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Good Luck Finding Yourself

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3 Sterne aus 10 Bewertungen

Kinostart: 23.10.2014
FSK: 6
Genre: Dokumentarfilm
Tags: Indien, Krebs, Reise, Familie, Altern, Kommune, Spiritualität, Filmfest München 2014

Verzweiflung – aber keine Zweifel

Ein merkwürdiger Film. Severin Winzenburg begleitet seine Mutter auf einem Trip durch Indien, anlässlich einer schweren Krebserkrankung möchte Jutta Winkelmann sich nochmal nach Kräften bemühen, sich selbst zu finden. Mit dabei: Christa Ritter und Brigitte Streubel, und natürlich Rainer Langhans, mit dem die drei Frauen eine Art spirituelle Kommune in München unterhalten.

Ein Sohn, eine Mutter, der nahe Tod: Ein sehr persönlicher Film, in dem auch Winzenburg als Kameramann immer wieder angesprochen wird von seinen Protagonisten; und sich auch einmal mit einem Schwenk in einen Spiegel selbst zeigt. Ein zärtlicher Film, eine Art Abschied von der schwerkranken Mutter, die wiederum versucht, Abschied vom Leben und der Welt zu nehmen.

Und zugleich – und wie bewusst oder unbewusst dies einfließt, bleibt stets unklar –: zugleich ist dieser Film entlarvend, er entblößt einen Lebensentwurf, der die ständige Suche beinhaltet, für das Finden aber keinen Raum hat. Und er entblößt die Mechanismen von Rainer Langhans' sogenanntem "Harem", der spirituellen Lebensgemeinschaft, die dieser vor 40 Jahren mit fünf Frauen eingegangen ist, wo er mit sanftem Lächeln über den Dingen schwebt, auch nie richtig in seine Frauen einfühlen kann, die sich wiederum immer wieder gegenseitig verbal bekämpfen. Um sich danach um Verzeihung bittend in den Armen zu liegen. Und keinen Schritt weitergekommen zu sein.

Rainer Langhans, der nach seinem One-Hit-Wonder "Kommune 1" in den 1960ern dann wieder im Dschungelcamp zu großer Form auflief, ist seit langem spirituell initiiert und leitet seine Frauen auf dem rechten Wege. Und wirkt dabei stets wie ein Tourist, wenn er aus dem Standpunkt des bessergestellten Europäers die natürliche Armut der wahren Lebensweise der einfachen Inder lobt, um dann allabendlich einen guten WLan-Empfang für seine diversen Internetgerätschaften zu suchen.

Seine Frauen wiederum begeben sich in seinem Windschatten auf die Suche nach der Wahrheit des Lebens in der Exotik Indiens, müssen mit Alters-Wehwehchen kämpfen, mit ihren eigenen Egos und mit denen der anderen; und Jutta Winkelmann schämt sich, im Inneren verunsichert, ob ihres Krebsleidens und der depressiven Launen, die sie deshalb hat. Man redet dann darüber, und man zerredet es, und wenn sie Flugangst hat, dann wird sie auch mal kollektiv fertiggemacht. Irgendwann nimmt Rainer einfach mal ihre Hand, schweigend, und in dieser Ruhe liegt ein großer Trost…

Dies ist im Grunde die Realversion der Alten-WG in Ralf Westhoffs ebenfalls auf dem Filmfest München uraufgeführten Wir sind die Neuen, wo sich eine Senioren-WG um der alten Studentenzeiten willen wieder zusammenfindet – nur dass Good Luck Finding Yourself keine wirkliche Feelgood-Stimmung transportiert…

Die Reise geht quer durch Indien, zu diversen Ashrams und Gurus in den Himalaya, immer in der Hoffnung, den wahren Meister zu finden, der den Weg weisen wird – dabei merken die Protagonisten gar nicht, wie viel Kafka und Godot in ihrem Leben steckt. Dem Zuschauer aber kann deutlich werden: Was ist das für ein alternativer Lebensstil, der über Jahrzehnte nach Sinn und nach Selbst sucht, der stete Innenschau hält, und der doch nicht spirituell glücklich macht, der zur Verzweiflung im Angesicht des Todes führt?

Verzweiflung – aber keine Zweifel. Winkelmann und Co. bleiben stets bei ihrem Ding. Und das wiederum zeugt von einer inneren Stärke, von einer großen inneren Bestimmung – insofern porträtiert Winzenburg unglaublich komplexe, ambivalente Charaktere, und die Frage ist nur, ob die Charaktere oder der Regisseur dies bemerken.

(Harald Mühlbeyer)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2014
Länge: 95 (Min.)
Verleih: Alpenrepublik / barnsteiner-film
Kinostart: 23.10.2014

Cast & Crew

Regie: Severin Winzenburg
Drehbuch: Severin Winzenburg
Kamera: Severin Winzenburg
Schnitt: Miriam Märk
Musik: Martin X. Miller

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