Berlinale 2009: Panorama
Sonia Bergerac (Isabelle Adjani) ist Französischlehrerin an einer Schule voller Ghettokinder mit Migrationshintergrund. Sie versucht Molière zu unterrichten. Ihre Schüler beschimpfen sie lieber als Hure, bedrohen sie und prügeln sich im Klassenzimmer. Bis sie eines Tages eine Waffe bei einem von ihnen findet. Da dreht Sonia den Spieß um.
Jean–Paul Lilienfelds neuer Film La journée de la jupe (Skirt Day) ist der Gegenentwurf zu den Hollywood-Erfolgsgeschichten. Hier gibt es sie nicht, die übermenschlich starke Lehrerin, die ihre Schüler rettet aus dem tristen Ghettoalltag, indem sie Geschichten schreiben (Dangerous Minds, Freedom Writers) oder tanzen lernen (Dance! Jeder Traum beginnt mit dem ersten Schritt, Mad Hot Ballroom). Weit entfernt von Errettungsfantasien und Klischees kämpft Sonia einen aussichtslosen Kampf. Sie ist kein Heilsbringer. Sie ist depressiv und übergewichtig. Und sie hat Angst, denn jeden Tag aufs Neue wird sie beschimpft, angegriffen und mürbe gemacht. Von Schülern, die das Ergebnis verfehlter Bildungspolitik, übertriebener Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen und den Wirren der Globalisierung sind. Als eines Tages einer ihrer Schüler eine Waffe zum Unterricht mitbringt und diese ihr in einem Gemenge in die Hände fällt, dreht Sonia durch. Sie nimmt ihre Klasse als Geisel.
Intelligent, scharfsinnig und mit reichlich schwarzem Humor eröffnet Lilienfeld durch Sonias Kurschlussreaktion das große und im höchsten Maße kontroverse Feld der französischen Immigration und Bildungspolitik. Wann wird aus Toleranz Feigheit? Wo hört freie Meinungsäußerung auf und fängt Rassismus an? In rasantem Tempo fallen die Masken. Großmäulige Jugendliche, die ihre Taten mit ihrer Religion entschuldigen, werden genauso entlarvt wie ihre Eltern, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Westeuropa kamen nur um hier ihren Hass und Rassismus erst recht zu nähren. Lehrer, deren Aufgabe es ist diese Kinder aufs Leben vorzubereiten, sind nur noch starr vor Angst und versuchen sich so gut es geht anzupassen, um nicht aufzufallen. Der Schulleiter, völlig überfordert und zermalmt zwischen Realität und bildungspolitischen Anforderungen, interessiert sich mehr dafür, dass Sonia im Rock unterrichtet, als für die Angriffe, denen sie täglich ausgesetzt ist. Die kontroverse, thematische Bandbreite, die Lilienfeld aufgreift, ist schier unendlich. Mit schlafwandlerischer Sicherheit und subtilem Humor nähert er sich der Tiefe und den Ausmaßen der sich anbahnenden Katastrophe. Nicht umsonst ist es Sonia, die Frau mit der Pistole und am Rande eines Nervenzusammenbruches, die als Einzige versteht, worum es geht.
Auch atmosphärisch ist Lilienfeld hier ein sehr dichter Film gelungen. Schon von der ersten Minute kann man spüren, wie erstickend giftig Sonias Arbeitsatmosphäre ist. Die Spannung, der Hass, die Angst greifen förmlich auf den Zuschauer über. Es gibt kein Entziehen, kein Abstand gewinnen. Wer diesen Film sieht, ist mitten drin und begreift sehr schnell wie aussichtslos verfahren die Situation schon vor der Geiselnahme ist. Dabei geht Lilienfeld höchst unaufdringlich vor. Sowohl Kamera als auch (kaum vorhandener) Sound halten sich stark im Hintergrund. Die Atmosphäre wird allein durch die immer leicht gräulich anmutenden Farben und vor allem die klaustrophobisch kleine Szenerie hergestellt. Ebenfalls brillant zurückhaltend, doch im höchsten Maße eindringlich ist Isabelle Adjanis Darbietung der Sonia Bergerac, einer hoffnungslos zermürbten Lehrerin, die nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben gescheitert ist.
Lilienfelds Film zeigt auf verstörend intensive Art, mit viel Intelligenz und feinsinnigem Humor den Horror, der in den Klassenzimmern mancher staatlicher Schulen zum Alltag geworden ist.
