Im Schmutz der eigenen Existenz
Es ist das Werk der Werke, der umspannendste literarische Versuch, die Welt zu verstehen; es ist eine Textfeier, ein Exerzitium der Höchstkultur und natürlich auch der Horror eines jeden Deutschschülers – Johann Wolfgang Goethes Faust. Für den russischen Regisseur Alexander Sokurov, der sich nun auch in die Riege der vielen Faust-Verfilmungen einreiht, ist das Projekt Faust allerdings noch etwas mehr. Es ist der Abschluss seiner Tetralogie. Moloch war die versessene Zustandsbeschreibung der letzten Tage Adolf Hitlers, ähnlich war es bei Taurus im Hinblick auf den russischen Diktator Lenin und Slontse beschäftigte sich mit dem Machtverlust des japanischen Kaisers Hirohito.
Nun also Dr. Faust. Zum einen als Erzählung von der obsessiven Suche nach dem Sinn hinter allen Dingen, nach der Seele und dem ewigen Kampf zwischen Glaube und Wissenschaft. Zum anderen als Kommentar der ewig aktuellen Motive, die sich auch in den früheren Werken des Regisseurs niederschlugen. Wobei es Sokurov vermeidet, offensichtliche Verbindungen herzustellen. Sein Film funktioniert auch losgelöst vom Verbund mit den Vorgängerfilmen.
In milchig gelb-grünen Bildern inszeniert der Formalist Sokurov die Begegnung von Faust und einem geheimnisvollen Seelen sammelnden Händler (eine hochinteressante Mephistopheles-Variation). Beide laufen durch diesen Film, ständig vertieft in einen energischen Dialog über den Ursprung aller Dinge und streifen so im Vorbeigehen alle wichtigen Szenen und Motive der Vorlage. Es gibt die Studentenfeier in Auerbachs Keller genauso wie den letztlichen Teufels-Pakt. Aber die eigentliche Energie gewinnt der Film aus der Freiheit seiner Umsetzung. Und gerade in dieser Freiheit zeigt sich, wie sehr Sokurov seine Vorlage zwar immer respektiert, aber ihr nie blind huldigt.
So bewegen sich alle Figuren (darunter auch viele deutsche Darsteller, z.B. Hanna Schygulla und Florian Brückner) durch eine Welt, die eine aufregende Mischung aus mittelalterlichem Schmutz, vollgepackten Innenräumen und gewaltigen Naturaufnahmen ist. Wie gelassen und selbstverständlich Sokurov hier Künstlichkeit und Realismus in Einklang bringt, ist vielleicht die tollste Seherfahrung, die sein Faust zu bieten hat. In diesem Film, der sich nicht scheut eine Sequenz in vielen obskuren Kamerawinkeln einzufangen, der zwischen Dialog und innerem Monolog, Traumsequenz und Todesfantasie hin- und herpendelt, entsteht eine fieberhafte, brütende Atmosphäre der Suche nach dem Kern allen Sinns und Daseins.
Es bleibt Sokurovs Geheimnis, wie ihm das alles gelingt. Wie er eine derartige Stringenz schafft, obwohl ein solches Werk in jeder Sekunde auseinanderfallen könnte. Doch hier gibt es kein Suchen nach dem richtigen Ton oder Schnitt, alles ist hier ganz bei sich und der Vision eines ganz großen Kinokünstlers untergeordnet.
(Festivalkritik 2011 von Patrick Wellinski)
Nun also Dr. Faust. Zum einen als Erzählung von der obsessiven Suche nach dem Sinn hinter allen Dingen, nach der Seele und dem ewigen Kampf zwischen Glaube und Wissenschaft. Zum anderen als Kommentar der ewig aktuellen Motive, die sich auch in den früheren Werken des Regisseurs niederschlugen. Wobei es Sokurov vermeidet, offensichtliche Verbindungen herzustellen. Sein Film funktioniert auch losgelöst vom Verbund mit den Vorgängerfilmen.
