Fremde Haut - Interview mit Jasmin Tabatabai
Kinostart:
01.01.2005
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Jasmin Tabatabai im Gespräch mit Gesine Grassel
Es ist einer der letzten schönen Sommertage. Jasmin Tabatabai, 38, sitzt in einem Berliner Hotel, die Klimaanlage leistet ganze Arbeit. Seit sechs Stunden gibt sie Interviews, von Erschöpfung keine Spur.
Frau Tabatabai, in ihrem neuen Film Fremde Haut spielen Sie eine iranische Frau, die wegen ihrer Homosexualität verfolgt wird und in Deutschland ein neues Leben beginnen möchte. Wie entstand dieser Film?
Die Idee gab schon vor acht Jahren. Damals haben (Regisseurin) Angelina Maccarone und Judith Kaufmann angefangen an dem Buch zu schreiben. Als ich gehört habe, dass ein Film über eine iranische Asylantin gemacht wird, habe ich gedacht "Hey, wer soll denn das sonst spielen?" Ich wollte unbedingt erfahren, was genau da geplant ist. Später haben sie mir erzählt, dass sie von Anfang an mich für die Rolle wollten. Als ich vor zwei Jahren dazu kam, war das Drehbuch noch nicht fertig. Wir Schauspieler haben kritisiert und Ideen eingebracht, später geprobt, improvisiert und die Geschichte mitentwickelt.
Konnten Sie denn persönliche Erfahrungen in das Drehbuch einbringen? Auch Sie sind auch im Iran geboren.
Mir war extrem wichtig, dass der persische Akzent authentisch ist, weil sie damit überhaupt keine Erfahrungen hatten. Es gab erst eine Übersetzung, die wirklich unbrauchbar war. Im Endeffekt haben Navid, der Siamak spielt, und ich bis kurz vor Drehbeginn an den Übersetzungen gesessen. Wir wollte, dass sie wie echte Iraner reden und es nicht eins zu eins aus dem Deutschen übersetzt wird. Persisch ist eine sehr blumenreiche Sprache, die viel mehr Dinge umschreibt. Im Deutschen spricht man Dinge viel direkter an, das wäre im Iranischen zu unhöflich. In der Szene beim deutschen Grenzbeamten druckst Fariba in einer alten Fassung ein bisschen rum und gibt am Ende zu, dass sie mit einer Frau zusammen war. Es ist undenkbar, dass eine Iranerin vor einem Mann über ihre Sexualität spricht. Schon gar nicht, wenn sie homosexuell ist. Es ist eine riesige Schamkultur, was Frauen im Iran betrifft. Diese Hinweise wurden sehr dankbar im Drehbuch aufgenommen und umgesetzt.
Was hat Sie an dieser Rolle gereizt und herausgefordert?
Fariba ist eine außergewöhnliche Figur, was für eine Schauspielerin immer spannend ist. Sie trägt einen wahnsinnigen inneren Konflikt mit sich aus. Durch das, was sie ist, und das, was sie fühlt, ist sie eine doppelte Außenseiterin. Speziell in ihrem Kulturkreis. Sie kann sich nirgendwo hinwenden und ihre Gefühle nicht ausleben. Dabei hat sie einen riesigen Drang nach Freiheit. Mich hat fasziniert, dass sie nicht resigniert und zum Opfer wird. Sie bäumt sich auf und nimmt extreme Anstrengungen und Risiken in Kauf. Solche Frauen sieht man leider selten. Außerdem ist es für jede Schauspielerin eine Herausforderung, wenn sie einen Mann spielen darf.
Wie haben Sie Sich denn auf die Rolle vorbereitet? Gab es Kontakt zu lesbischen Frauen im Iran?
Ich habe lange im Internet gesucht. Ich wollte wissen, wie lesbische Frauen im Iran leben. Sie müssen im Untergrund bleiben. Leider habe ich im gesamten Internet nicht eine lesbische Iranerin gefunden. Der einzige Kontakt kam über die Regisseurin zustande. Allerdings lebt diese Frau schon seit 28 Jahren in Deutschland. Grundsätzlich geht es bei Fariba um ein menschliches Schicksal. Wie es Frauen allgemein geht in diesen Ländern. Was die Männergeschichte angeht: Da habe ich einfach meinen Bruder und meinen Vater kopiert.
War das Ende des Filmes von Anfang an so geplant?
Es gab verschiedene Versionen. Wenn sie es am Ende schafft, wäre das zynisch. Wenn sie es nicht schafft, ist das ganz schön traurig. So finde ich, haben wir ein sehr spannendes Ende gefunden. Ob es realistisch ist, weiß niemand. Es gibt eine gewisse Hoffnung, dass sie es wieder versuchen wird und vielleicht eines Tages nach Berlin, Paris oder eine andere Metropole schafft, in der sie offen leben kann.
