Im Kampf gegen die Gesellschaft
Lässt man die Tatöwierungen und den Chelsea Cut außer Acht und ignoriert ihr rabiates Auftreten und die Sätze, die sie von sich gibt, wirkt Marisa (Alina Levshin) nicht gerade wie eine Kriegerin: Eher klein und zierlich und mit einem eigentlich fein geschnittenen Gesicht könnte die junge Frau, die in einem öden Kaff im Osten Deutschlands lebt, eigentlich ein ganz normales Mädchen sein. Könnte, denn sie ist es nicht. Zumindest nicht nach ihren eigenen Maßstäben und in ihrem festgelegten Weltbild. Denn Marisa ist eine "Nazibraut", wie ein T-Shirt, das sie gerne trägt, stolz und trotzig verkündet. Ihr Hass richtet sich gegen alles und alle, die nicht in ihr Weltbild passen: "In einer Demokratie kann jeder mitbestimmen. Du, ich, Alkoholiker, Junkies, Neger, Leute, die zu blöd sind, ihren Hauptschulabschluss zu schaffen", so heißt es gleich zu Beginn des Filmes. Und oftmals reicht es schon, wenn einer nur ein klein wenig ausländisch ausschaut oder zu lange Haare hat und damit verdächtig ist, eine "linke Zecke" zu sein.
Gemeinsam mit ihrem Freund Sandro (Gerdy Zint) und den anderen ebenfalls stramm rechts eingestellten Mitgliedern ihrer Clique pöbeln sie in Nahverkehrszügen Menschen an und schlagen diese grundlos zusammen, so dass Sandro aufgrund der Gewalttaten bald schon im Knast landet, was Marisas Wut noch weiter wachsen lässt. Die richtet sich auch gegen "die Neue" Svenja (Jella Haase), die wenig jünger ist als sie und die Anschluss sucht an die Gruppe. Nur scheinbar aus besseren Verhältnissen stammend, ist sie für Marisa ein Dorn im Auge. Als ausgerechnet an dem Badesee, an dem die Clique immer abhängt, die beiden aus Afghanistan stammenden Asylbewerber Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat) und Jamil (Najebullah Ahmadi) auftauchen, nehmen die Ereignisse ihren verhängnisvollen Lauf. Und zumindest bei einer der beiden jungen Frauen wird ein Prozess des Umdenkens stattfinden.
Nicht erst durch die Ereignisse rund um die Zwickauer Terrorzelle, deren Enthüllung in den letzten Wochen und Monaten Deutschland erschüttert haben, ist David Wnendts Debütfilm Kriegerin ein im höchsten Maße bemerkenswerter Film geworden. Das Problem des Rechtsradikalismus vor allem in Teilen Ostdeutschlands ist seit der Wiedervereinigung ein Dauerthema, das wir nur wieder allzu gerne verdrängen und beiseite schieben. Und zwar deshalb, weil es auch den Finger auf die Wunden legt, die die Wiedervereinigung geschlagen hat – auf die hohe Arbeitslosigkeit im Osten und auf die mangelnden Perspektiven gerade in den ländlichen Gebieten. Davon erzählt aber Kriegerin nur am Rande. In der Analyse dessen, wie es dazu kommt, dass junge Menschen und vor allem junge Frauen der Magie dieses zutiefst menschenverachtenden Weltbildes erliegen, hebt der Film vor allem auf das persönliche Umfeld, auf die Eltern und Großeltern ab, auf den Freundes- und Bekanntenkreis. Man mag dies als eine etwas verkürzte und vereinfachte Motivation empfinden, doch sie kommt nicht von ungefähr – schließlich stieß David Wnendt bei seinen ausgiebigen Recherchen und zahlreichen Interviews mit jungen rechtsradikalen Frauen immer wieder auf diesen Punkt und hat ihm deshalb auch solch ein Gewicht verliehen.
