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Lion

Meinungen
3

2.7 Sterne aus 310 Bewertungen

Kinostart: 23.02.2017
FSK: 12
Genre: Drama
Tags: Indien, Familienbeziehung, Suche, Kalkutta, Toronto 2016, London Film Festival 2016, Google Earth

Lost & Found

In seinem ersten Spielfilm Lion befasst sich der zuvor überwiegend im Werbe- und Serienbereich tätige Australier Garth Davis mit einer Geschichte aus dem wahren Leben: Basierend auf Saroo Brierleys Autobiografie Mein langer Weg nach Hause erzählt das Drehbuch von Luke Davies (Life) von einem Kind aus Indien, das verloren ging und dem es im Erwachsenenalter gelang, seinen Heimatort mittels Google Earth ausfindig zu machen. Was zu einem kitschig-manipulativen 120-Minuten-Imagefilm für besagte Software hätte werden können, erweist sich dank einer einfühlsamen Inszenierung und eines starken Ensembles als überzeugendes Werk über Identität und Familie.

Die Handlung beginnt im Jahre 1986 im Umkreis der Stadt Khandwa. Der fünfjährige Saroo (Sunny Pawar) versucht gemeinsam mit seinem älteren Bruder Guddu (Abhishek Bharate), die alleinerziehende Mutter (Priyanka Bose) nach Kräften zu unterstützen. Als Guddu eines späten Abends zur Nachtarbeit aufbricht, nimmt er Saroo auf dessen Bitten hin widerwillig mit. Der kleine Junge bleibt jedoch schlafend am Bahnhof zurück – und steigt später in einen Zug, mit dem er ungewollt in die 1600 Kilometer entfernte Metropole Kalkutta fährt. Nach einer von Bedrohungen begleiteten Zeit auf der Straße (die dadurch erschwert wird, dass er nur Hindi sprechen kann, während in Kalkutta vorwiegend auf Bengali kommuniziert wird) landet Saroo in einem Waisenhaus. Da er weder die korrekte Bezeichnung seiner Heimatstadt noch den richtigen Namen seiner Mutter nennen kann, wird er zur Adoption freigegeben – und kommt so nach Tasmanien zu dem fürsorglichen Ehepaar Sue und John Brierley (Nicole Kidman und David Wenham), welches bald darauf noch ein weiteres Kind aus Indien adoptiert. Zwei Dekaden später zieht Saroo (nun verkörpert von Dev Patel) nach Melbourne, wo er Hotel-Management studieren möchte. Dort lernt er seine Kommilitonin Lucy (Rooney Mara) kennen und lieben – und hat ein Erlebnis, das ihn an seine Herkunft denken lässt. Als Saroo seiner neuen Clique von seiner Vergangenheit berichtet, wird ihm die neue Software Google Earth empfohlen. Und so fängt er an, Berechnungen über seine damalige Zugfahrt anzustellen und seinen einstigen Wohnort zu suchen.

