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Grace Jones: Bloodlight and Bami

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FSK: keine Angabe
Genre: Dokumentarfilm, Musikfilm
Tags: Sängerin, Toronto 2017, Viennale 2017, Grace Jones

Slave to her Rhythm

Unglaublich, dass diese Frau kurz davor ist, 70 Jahre alt zu werden. Noch immer löst Grace Jones bei großen Fangemeinden euphorische Reaktionen aus, wenn sie bei den Worten „Ladies and Gentlemen: Miss Grace Jones!“ die Bühne betritt und Songs wie Pull Up to the Bumper, Warm Leatherette oder Strange, I’ve Seen that Face Before zum Besten gibt. Noch immer wirkt sie ebenso alters- wie geschlechtslos, noch immer verfügt sie über diese unglaubliche Stimme, diese ganz spezielle Art des Sprechgesangs, die zu ihrem Markenzeichen wurde. Noch immer liebt sie extravagante Kostüme und Hüte und zelebriert den ganz großen Auftritt.

Die Filmemacherin Sophie Fiennes, die sich mit Exzentrikern bestens auskennt (erinnert sei hier an ihre gleich zweifache Kooperation mit dem philosophischen Berserker Slavoj Žižek in The Pervert’s Guide to Cinema und The Pervert’s Guide to Ideology) hat sich über mehrere Jahre hinweg mit den vielen verschiedenen Facetten des Pop-Phänomens Grace Jones beschäftigt und legt mit Grace Jones: Bloodlight and Bami eine umfangreiche und bisweilen etwas unstrukturierte Arbeit vor, die am Mythos zwar kratzt, aber letztlich ebenfalls der Faszination für die Oberflächenreize erliegt.

Schon in der Eingangssequenz – eine nahtlos ineinander geschnittenen Parallelmontage zweier Bühnenauftritte, in denen Grace Jones den selben Song in unterschiedlichen Performances zum Vortrag bringt – zeigt sich die Vielschichtigkeit der Sängerin, die einmal in einer von Eiko Ishioka entworfenen Totenmaske zu sehen ist und ein anderes Mal während des Singens scheinbar mühelos einen Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüften kreisen lässt. Zwei Auftritte, beide aus dem Jahr 2016, die verdeutlichen, dass Grace Jones niemals nur dieselbe ist, sondern ihr die Arbeit an der eigenen Persona zur zweiten Natur geworden ist.

Die beiden Hauptfacetten des Films deuten sich bereits im Titel des Filmes an: Mit „Bloodlight“ bezeichnet man das rote Licht, das während einer Studiosession anzeigt, dass gerade aufgenommen wird; „Bami“ oder auch „Bammy“ ist eine jamaikanische Brotsorte. Glamour und das aufregende Leben als Popstar auf der einen Seite, die Verbindung zu Jamaika und ihre familiären Wurzeln auf der anderen Seite – zwischen diesen beiden Polen pendelt Grace Jones: Bloodlight and Bami hin und her. Dabei fallen vor allem die rein technisch-qualitativen Unterschiede zwischen diesen beiden Erzählsträngen deutlich ins Auge, die zudem ergänzt werden von Szenen, die offensichtlich aus der Zeit der Aufnahmen zu ihrem 2008 erschienenen Album Hurricane stammen. Die Konzertaufnahmen sind glasklar gefilmt, die Episoden in Jamaika, anscheinend schon rund um das Jahr 2005 enstanden, erscheinen hingegen fast zufällig und beiläufig gedreht zu sein, nicht immer ist der Ton hier sauber ausgesteuert und verständlich, selten nur verharrt die Kamera in diesem Moment sauber fokussiert. Und gerade diese Passagen hätten kürzer sein können, sie tragen nicht unerheblich dazu bei, dass Bloodlight and Bami mit 115 Minuten rund eine halbe Stunde zu lang erscheint.

Durch dieses ausufernde, manchmal auch mäandernde Umherschweifen und die fehlende Balance gerät ein faszinierender Aspekt in den Hintergrund, der sich zwischendrin immer wieder andeutet: Wie sehr Grace Jones um Autonomie bemüht ist, wie sehr sie versucht, sich als Frau in dem Haifischbecken Showbusiness zu behaupten und ihre künstlerische Autonomie zu wahren. In einer der schönsten Szenen staucht sie den Produzenten einer französischen Fernsehshow zusammen, weil sie während der Proben zu einem Auftritt von leichtbekleideten jungen Frauen umtanzt wird: Das sehe aus, als sei dies eine Szene aus dem Bordell und sie die Puffmutter, erklärt sie dem Mann und macht damit unmissverständlich klar, dass sie mit solchen Inszenierungen nichts zu tun haben will. Ein anderes Mal macht sie am Telefon den Bassisten Robbie Shakespeare (Teil des legendären Reggae-Rhythmus-Gespanns Sly & Robbie) zur Schnecke, weil dieser nicht zu einer selbstfinanzierten Aufnahmesession erschienen ist. Szenen wie diese hätten eigentlich den Hauptfokus dieses Films bilden müssen, gerade weil sie in Zeiten, in denen Frauen nicht nur im Showgeschäft einen konservativen Backlash erleben müssen, eine Ermutigung sein könnten.

Doch trotz dieser Mängel und der Unausgewogenheit kann man sich freilich der Grandezza von Jones’ Bühnenauftritten nicht entziehen - Slave to HER Ryhthm!

(Joachim Kurz)

Daten & Fakten

Produktionsland: Irland, Großbritannien
Produktionsjahr: 2017
Länge: 116 (Min.)

Cast & Crew

Regie: Sophie Fiennes
Kamera: Remko Schnorr
Schnitt: Sophie Fiennes
Musik: Ivor Guest, Grace Jones

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