Überhaupt merkt man dem Film in jeder Sekunde an, wie gründlich David Wnendt recherchiert hat, wie tief er in die Gedankenwelt junger Neonazis eingetaucht ist. Und so ist dieser Film vor allem immer dann von einer beängstigenden Kraft, wenn Wnendt einfach nur zuschaut, wenn er mit viel emotionaler Wucht zeigt, was Angst, Verzweiflung und Hass aus Menschen macht. Zugleich aber – und das ist durchaus eine weitere Stärke dieses packenden Films - wirft er zumeist nur Schlaglichter auf verschiedene Aspekte und Motivationen und überlässt vieles der Interpretation des Zuschauers. Was der Film trotz der einen oder anderen Schwäche (besonders am Ende meint man förmlich, das Insistieren eines Fernsehredakteurs bei der Abnahme des Drehbuchs zu verspüren), trotz mancher psychologischen Volte, verdeutlicht ist, dass wir alle viel zu lange die Augen und den Mund verschlossen haben vor der rechten Gefahr, die unserer Gesellschaft droht. Es ist an der Zeit, das Schwiegen und das Wegschauen zu durchbrechen – und dieser Film könnte in erheblichem Maße dazu beitragen, dass wir uns endlich mit dem real existierenden Neo-Nazismus beschäftigen. Nicht nur deswegen ist Kriegerin einer der kraftvollsten und wichtigsten jungen deutschen Filme der letzten Zeit.
(Joachim Kurz)
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Das Leben ist Krieg und der Krieg fordert seine Opfer. Das ist Marisas Credo, dem sich auch der Titel des Films verdankt: Kriegerin. Sie trägt den Feather-Cut der Skinheadgirls und eindeutig rassistische Tätowierungen wie den mit "14 Words" umschriebenen neonazistischen Slogan von David Lane. Das Hakenkreuz auf der Brust klebt sie ab, wenn sie im elterlichen Supermarkt an der Kasse sitzt.
Mit ihrer Einstellung und ihrer Entschlossenheit, sie öffentlich zu machen, probt Marisa nicht die Rebellion. In ihrem Umfeld eckt sie damit nicht an, das macht der etwas angestrengte Film von David Wnendt wiederholt deutlich. Sie hat die Haltung von ihrem Großvater Franz übernommen, der unter Hitler Soldat war. "Mein Opa war immer für mich da", begründet Marisa ihre Wertschätzung und erklärt, dass sie sich dereinst Franz' Porträt auf die eine Schulter tätowieren lassen wird und Hitler auf die andere.
Anecken tun in der ungenannten ostdeutschen Kleinstadt, in der Kriegerin spielt, die anderen. Rasul und Jamil, vor allen Dingen, zwei junge Asylbewerber, die Marisa im Supermarkt kurzerhand nicht bedient. Später fegt sie die beiden, die auf dem Moped unterwegs sind, mit dem Auto von der Straße.
Ein anderer, ausführlicher Strang zeigt Svenja, ein anderes Mädchen, das in die Kreise kommt, in denen Marisa schon ist. Von ihr erzählt Kriegerin wie nebenher und so reicht es dann leider auch nicht für ein schlüssiges Charakterbild. Viel fehlte dem Film nicht, wenn man dies jüngere Mädchen wegließe, höchstens eine Figur, an der Marisa sich reiben kann.
Vor einigen Jahren waren Neonazis und rechte Skins noch häufiger in deutschen Produktionen zu sehen. Kahlschlag (1993) und Tödliche Wahl (1995), zum Beispiel, kamen da im Fernsehen, Oi! Warning (2000) und Führer Ex (2002) im Kino. Kriegerin lässt die Neonazis unserer Tage ungewohnt offensiv auftreten. Neu ist auch, dass sie ihre Taten mit dem Handy filmen. Doch fragt man sich, wie denn Marisa bisher damit umgegangen ist, wenn Fremde in den Ort oder ins Geschäft kamen. Hat sie die alle nicht bedient und von der Straße abgedrängt? Nach ihrem Zusammenstoß mit Rasul und Jamil erscheint sie als Schuldige verändert. Jetzt ist sie keine Kriegerin mehr, will der Film wohl sagen, jetzt ist sie Marisa. Ihre Wandlung wird jedoch nicht nachvollzogen, nur behauptet. Ihren Tätowierungen und Autoaufklebern zufolge, den Parolen und Worten, die sie und ihre Leute sonst so von sich geben, könnte sie genauso gut stolz mit ihrer Tat prahlen und hätte dabei aller Voraussicht nach Fürsprache zu erwarten.
So ist es in erster Linie Alina Levshin (Im Angesicht des Verbrechens), die Kriegerin doch noch sehenswert macht. In der Titelrolle überzeugt sie, solang ihr das Drehbuch die Möglichkeit lässt.