In der ersten Hälfte von Lion glänzt Schauspieldebütant Sunny Pawar als kleiner Protagonist: In den Kalkutta-Szenen vermag er sowohl die Verlorenheit als auch Saroos Gespür für Gefahren glaubhaft zu vermitteln; später – in Saroos neuem Zuhause in Tasmanien – zeigt er die Neugier des Jungen angesichts bisher unbekannter Dinge, etwa eines Fernsehgeräts oder eines ganz selbstverständlich prall gefüllten Kühlschranks. Dev Patel (Slumdog Millionär) verleiht der Rolle in der zweiten Hälfte etwas Nachdenklich-Rastloses. Er bringt zum Ausdruck, dass Saroo sich im Upper-Middle-Class-Dasein unwohl fühlt, nachdem dessen Erinnerungen an Indien geweckt wurden. Rooney Mara kommt als Lucy zwar nur ein Nebenpart zu, dennoch ist die stimmige Chemie zwischen Patel und ihr ein entscheidender Faktor für das Gelingen der zweiten Filmhälfte: Seine sich steigernde Obsession macht es Saroo unmöglich, ein glückliches Leben zu führen und Lucys Liebe anzunehmen. Nicole Kidman schafft es indessen, für ihre Interpretation der Adoptivmutter sowohl die Affektiertheit, die sie in einigen ihrer vorigen Auftritte (etwa in Königin der Wüste) an den Tag legte, als auch die verkniffene Exzentrik aus ihrer unmittelbar vorausgegangenen Arbeit Genius hinter sich zu lassen, um endlich wieder an ihre schauspielerische Intensität aus Werken wie Birth (2004) oder Rabbit Hole (2010) anzuknüpfen. In den Passagen mit dem jungen Pawar strahlt sie Wärme aus; in der Interaktion mit Patel liefert sie eine eindringliche Darbietung. Zu wenig Raum erhält hingegen David Wenham als Ehemann und Adoptivvater John; auch der Strang um Mantosh – den zweiten, schwer traumatisierten Adoptivsohn der Brierley-Familie (als Erwachsener verkörpert von Divian Ladwa) – bleibt unterentwickelt. Saroos Beziehungen zu John und Mantosh hätten durchaus eine tiefere Auslotung verdient.

Die Kameraführung von Greig Fraser (Zero Dark Thirty), welche zahlreiche einnehmende Bilder hervorbringt, trägt neben der beeindruckenden Cast-Leistung dazu bei, dass Lion trotz des Einsatzes einer zuweilen emotional übersteuerten Musik nie in die Ausbeutung der dramatischen Lebensgeschichte von Saroo Brierley abdriftet. So bleibt Davis' erste Leinwand-Schöpfung ein kraftvolles Stück Kino mit der nötigen Sensibilität.

(Festivalkritik BFI London 2016 von Andreas Köhnemann)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA, Großbritannien, Australien
Produktionsjahr: 2016
Länge: 129 (Min.)
Verleih: Universum Film
Kinostart: 23.02.2017

Cast & Crew

Regie: Garth Davis
Drehbuch: Luke Davies
Kamera: Greig Fraser
Schnitt: Alexandre de Franceschi
Musik: Volker Bertelmann, Dustin O'Halloran
Hauptdarsteller: Nicole Kidman, David Wenham, Dev Patel, Rooney Mara, Sunny Pawar

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 3 von insgesamt 3)
Von: Andi Z. am: 26.04.17
Absolut sehenswert! Die frappierend einfache Indien-Australien-Story des plötzlich von seinem Zuhause weggerissenen kleinen Jungen Soory – unglaublich, was ein kleines Kindergesicht rein mimisch ausdrücken kann! – glänzt durch lebendige Kameraführung, großartige Bilder und die Vermittlung von Gefühlen, auch solcher, die uns allen nicht fremd sind. Vielleicht trifft sie einen gerade wegen der zurückhaltenden Erzählweise (kein Hollywood!) so intensiv. Verblüfft und sprachlos bleibt man zurück, wenn am Ende die Fotografien der wahren Protagonisten dieser nicht erfundenen Geschichte (!) abgeschwenkt werden. Gefühlskino par excellence.
Von: Katrin T. am: 19.03.17
Das ist mal ein Film, den die Welt braucht. Wirklich toll. Da glaubt man wieder an Wunder. Dabei ist die Welt voller Wunder, man muss sie nur sehen... In unserer Vorführung waren wir zu viert. Schade!
Von: thomas röver am: 12.02.17
die schönsten geschichten schreibt das leben. etwas rührselig und manchmal zuckersüss in schönen bildern von der kamera eingefangen. am meisten beindruckten mich die vielen zärtlichen und emotionalen rückblenden. also ein feel good movie mit thema adoption ,kultur und identität des adoptierten indischen jungen..

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