Eine Horroroper der kollektiven Erinnerung
Himizu ist ein Film, den es so eigentlich nicht geben sollte. Ursprünglich wollte Regisseur Sion Sono nach seiner abgeschlossenen "Hass-Trilogie" einen Manga des Zeichners Minoru Furuya mit dem Titel Himizu verfilmen. Im Frühjahr 2011 war das Drehbuch bereits geschrieben und die Produktion sollte im Mai beginnen, da überrollten Japan die fürchterlichen Ereignisse: Erst das gewaltige Erdbeben, dann der zerstörerische Tsunami und schließlich auch noch die nukleare Katastrophe im Atomkraftwerk von Fukushima. Und Sono war klar, dass sein Film nun ein anderer werden müsse, so wie Japan nach dem 11. Mai ein anderes geworden war. In diesem Sinne formte er das Drehbuch zu Himizu um und hat damit wohl (auch dank seiner schnellen und sparsamen Art des Filmemachens) den ersten relevanten Post-Tsunami Film gedreht.
Es ist die Geschichte des jungen Yuivhi Sumida (Shota Sometani), der eigentlich nur ein ganz gewöhnliches Leben leben möchte. Ein Leben, ohne jemandem zur Last zu fallen. Doch alles scheint sich gegen diesen Plan verschworen zu haben: Eine nervige Mitschülerin stalkt ihn, sein eigentlich abwesender Vater besucht ihn nur alkoholisiert und pleite - und seine Mutter zieht mit ihrem Liebhaber davon und lässt ihren depressiven Sohn allein zurück. Umrahmt wird diese dysfunktionale Familiengeschichte durch eine Gruppe von Tsunami-Überlebenden, die in Kartons und Zelten wohnen, da sie ihr Hab und Gut verloren haben. Als die Yakuza den Jungen mit dem Tod bedrohen, wird einer von ihnen unerwartet zu Sumidas Freund.
Himizu ist eine Wucht. Eine radikale, laute, rohe und provozierend lärmende Oper, die im Minutentakt zwischen zärtlich-romantischer Liebesgeschichte und verzweifelt-tragischer Untergangsvision oszilliert. Wie schon in seinen letzten Filmen, Love Exposure, Cold Fish oder Guilty of Romance ist es Sono gelungen, wunderbar dichte Kinomomente zu schaffen. Dabei bewahrt sich der japanische Regisseur seine unnachahmliche Art Gewalt, Fetischismus und Liebe zu inszenieren. Er wiederholt sich nicht, sondern entwickelt konsequent seinen Stil weiter, der auch diesmal wieder durch eine beeindruckende Originalität glänzt.
Inhaltlich zeigt sich das vor allem durch die stark ausgearbeitete politische Komponente. Himizu kreiert intelligente Szenen der Autoritätskritik. Das Verhältnis zwischen der jungen und alten Generation ist zutiefst gestört. Der prügelnde Vater, die saufenden Obdachlosen, die gleichgültige Mutter, der plumpe Lehrer – ihr Verhalten übt einen derart starken Druck auf die jungen Japaner aus, dass sie nicht anders können, als entweder in Depressionen zu verfallen oder diese Perspektivlosigkeit und Enge durch einen Ausbruch krasser Gewalt zu kompensieren. Sono dekliniert dies an vielen Beispielen durch, wobei er überraschenderweise auch direkte visuelle Zitate aus Meisterwerken des amerikanischen Kinos nutzt. The Deer Hunter oder Taxi Driver werden unmissverständlich herbeigerufen, um ein kollektives Trauma zu greifen, das nach dem verheerenden Tsunami an die Oberfläche der japanischen Gesellschaft gespült wurde. Interessant ist es auch, wie radikal Sono mit der Atomkraft abrechnet: So wird ein Neonazi umgebracht, während im Fernseher die Folgen der weiteren Atomkraftpolitik verhandelt werden. In dieser Szene findet sich die Essenz einer Sono-Aussage: Atomkraft ist Hitler und muss sterben.
Anders als man es vielleicht erwartet hätte (wenn man die Entstehung des Filmes betrachtet), verkommt Himizu nie zum plumpen Thesen- und Agitproptheater, sondern ist immer zuallererst Kino. Das ist hier so wirkungsvoll und überwältigend, dass man sich fragt, ob der in seiner Heimat kontrovers diskutierte Regisseur nun endlich seinen wohlverdienten Durchbruch schaffen könnte, so dass der Name Sion Sono nicht länger ein Schattendasein unter eingeweihten Kritikern und Fans fristen muss. Das wäre ohnehin schon längst mal fällig.
Übrigens (um mal die Wirkung des Films etwas überspitzt zu verdeutlichen): Es gab mal eine Zeit, da hatte auch Deutschland zwei Regisseure, die genau wie Sion Sono die gesellschaftlichen Traumata in einen eigenen Filmkosmos bannten und dadurch die kollektive Schuld und ihre Bewältigung thematisierten. Aber Rainer Werner Fassbinder und Werner Schroeter sind längst tot. Und so bleibt uns nur noch das Kultkino Sion Sonos, das uns jene ungehemmte Unmittelbarkeit einer Kinoerfahrungen bieten kann, die wir ansonsten vermissen.
