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Kirschblüten - Hanami

Meinungen
25

4 Sterne aus 459 Bewertungen

Kinostart: 06.03.2008
FSK: 12

Eine Liebe, größer als der Tod

Doris Dörrie ist wahrlich eine Frau mit vielen Begabungen: Die Filmemacherin, die 1985 mit Männer die deutsche Beziehungskomödie auf eine neue Stufe katapultierte, schreibt Romane, Erzählungen und entzückende Kinderbücher. Außerdem inszeniert sie Opern und lehrt als Professorin Creative Writing an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. Nun meldet sie sich auch im Kino eindrucksvoll zurück und präsentiert ihren neuen Film Kirschblüten – Hanami, der im Wettbewerb der Berlinale 2008 zu sehen war und der bereits beim Bayrischen Filmpreis einen Preis als Bester Film erhielt. Außerdem erhielt Elmar Wepper für seine Leistung in diesem Film ebenfalls den Bayrischen Filmpreis. Reichlich Vorschusslorbeeren für einen Film, der in Berlin dann doch leer ausging, was insbesondere angesichts der Leistungen von Wepper doch schmerzt.

Dörries Film beginnt mit einer ebenso liebevollen wie ernüchternden Bestandsaufnahme einer Ehe, über der das Damoklesschwert des nahenden Todes schwebt. Rudi (Elmar Wepper) und Trudi (Hannelore Elsner) sind seit vielen Jahren ein Paar, die Kinder sind längst aus dem Haus und man hat sich miteinander arrangiert, es sind vor allem die kleinen Rituale und Handreichungen, die das Zusammenleben bestimmen – die Hausschuhe, die Trudi mit beinahe zärtlicher Geste ihrem von der Arbeit heimgekehrten Gatten reicht, die gemeinsame Sorge um die Kinder, die allesamt anderswo leben und sich viel zu selten blicken lassen, der Apfel, den Rudi stets seinem Arbeitskollegen schenkt, obwohl er selbst keinen Tag ohne den Spruch "An apple a day keeps the doctor away" vergehen lässt.

Was Rudi allerdings nicht weiß, wohl aber seine Frau: Er hat nicht mehr lange zu leben, Krebs lautet die Diagnose, um die aber nur Trudi weiß – sie will, wie stets in ihrem Leben, ihren Mann schonen, die Unbill des Lebens und Sterbens von ihm fernhalten. Und so machen sich die beiden auf zu einer letzten Reise zu den Kindern (Birgit Minichmayr und Felix Eitner mit ihren Partnern Floriane Daniel und Nadja Uhl), die zum größten Teil in Berlin leben. Karl (Maximilian Brückner) allerdings, Mamas Liebling hat sich noch weiter von der Familie entfernt, er lebt in Japan und ein Besuch dort ist ein seit langem bereits unerfüllter Traum. Da die beiden in die Jahre gekommenen Eltern in Berlin nur zur Last fallen und auf die Nerven gehen, drängt Trudi zur Weiterfahrt an die Ostsee, sie will ihrem Mann noch einmal das Meer zeigen, bevor er stirbt. Doch dann geschieht das Unfassbare – es ist nicht Rudi, der eines Morgens tot im Bett liegt, sondern seine Frau.

Wie – so fragen sich nun alle – soll ausgerechnet der verschrobene und unselbstständige Rudi alleine zurecht kommen, wer der Kinder soll sich um ihn im fernen Bayern kümmern? Auch der Verwitwete selbst findet sich mit der neuen Situation nur sehr schlecht ab – zumal er nicht weiß, dass ihm selbst nicht mehr viel Zeit bleibt. Ihn plagt auch das schlechte Gewissen, als er erkennen muss, wie viel Trudi Zeit ihres Lebens für ihn geopfert hat, worauf sie alles verzichtet hat. Da war beispielsweise ihre Leidenschaft für den japanischen Butoh-Tanz, die sie vor allem Rudi zuliebe niemals weiter verfolgte. Rudi macht sich auf den Weg nach Japan um seinen Sohn Karl zu besuchen. Und ausgerechnet dort, in der Fremde, die er sonst stets hasste, gelingt es ihm, seiner verstorbenen Frau wieder ganz nahe zu kommen…