(Stefan Otto)
Gemeinsam mit ihrem Freund Sandro (Gerdy Zint) und den anderen ebenfalls stramm rechts eingestellten Mitgliedern ihrer Clique pöbeln sie in Nahverkehrszügen Menschen an und schlagen diese grundlos zusammen, so dass Sandro aufgrund der Gewalttaten bald schon im Knast landet, was Marisas Wut noch weiter wachsen lässt. Die richtet sich auch gegen "die Neue" Svenja (Jella Haase), die wenig jünger ist als sie und die Anschluss sucht an die Gruppe. Nur scheinbar aus besseren Verhältnissen stammend, ist sie für Marisa ein Dorn im Auge. Als ausgerechnet an dem Badesee, an dem die Clique immer abhängt, die beiden aus Afghanistan stammenden Asylbewerber Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat) und Jamil (Najebullah Ahmadi) auftauchen, nehmen die Ereignisse ihren verhängnisvollen Lauf. Und zumindest bei einer der beiden jungen Frauen wird ein Prozess des Umdenkens stattfinden.
Nicht erst durch die Ereignisse rund um die Zwickauer Terrorzelle, deren Enthüllung in den letzten Wochen und Monaten Deutschland erschüttert haben, ist David Wnendts Debütfilm Kriegerin ein im höchsten Maße bemerkenswerter Film geworden. Das Problem des Rechtsradikalismus vor allem in Teilen Ostdeutschlands ist seit der Wiedervereinigung ein Dauerthema, das wir nur wieder allzu gerne verdrängen und beiseite schieben. Und zwar deshalb, weil es auch den Finger auf die Wunden legt, die die Wiedervereinigung geschlagen hat – auf die hohe Arbeitslosigkeit im Osten und auf die mangelnden Perspektiven gerade in den ländlichen Gebieten. Davon erzählt aber Kriegerin nur am Rande. In der Analyse dessen, wie es dazu kommt, dass junge Menschen und vor allem junge Frauen der Magie dieses zutiefst menschenverachtenden Weltbildes erliegen, hebt der Film vor allem auf das persönliche Umfeld, auf die Eltern und Großeltern ab, auf den Freundes- und Bekanntenkreis. Man mag dies als eine etwas verkürzte und vereinfachte Motivation empfinden, doch sie kommt nicht von ungefähr – schließlich stieß David Wnendt bei seinen ausgiebigen Recherchen und zahlreichen Interviews mit jungen rechtsradikalen Frauen immer wieder auf diesen Punkt und hat ihm deshalb auch solch ein Gewicht verliehen.
Überhaupt merkt man dem Film in jeder Sekunde an, wie gründlich David Wnendt recherchiert hat, wie tief er in die Gedankenwelt junger Neonazis eingetaucht ist. Und so ist dieser Film vor allem immer dann von einer beängstigenden Kraft, wenn Wnendt einfach nur zuschaut, wenn er mit viel emotionaler Wucht zeigt, was Angst, Verzweiflung und Hass aus Menschen macht. Zugleich aber – und das ist durchaus eine weitere Stärke dieses packenden Films - wirft er zumeist nur Schlaglichter auf verschiedene Aspekte und Motivationen und überlässt vieles der Interpretation des Zuschauers. Was der Film trotz der einen oder anderen Schwäche (besonders am Ende meint man förmlich, das Insistieren eines Fernsehredakteurs bei der Abnahme des Drehbuchs zu verspüren), trotz mancher psychologischen Volte, verdeutlicht ist, dass wir alle viel zu lange die Augen und den Mund verschlossen haben vor der rechten Gefahr, die unserer Gesellschaft droht. Es ist an der Zeit, das Schwiegen und das Wegschauen zu durchbrechen – und dieser Film könnte in erheblichem Maße dazu beitragen, dass wir uns endlich mit dem real existierenden Neo-Nazismus beschäftigen. Nicht nur deswegen ist Kriegerin einer der kraftvollsten und wichtigsten jungen deutschen Filme der letzten Zeit.
(Joachim Kurz)
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Das Leben ist Krieg und der Krieg fordert seine Opfer. Das ist Marisas Credo, dem sich auch der Titel des Films verdankt: Kriegerin. Sie trägt den Feather-Cut der Skinheadgirls und eindeutig rassistische Tätowierungen wie den mit "14 Words" umschriebenen neonazistischen Slogan von David Lane. Das Hakenkreuz auf der Brust klebt sie ab, wenn sie im elterlichen Supermarkt an der Kasse sitzt.
Mit ihrer Einstellung und ihrer Entschlossenheit, sie öffentlich zu machen, probt Marisa nicht die Rebellion. In ihrem Umfeld eckt sie damit nicht an, das macht der etwas angestrengte Film von David Wnendt wiederholt deutlich. Sie hat die Haltung von ihrem Großvater Franz übernommen, der unter Hitler Soldat war. "Mein Opa war immer für mich da", begründet Marisa ihre Wertschätzung und erklärt, dass sie sich dereinst Franz' Porträt auf die eine Schulter tätowieren lassen wird und Hitler auf die andere.