Welches sind für Sie die bewegendsten und schönsten Stellen im Film?
Die Entwicklung der Liebesgeschichte zwischen Anneke und mir hat prima funktioniert. In den Proben standen wir uns eher fremd gegenüber. Im Spiel lief es plötzlich. Das Knistern auf der Leinwand ist wirklich hergestellt. Ich hatte anfänglich Sorgen, wie es rüberkommt. Eine lesbische Frau habe ich schon mehrfach gespielt und es ist keine große Überwindung. Aber der Aspekt, dass eine davon als Mann verkleidet ist und lange nicht klar ist, weiß es die andere, will sie es wissen, das kann wahnsinnig schnell in die Hose gehen. Davor hatten wir beide Angst.
Eine meiner Lieblingsszenen ist das Gespräch in der Waschküche ganz am Anfang. Da brechen der Humor und der Charme von Fariba durch. Diese gewisse Leichtigkeit ist wichtig, weil es sonst doch ein sehr schweres Thema ist. Daher müssen solche Momente unbedingt in so einen Film. Momente, in denen man schmunzeln kann.
Sie waren erst ein Bandit, dann femme fatale, jetzt eine lesbische Iranerin. Wie suchen Sie sich ihre Rollen aus?
So unmöglich wie möglich. Schon meine erste Rolle war eine Zigeunerin, die um ihr Kind kämpft. Ich bin einfach nicht der normale deutsche Typus. Viele Rollen kommen für mich schon gar nicht in Frage. Meistens spiele ich starke Frauen, zerrissene Persönlichkeiten, oftmals Kämpferinnen. Gerade das finde ich spannend.
Gibt es denn eine ganz andere Art von Rolle, die sie gerne spielen wollen?
Da gibt es so viele. Ich würde gerne mal eine Komödie drehen oder in einen Actionfilm mitmachen. Oder einfach mal eine Mutter spielen.
Was möchten Sie mit dem Film im Bewusstsein der Zuschauer erreichen?
Der Zuschauer soll den Menschen hinter der Geschichte sehen. Ich würde mich freuen, wenn die Leute mal eine iranische Frau betrachten und nicht denken, dass sie ein Opfer ist. Wenn es uns gelingt, dass man gar nicht mehr über die Verkleidung nachdenkt und einfach hofft, dass Fariba dieses unmögliche Unterfangen schafft, dann ist schon viel gewonnen.
(Gesine Grassel)
Foto (C) Ventura Film
Frau Tabatabai, in ihrem neuen Film Fremde Haut spielen Sie eine iranische Frau, die wegen ihrer Homosexualität verfolgt wird und in Deutschland ein neues Leben beginnen möchte. Wie entstand dieser Film?
Die Idee gab schon vor acht Jahren. Damals haben (Regisseurin) Angelina Maccarone und Judith Kaufmann angefangen an dem Buch zu schreiben. Als ich gehört habe, dass ein Film über eine iranische Asylantin gemacht wird, habe ich gedacht "Hey, wer soll denn das sonst spielen?" Ich wollte unbedingt erfahren, was genau da geplant ist. Später haben sie mir erzählt, dass sie von Anfang an mich für die Rolle wollten. Als ich vor zwei Jahren dazu kam, war das Drehbuch noch nicht fertig. Wir Schauspieler haben kritisiert und Ideen eingebracht, später geprobt, improvisiert und die Geschichte mitentwickelt.
Konnten Sie denn persönliche Erfahrungen in das Drehbuch einbringen? Auch Sie sind auch im Iran geboren.
Mir war extrem wichtig, dass der persische Akzent authentisch ist, weil sie damit überhaupt keine Erfahrungen hatten. Es gab erst eine Übersetzung, die wirklich unbrauchbar war. Im Endeffekt haben Navid, der Siamak spielt, und ich bis kurz vor Drehbeginn an den Übersetzungen gesessen. Wir wollte, dass sie wie echte Iraner reden und es nicht eins zu eins aus dem Deutschen übersetzt wird. Persisch ist eine sehr blumenreiche Sprache, die viel mehr Dinge umschreibt. Im Deutschen spricht man Dinge viel direkter an, das wäre im Iranischen zu unhöflich. In der Szene beim deutschen Grenzbeamten druckst Fariba in einer alten Fassung ein bisschen rum und gibt am Ende zu, dass sie mit einer Frau zusammen war. Es ist undenkbar, dass eine Iranerin vor einem Mann über ihre Sexualität spricht. Schon gar nicht, wenn sie homosexuell ist. Es ist eine riesige Schamkultur, was Frauen im Iran betrifft. Diese Hinweise wurden sehr dankbar im Drehbuch aufgenommen und umgesetzt.
