Hitlerkantate

Kinostart: 18.05.2006
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Faschismus als Rausch und Erregung

Am Straßenrand stehen Hunderte von kreischenden Mädchen; sie jubeln und schreien; sie schwenken Fahnen und Präsente und fallen reihenweise – vor Euphorie und Erschöpfung gleichermaßen – in Ohnmacht. Schon die Eingangsszene von Hitlerkantate weist darauf hin, dass es dem Film weniger um die politischen Dimensionen, als vielmehr um die Führerpersönlichkeit und ihre emotionale Wirkung geht.

So ist nicht der Held im Widerstand die Hauptfigur des Films von Regisseurin und Drehbuchautorin Jutta Brückner, sondern eine junge Frau, groß, schlank, blond und blauäugig, die ihr Leben vollständig der nationalsozialistischen Ideologie untergeordnet hat: Ursulas (Lena Lauzemis) großer Schwarm ist der Führer – ihm würde sie alles glauben, und für ihn würde sie alles tun. Ihre zweite Leidenschaft gehört der Musik; ihre erste Komposition widmet sie Adolf Hitler, welche dieser jedoch niemals hören wird. Als der Komponist Hanns Broch (Hilmar Thate) beauftragt wird, zu Hitlers 50. Geburtstag eine Kantate zu schreiben, wird Ursula von ihrem Verlobten Gottlieb (Arnd Klawitter), der in der Reichsmusikkammer arbeitet, als Brochs Assistentin eingestellt. Sie begleitet den Musiker in ein abgelegenes Landhaus nach Finnland, wo sie nicht nur ihre kompositorischen Fähigkeiten unter Beweis stellt und weiter entwickelt, sondern beim ehemaligen Kommunisten Broch auch mit ihrer Lebensauffassung auf Konfrontation stößt. Zwei leidenschaftliche Menschen geraten in einen Kampf um Ideologien, Gefühle und Moral. Und daraus entwickelt sich eine leidenschaftliche, aber auch gebrechliche Liebesbeziehung, die durch die ideologische Auseinandersetzung, von Eifersucht und Verrat bedroht wird.

Gottlieb hat mittlerweile zur SS gewechselt und arbeitet an der „Endlösung“ mit. Eines Tages taucht er plötzlich im finnischen Landhaus auf und hofft, mit Geräten zur Schädelmessung ausgerüstet, Ursulas arische Abstammung zu beweisen. Denn ein SS-Mann sollte schnellstmöglich eine – selbstverständlich reinrassige – Familie gründen, beschwört ihn sein Vorgesetzter immer wieder. Als sich Brochs jüdische Lebensgefährtin ankündigt, spitzt sich die Situation weiter zu. Ursula muss sich ihre Gefühle zu Broch eingestehen und damit auch ihre bisherigen Werte in Frage stellen. Dabei geht sie so weit, dass sie, nach Berlin zurückgekehrt, der jüdischen Freundin ihres Vetters mit dem eigenen Pass zur Flucht in die Schweiz verhilft.

„Es gibt ein vergessenes Kapitel in der Geschichte des Dritten Reiches: die Liebe der Frauen zu ihrem Führer Hitler“, sagt Jutta Brückner. Hitlerkantate ist ein Film über eben diese – oft hysterische – Begeisterung der Frauen und die Verführungskraft des Faschismus. Am Beispiel der Ursula Scheuner zeigt Brückner, dass sich die Liebe zum Führer durch persönliche Erfahrungen – bis hin zum Verrat – verändern, jedoch niemals völlig ausgelöscht werden kann. Ursula ist hin- und hergeworfen zwischen Leidenschaft, persönlicher Freiheit und Bürgerpflicht, was der Film nicht zuletzt durch seine Bildästhetik zeigt: Die Szenen im nationalsozialistischen Berlin sind hauptsächlich in den Farben der Reichsfahne gefilmt und erzeugen eine kalte Nüchternheit. Sie kontrastieren mit den bunten Aufnahmen im finnischen Landhaus und dem historischen Filmmaterial in Schwarz-Weiß beispielsweise von den Umzügen zu Hitlers 50. Geburtstag, welche einerseits Freiheit und natürliche Leidenschaft suggerieren und andererseits die Begeisterung der Bevölkerung für den Führer zeigen. Und wie Ursula selbst ist auch die Liebesbeziehung der Schülerin zum Lehrer geprägt vom ständigen Kampf zwischen der gegenseitigen Liebe und tiefen moralischen und ideologischen Überzeugungen.

(Verena Kolb)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Hitlerkantate
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2005
Länge: 114 (Min.)
Verleih: Movienet

VERÖFFENTLICHUNGEN

Kinostart: 18.05.2006

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FILMBEWERTUNG

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Von: am: 28.01.09
Der einzige Film, der Erkenntnisse und nicht nur Wissen über den Nazismus und seine Faszination auf Frauen liefert. Wo doch Frauen bislang nur als Opfer des Faschismus galten.
   
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