(Beatrice Behn)
Jean–Paul Lilienfelds neuer Film La journée de la jupe (Skirt Day) ist der Gegenentwurf zu den Hollywood-Erfolgsgeschichten. Hier gibt es sie nicht, die übermenschlich starke Lehrerin, die ihre Schüler rettet aus dem tristen Ghettoalltag, indem sie Geschichten schreiben (Dangerous Minds, Freedom Writers) oder tanzen lernen (Dance! Jeder Traum beginnt mit dem ersten Schritt, Mad Hot Ballroom). Weit entfernt von Errettungsfantasien und Klischees kämpft Sonia einen aussichtslosen Kampf. Sie ist kein Heilsbringer. Sie ist depressiv und übergewichtig. Und sie hat Angst, denn jeden Tag aufs Neue wird sie beschimpft, angegriffen und mürbe gemacht. Von Schülern, die das Ergebnis verfehlter Bildungspolitik, übertriebener Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen und den Wirren der Globalisierung sind. Als eines Tages einer ihrer Schüler eine Waffe zum Unterricht mitbringt und diese ihr in einem Gemenge in die Hände fällt, dreht Sonia durch. Sie nimmt ihre Klasse als Geisel.
Intelligent, scharfsinnig und mit reichlich schwarzem Humor eröffnet Lilienfeld durch Sonias Kurschlussreaktion das große und im höchsten Maße kontroverse Feld der französischen Immigration und Bildungspolitik. Wann wird aus Toleranz Feigheit? Wo hört freie Meinungsäußerung auf und fängt Rassismus an? In rasantem Tempo fallen die Masken. Großmäulige Jugendliche, die ihre Taten mit ihrer Religion entschuldigen, werden genauso entlarvt wie ihre Eltern, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Westeuropa kamen nur um hier ihren Hass und Rassismus erst recht zu nähren. Lehrer, deren Aufgabe es ist diese Kinder aufs Leben vorzubereiten, sind nur noch starr vor Angst und versuchen sich so gut es geht anzupassen, um nicht aufzufallen. Der Schulleiter, völlig überfordert und zermalmt zwischen Realität und bildungspolitischen Anforderungen, interessiert sich mehr dafür, dass Sonia im Rock unterrichtet, als für die Angriffe, denen sie täglich ausgesetzt ist. Die kontroverse, thematische Bandbreite, die Lilienfeld aufgreift, ist schier unendlich. Mit schlafwandlerischer Sicherheit und subtilem Humor nähert er sich der Tiefe und den Ausmaßen der sich anbahnenden Katastrophe. Nicht umsonst ist es Sonia, die Frau mit der Pistole und am Rande eines Nervenzusammenbruches, die als Einzige versteht, worum es geht.
Auch atmosphärisch ist Lilienfeld hier ein sehr dichter Film gelungen. Schon von der ersten Minute kann man spüren, wie erstickend giftig Sonias Arbeitsatmosphäre ist. Die Spannung, der Hass, die Angst greifen förmlich auf den Zuschauer über. Es gibt kein Entziehen, kein Abstand gewinnen. Wer diesen Film sieht, ist mitten drin und begreift sehr schnell wie aussichtslos verfahren die Situation schon vor der Geiselnahme ist. Dabei geht Lilienfeld höchst unaufdringlich vor. Sowohl Kamera als auch (kaum vorhandener) Sound halten sich stark im Hintergrund. Die Atmosphäre wird allein durch die immer leicht gräulich anmutenden Farben und vor allem die klaustrophobisch kleine Szenerie hergestellt. Ebenfalls brillant zurückhaltend, doch im höchsten Maße eindringlich ist Isabelle Adjanis Darbietung der Sonia Bergerac, einer hoffnungslos zermürbten Lehrerin, die nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben gescheitert ist.
Lilienfelds Film zeigt auf verstörend intensive Art, mit viel Intelligenz und feinsinnigem Humor den Horror, der in den Klassenzimmern mancher staatlicher Schulen zum Alltag geworden ist.
(Beatrice Behn)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
La journée de la jupe
Produktionsland:
Frankreich, Belgien
Produktionsjahr:
2008
Länge:
87 (Min.)
VERÖFFENTLICHUNGEN
CAST & CREW
Regie:
Jean-Paul Lilienfeld
Hauptdarsteller:
Isabelle Adjani, Yann Collette, Denis Podalydès, Jackie Berroyer, Khalid Berkouz
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Bisherige Kommentare
(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Tommie Staccato am: 28.02.10
Frau Adjani wurde soeben mit einem César als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.
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