In milchig gelb-grünen Bildern inszeniert der Formalist Sokurov die Begegnung von Faust und einem geheimnisvollen Seelen sammelnden Händler (eine hochinteressante Mephistopheles-Variation). Beide laufen durch diesen Film, ständig vertieft in einen energischen Dialog über den Ursprung aller Dinge und streifen so im Vorbeigehen alle wichtigen Szenen und Motive der Vorlage. Es gibt die Studentenfeier in Auerbachs Keller genauso wie den letztlichen Teufels-Pakt. Aber die eigentliche Energie gewinnt der Film aus der Freiheit seiner Umsetzung. Und gerade in dieser Freiheit zeigt sich, wie sehr Sokurov seine Vorlage zwar immer respektiert, aber ihr nie blind huldigt.
So bewegen sich alle Figuren (darunter auch viele deutsche Darsteller, z.B. Hanna Schygulla und Florian Brückner) durch eine Welt, die eine aufregende Mischung aus mittelalterlichem Schmutz, vollgepackten Innenräumen und gewaltigen Naturaufnahmen ist. Wie gelassen und selbstverständlich Sokurov hier Künstlichkeit und Realismus in Einklang bringt, ist vielleicht die tollste Seherfahrung, die sein Faust zu bieten hat. In diesem Film, der sich nicht scheut eine Sequenz in vielen obskuren Kamerawinkeln einzufangen, der zwischen Dialog und innerem Monolog, Traumsequenz und Todesfantasie hin- und herpendelt, entsteht eine fieberhafte, brütende Atmosphäre der Suche nach dem Kern allen Sinns und Daseins.
Es bleibt Sokurovs Geheimnis, wie ihm das alles gelingt. Wie er eine derartige Stringenz schafft, obwohl ein solches Werk in jeder Sekunde auseinanderfallen könnte. Doch hier gibt es kein Suchen nach dem richtigen Ton oder Schnitt, alles ist hier ganz bei sich und der Vision eines ganz großen Kinokünstlers untergeordnet.
(Festivalkritik 2011 von Patrick Wellinski)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Faust
Produktionsland:
Russland
Produktionsjahr:
2011
Länge:
134 (Min.)
Verleih:
MFA+ Filmdistribution
VERÖFFENTLICHUNGEN
Kinostart:
19.01.2012
CAST & CREW
Regie:
Alexander Sokurov
Drehbuch:
Marina Korenewa, Alexander Sokurov
Kamera:
Bruno Delbonnel
Schnitt:
Jörg Hauschild
Musik:
Andrey Sigle
FILMBEWERTUNG
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Bisherige Kommentare
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Von: Johannes Heinrichs am: 11.02.12
Ich konnte den Schmutz und die Hässlichkeit leider - mangels Sinn für die Ästhetik des Hässlichen? - nicht ertragen.
Von: Vera am: 02.02.12
eine fulminant brillante Höchstleistung. Mein Kompliment an den Herrn Sukorov, auch an die grandiose Besetzung.Exzellent! Schade,dass man hochkarätige Inszenierungen nur sehr sparsam auf dem deutschen Kinoplatz dosiert.Weiter so!!!
Von: Antifa am: 26.01.12
Naja. Ganz großes Kino.
Von: Gernot Hofmann am: 19.01.12
Sukorov hat den Faust in 21. Jahrhundert geholt, obwohl die Inszenierung von den Bildern durchaus im 19. Jahrhundert ebenfalls Platz hätte. Nach der vergeblichen Suche im inneren des Menschen ob tot oder lebendig, überquert er Lethe nicht sondern begräbt den Teufel und verschwindet in der klaren Kühle des Intelekts.
Von: wignanek-hp am: 10.09.11
Der Trailer ist höchst interessant, die Kritik ebenfalls. Ich werde mir den Film nicht entgehen lassen!