Was hat Sie an dieser Rolle gereizt und herausgefordert?
Fariba ist eine außergewöhnliche Figur, was für eine Schauspielerin immer spannend ist. Sie trägt einen wahnsinnigen inneren Konflikt mit sich aus. Durch das, was sie ist, und das, was sie fühlt, ist sie eine doppelte Außenseiterin. Speziell in ihrem Kulturkreis. Sie kann sich nirgendwo hinwenden und ihre Gefühle nicht ausleben. Dabei hat sie einen riesigen Drang nach Freiheit. Mich hat fasziniert, dass sie nicht resigniert und zum Opfer wird. Sie bäumt sich auf und nimmt extreme Anstrengungen und Risiken in Kauf. Solche Frauen sieht man leider selten. Außerdem ist es für jede Schauspielerin eine Herausforderung, wenn sie einen Mann spielen darf.
Wie haben Sie Sich denn auf die Rolle vorbereitet? Gab es Kontakt zu lesbischen Frauen im Iran?
Ich habe lange im Internet gesucht. Ich wollte wissen, wie lesbische Frauen im Iran leben. Sie müssen im Untergrund bleiben. Leider habe ich im gesamten Internet nicht eine lesbische Iranerin gefunden. Der einzige Kontakt kam über die Regisseurin zustande. Allerdings lebt diese Frau schon seit 28 Jahren in Deutschland. Grundsätzlich geht es bei Fariba um ein menschliches Schicksal. Wie es Frauen allgemein geht in diesen Ländern. Was die Männergeschichte angeht: Da habe ich einfach meinen Bruder und meinen Vater kopiert.
War das Ende des Filmes von Anfang an so geplant?
Es gab verschiedene Versionen. Wenn sie es am Ende schafft, wäre das zynisch. Wenn sie es nicht schafft, ist das ganz schön traurig. So finde ich, haben wir ein sehr spannendes Ende gefunden. Ob es realistisch ist, weiß niemand. Es gibt eine gewisse Hoffnung, dass sie es wieder versuchen wird und vielleicht eines Tages nach Berlin, Paris oder eine andere Metropole schafft, in der sie offen leben kann.
Welches sind für Sie die bewegendsten und schönsten Stellen im Film?
Die Entwicklung der Liebesgeschichte zwischen Anneke und mir hat prima funktioniert. In den Proben standen wir uns eher fremd gegenüber. Im Spiel lief es plötzlich. Das Knistern auf der Leinwand ist wirklich hergestellt. Ich hatte anfänglich Sorgen, wie es rüberkommt. Eine lesbische Frau habe ich schon mehrfach gespielt und es ist keine große Überwindung. Aber der Aspekt, dass eine davon als Mann verkleidet ist und lange nicht klar ist, weiß es die andere, will sie es wissen, das kann wahnsinnig schnell in die Hose gehen. Davor hatten wir beide Angst.
Eine meiner Lieblingsszenen ist das Gespräch in der Waschküche ganz am Anfang. Da brechen der Humor und der Charme von Fariba durch. Diese gewisse Leichtigkeit ist wichtig, weil es sonst doch ein sehr schweres Thema ist. Daher müssen solche Momente unbedingt in so einen Film. Momente, in denen man schmunzeln kann.
Sie waren erst ein Bandit, dann femme fatale, jetzt eine lesbische Iranerin. Wie suchen Sie sich ihre Rollen aus?
So unmöglich wie möglich. Schon meine erste Rolle war eine Zigeunerin, die um ihr Kind kämpft. Ich bin einfach nicht der normale deutsche Typus. Viele Rollen kommen für mich schon gar nicht in Frage. Meistens spiele ich starke Frauen, zerrissene Persönlichkeiten, oftmals Kämpferinnen. Gerade das finde ich spannend.
Gibt es denn eine ganz andere Art von Rolle, die sie gerne spielen wollen?
Da gibt es so viele. Ich würde gerne mal eine Komödie drehen oder in einen Actionfilm mitmachen. Oder einfach mal eine Mutter spielen.
Was möchten Sie mit dem Film im Bewusstsein der Zuschauer erreichen?
Der Zuschauer soll den Menschen hinter der Geschichte sehen. Ich würde mich freuen, wenn die Leute mal eine iranische Frau betrachten und nicht denken, dass sie ein Opfer ist. Wenn es uns gelingt, dass man gar nicht mehr über die Verkleidung nachdenkt und einfach hofft, dass Fariba dieses unmögliche Unterfangen schafft, dann ist schon viel gewonnen.
(Gesine Grassel)
Foto (C) Ventura Film
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Fremde Haut - Interview mit Jasmin Tabatabai
VERÖFFENTLICHUNGEN
Kinostart:
01.01.2005
CAST & CREW
Hauptdarsteller:
Jasmin Tabatabai
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