Dass späte Sinnsuchen und Reisen in den Tod anrührend und bewegend sind, davon erzählte schon Michael Schorr in Schultze gets the Blues oder jüngst Rob Reiner in Das Beste kommt zum Schluss / The Bucket List. Obwohl alle drei Filme ein ähnliches Thema behandeln, sind sie doch vollkommen unterschiedlich. Kirschblüten zeichnet sich weder durch die kontemplative Wortkargheit von Schultze gets the Blues aus, noch zeichnet sie ein übertrieben kitschig-sentimentales Bild dieses schmerzhaften Weges wie ihr Kollege aus den USA. Und trotz aller Begeisterung der Regisseurin für Fernöstliches wird der Film auch niemals esoterisch-wabernd, sondern bleibt immer nahe an den sehr liebevoll gezeichneten Figuren und ihrer Lebenswelt, lässt uns teilhaben an der Art, wie sie denken, fühlen und handeln.

Äußerst gelungen sind dabei vor allem die Innenansichten einer alt gewordenen Liebe, eines Paares, dessen Leben von Rücksichtnahme, Selbstverleugnung und Ignoranz geprägt ist. Und auch als Trudi stirbt, schaut Dörrie genau hin und analysiert messerscharf die Beziehungen der Kinder zu ihrem nun verwitweten Vater, der immer mehr zum Fremden und zur Belastung geworden ist. Das Fatale daran – jeder, der eine ähnliche Situation schon einmal erlebt hat und der sich mit dem Altern der eigenen Eltern konfrontiert sah, erkennt sich darin augenblicklich wieder, fühlt sich ertappt und dazu aufgefordert, sein eigenes Verhältnis zu den grau gewordenen Vorbildern der Kindheit neu zu überdenken. Das ist zweifellos die große Botschaft des Filmes.

Als Rudi nach Japan reist, seinem dort lebenden Sohn Karl auf die Nerven fällt und die Kunst des Butoh-Tanzens für sich entdeckt, bekommt Kirschblüten einige Längen und manchmal auch Szenen, die hart an der Grenze zur Übertreibung wandeln – warum muss der Witwer unbedingt das türkisfarbene Jäckchen seiner Frau und deren Rock tragen, um seine Verbundenheit mit ihr zu zeigen, so fragt man sich unwillkürlich. Außerordentlich berührend hingegen ist die Begegnung Rudis mit der jungen obdachlosen Tänzerin Ju (Aya Irizuki), die ihm dabei hilft, die durch den Tod abgebrochene Verbindung mit seiner Frau wiederherzustellen – bis hin zum finalen Totentanz am Fuße des Fuji.

Insgesamt überzeugt Kirschblüten – Hanami als feinsinnige Beobachtung und erstaunlich lebensnahe Meditation über Liebe und Vergänglichkeit – er ist mit Sicherheit kein perfekter Film, aber ein streckenweise beeindruckendes Werk, das seine Zuschauer in den Kinos finden wird. Ob er auch für einen Butoh-Boom in Deutschland sorgen wird, steht allerdings noch nicht fest.

Neben den erstaunlich knappen und präzisen Beobachtungen erodierender Familienstrukturen und manchen Längen gegen Ende hin weiß der Film vor allem durch Elmar Wepper zu gefallen. Seine Interpretation eines bajuwarischen Grantlers, der seinen ganz eigenen Weg des Trauerns geht, zählt zu den besten schauspielerischen Leistungen der letzten Zeit und ist so fein gegen den Strich seines Fernsehimages gebürstet, dass es eine wahre Freude ist, ihm dabei zuzusehen.

(Joachim Kurz)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2008
Länge: 122 (Min.)
Verleih: Majestic Filmverleih
Kinostart: 06.03.2008

Cast & Crew

Regie: Doris Dörrie
Hauptdarsteller: Nadja Uhl, Hannelore Elsner, Maximilian Brückner, Birgit Minichmayr, Elmar Wepper

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 25)
Von: Rosi am: 05.07.08
Super Film. Wer romantische Dramen mag, unbedingt ansehen. Es lohnt sich.
Von: am: 03.07.08
Gelungene Umsetzung eines sehr berührenden Films um das Thema Leben und Tod mit sehr guten Darstellern.
Von: esme am: 27.06.08
Schöner, melancholischer Film der sich mit dem Älterwerden & Sterben auseinandersetzt - zum Nachdenken anregt aber auch Lösungen aufzeigt.
Von: Christel Walther am: 18.06.08
Zum ersten Mal hat mir Elmar Wepper wirklich gefallen. Man kann nur hoffen, dass er mehr solcher Rollen bekommt.
Von: stefan am: 08.06.08
Sehr schöner , "berührender" Film !

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