürbar, ihre Heimatliebe und ihren Stolz auszudrücken. Diese Musiker, die den Finger auf gesellschaftliche Wunden legen, spiegeln das Bedürfnis der jungen Generation, sich zu emanzipieren und soziale, politische Verantwortung zu übernehmen. Lutz Gregors Film zeigt mit großer Unmittelbarkeit, dass aus Malis musikalischer Tradition ein sozialer Widerstandsgeist erwächst, der in Zukunft nicht nur den Islamisten im Land ernsthaft in die Parade fahren könnte.

(Bianka Piringer)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2016
Länge: 93 (Min.)
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 29.09.2016

Cast & Crew

Regie: Lutz Gregor
Kamera: Axel Schneppat
Schnitt: Markus Schmidt, Michelle Barbin

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