Anecken tun in der ungenannten ostdeutschen Kleinstadt, in der Kriegerin spielt, die anderen. Rasul und Jamil, vor allen Dingen, zwei junge Asylbewerber, die Marisa im Supermarkt kurzerhand nicht bedient. Später fegt sie die beiden, die auf dem Moped unterwegs sind, mit dem Auto von der Straße.
Ein anderer, ausführlicher Strang zeigt Svenja, ein anderes Mädchen, das in die Kreise kommt, in denen Marisa schon ist. Von ihr erzählt Kriegerin wie nebenher und so reicht es dann leider auch nicht für ein schlüssiges Charakterbild. Viel fehlte dem Film nicht, wenn man dies jüngere Mädchen wegließe, höchstens eine Figur, an der Marisa sich reiben kann.
Vor einigen Jahren waren Neonazis und rechte Skins noch häufiger in deutschen Produktionen zu sehen. Kahlschlag (1993) und Tödliche Wahl (1995), zum Beispiel, kamen da im Fernsehen, Oi! Warning (2000) und Führer Ex (2002) im Kino. Kriegerin lässt die Neonazis unserer Tage ungewohnt offensiv auftreten. Neu ist auch, dass sie ihre Taten mit dem Handy filmen. Doch fragt man sich, wie denn Marisa bisher damit umgegangen ist, wenn Fremde in den Ort oder ins Geschäft kamen. Hat sie die alle nicht bedient und von der Straße abgedrängt? Nach ihrem Zusammenstoß mit Rasul und Jamil erscheint sie als Schuldige verändert. Jetzt ist sie keine Kriegerin mehr, will der Film wohl sagen, jetzt ist sie Marisa. Ihre Wandlung wird jedoch nicht nachvollzogen, nur behauptet. Ihren Tätowierungen und Autoaufklebern zufolge, den Parolen und Worten, die sie und ihre Leute sonst so von sich geben, könnte sie genauso gut stolz mit ihrer Tat prahlen und hätte dabei aller Voraussicht nach Fürsprache zu erwarten.
So ist es in erster Linie Alina Levshin (Im Angesicht des Verbrechens), die Kriegerin doch noch sehenswert macht. In der Titelrolle überzeugt sie, solang ihr das Drehbuch die Möglichkeit lässt.
(Stefan Otto)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Kriegerin
Produktionsland:
Deutschland
Produktionsjahr:
2011
Länge:
103 (Min.)
Verleih:
Ascot Elite
VERÖFFENTLICHUNGEN
Kinostart:
19.01.2012
CAST & CREW
Regie:
David Wnendt
Drehbuch:
David Wnendt
Kamera:
Jonas Schmager
Schnitt:
Andreas Wodraschke
Musik:
Johannes Repka
Hauptdarsteller:
Lukas Steltner, Gerdy Zint, Jella Haase, Alina Levshin, Winnie Böwe, Uwe Preuss
FILMBEWERTUNG
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Bisherige Kommentare
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Von: Jimbo am: 31.01.12
Gute Darsteller, aber schwacher Film. Etwas Spannung hätte dem Streifen gut getan. Kann man sich anschauen, aber zu diesem Thema gibt es besseres Filmmaterial. Befriedigend!
Von: @J.S: am: 30.01.12
Klick mal auf "In welchem Kino läuft dieser Film?" rechts, direkt über den Meinungen. Grüsse, Mike
Von: M.B. am: 30.01.12
Hallo T.B. Ich spreche nicht von einem klassischen "Happy End". Ich finde auch Filme gut, die eben nicht so wahnsinnig "happy" enden. Aber bei "Kriegerin" finde ich es schade, dass die Hoffnung stirbt. Was sollen wir als Zuschauer denn aus dem Film mitnehmen? Dass es keinen Sinn hat einen anderen Weg zu gehen?
Von: T.B. am: 29.01.12
Hey M.B., vielleicht will der Film kein Happy End bieten, weil es eben keine so einfache Lösung aus dieser Situation gibt. Ist für unsere Sehgewohnheiten vielleicht ungewöhnlich, aber letztendlich find ich genau das gut, dass er sich eben nicht hinstellt und meint, die Antwort auf alle Nazifragen zu haben.
Von: J.S. am: 28.01.12
wo läuft der film?