(Festivalkritik Venedig 2011 von Patrick Wellinski)
Es ist die Geschichte des jungen Yuivhi Sumida (Shota Sometani), der eigentlich nur ein ganz gewöhnliches Leben leben möchte. Ein Leben, ohne jemandem zur Last zu fallen. Doch alles scheint sich gegen diesen Plan verschworen zu haben: Eine nervige Mitschülerin stalkt ihn, sein eigentlich abwesender Vater besucht ihn nur alkoholisiert und pleite - und seine Mutter zieht mit ihrem Liebhaber davon und lässt ihren depressiven Sohn allein zurück. Umrahmt wird diese dysfunktionale Familiengeschichte durch eine Gruppe von Tsunami-Überlebenden, die in Kartons und Zelten wohnen, da sie ihr Hab und Gut verloren haben. Als die Yakuza den Jungen mit dem Tod bedrohen, wird einer von ihnen unerwartet zu Sumidas Freund.
Himizu ist eine Wucht. Eine radikale, laute, rohe und provozierend lärmende Oper, die im Minutentakt zwischen zärtlich-romantischer Liebesgeschichte und verzweifelt-tragischer Untergangsvision oszilliert. Wie schon in seinen letzten Filmen, Love Exposure, Cold Fish oder Guilty of Romance ist es Sono gelungen, wunderbar dichte Kinomomente zu schaffen. Dabei bewahrt sich der japanische Regisseur seine unnachahmliche Art Gewalt, Fetischismus und Liebe zu inszenieren. Er wiederholt sich nicht, sondern entwickelt konsequent seinen Stil weiter, der auch diesmal wieder durch eine beeindruckende Originalität glänzt.
Inhaltlich zeigt sich das vor allem durch die stark ausgearbeitete politische Komponente. Himizu kreiert intelligente Szenen der Autoritätskritik. Das Verhältnis zwischen der jungen und alten Generation ist zutiefst gestört. Der prügelnde Vater, die saufenden Obdachlosen, die gleichgültige Mutter, der plumpe Lehrer – ihr Verhalten übt einen derart starken Druck auf die jungen Japaner aus, dass sie nicht anders können, als entweder in Depressionen zu verfallen oder diese Perspektivlosigkeit und Enge durch einen Ausbruch krasser Gewalt zu kompensieren. Sono dekliniert dies an vielen Beispielen durch, wobei er überraschenderweise auch direkte visuelle Zitate aus Meisterwerken des amerikanischen Kinos nutzt. The Deer Hunter oder Taxi Driver werden unmissverständlich herbeigerufen, um ein kollektives Trauma zu greifen, das nach dem verheerenden Tsunami an die Oberfläche der japanischen Gesellschaft gespült wurde. Interessant ist es auch, wie radikal Sono mit der Atomkraft abrechnet: So wird ein Neonazi umgebracht, während im Fernseher die Folgen der weiteren Atomkraftpolitik verhandelt werden. In dieser Szene findet sich die Essenz einer Sono-Aussage: Atomkraft ist Hitler und muss sterben.
Anders als man es vielleicht erwartet hätte (wenn man die Entstehung des Filmes betrachtet), verkommt Himizu nie zum plumpen Thesen- und Agitproptheater, sondern ist immer zuallererst Kino. Das ist hier so wirkungsvoll und überwältigend, dass man sich fragt, ob der in seiner Heimat kontrovers diskutierte Regisseur nun endlich seinen wohlverdienten Durchbruch schaffen könnte, so dass der Name Sion Sono nicht länger ein Schattendasein unter eingeweihten Kritikern und Fans fristen muss. Das wäre ohnehin schon längst mal fällig.
Übrigens (um mal die Wirkung des Films etwas überspitzt zu verdeutlichen): Es gab mal eine Zeit, da hatte auch Deutschland zwei Regisseure, die genau wie Sion Sono die gesellschaftlichen Traumata in einen eigenen Filmkosmos bannten und dadurch die kollektive Schuld und ihre Bewältigung thematisierten. Aber Rainer Werner Fassbinder und Werner Schroeter sind längst tot. Und so bleibt uns nur noch das Kultkino Sion Sonos, das uns jene ungehemmte Unmittelbarkeit einer Kinoerfahrungen bieten kann, die wir ansonsten vermissen.
(Festivalkritik Venedig 2011 von Patrick Wellinski)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Himizu
Produktionsland:
Japan
Produktionsjahr:
2011
Länge:
129 (Min.)
VERÖFFENTLICHUNGEN
CAST & CREW
Regie:
Sion Sono
Drehbuch:
Sion Sono, Minoru Furuya
Kamera:
Sôhei Tanikawa
Schnitt:
Junichi Itô
Hauptdarsteller:
Mitsuru Fukikoshi, Megumi Kagurazaka, Shôta Sometani, Fumi Nikaidô, Tetsu Watanabe
FILMBEWERTUNG
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