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Faust

Meinungen
8

72 Bewertungen

Kinostart: 19.01.2012
FSK: 16
Genre: Drama, Literaturverfilmung
Tags: Leidenschaft, Teufel, Seele, Venedig 2011, Johann Wolfgang von Goethe
 

Im Schmutz der eigenen Existenz

Es ist das Werk der Werke, der umspannendste literarische Versuch, die Welt zu verstehen; es ist eine Textfeier, ein Exerzitium der Höchstkultur und natürlich auch der Horror eines jeden Deutschschülers – Johann Wolfgang Goethes Faust. Für den russischen Regisseur Alexander Sokurov, der sich nun auch in die Riege der vielen Faust-Verfilmungen einreiht, ist das Projekt Faust allerdings noch etwas mehr. Es ist der Abschluss seiner Tetralogie. Moloch war die versessene Zustandsbeschreibung der letzten Tage Adolf Hitlers, ähnlich war es bei Taurus im Hinblick auf den russischen Diktator Lenin und Slontse beschäftigte sich mit dem Machtverlust des japanischen Kaisers Hirohito.

Nun also Dr. Faust. Zum einen als Erzählung von der obsessiven Suche nach dem Sinn hinter allen Dingen, nach der Seele und dem ewigen Kampf zwischen Glaube und Wissenschaft. Zum anderen als Kommentar der ewig aktuellen Motive, die sich auch in den früheren Werken des Regisseurs niederschlugen. Wobei es Sokurov vermeidet, offensichtliche Verbindungen herzustellen. Sein Film funktioniert auch losgelöst vom Verbund mit den Vorgängerfilmen.

In milchig gelb-grünen Bildern inszeniert der Formalist Sokurov die Begegnung von Faust und einem geheimnisvollen Seelen sammelnden Händler (eine hochinteressante Mephistopheles-Variation). Beide laufen durch diesen Film, ständig vertieft in einen energischen Dialog über den Ursprung aller Dinge und streifen so im Vorbeigehen alle wichtigen Szenen und Motive der Vorlage. Es gibt die Studentenfeier in Auerbachs Keller genauso wie den letztlichen Teufels-Pakt. Aber die eigentliche Energie gewinnt der Film aus der Freiheit seiner Umsetzung. Und gerade in dieser Freiheit zeigt sich, wie sehr Sokurov seine Vorlage zwar immer respektiert, aber ihr nie blind huldigt.

So bewegen sich alle Figuren (darunter auch viele deutsche Darsteller, z.B. Hanna Schygulla und Florian Brückner) durch eine Welt, die eine aufregende Mischung aus mittelalterlichem Schmutz, vollgepackten Innenräumen und gewaltigen Naturaufnahmen ist. Wie gelassen und selbstverständlich Sokurov hier Künstlichkeit und Realismus in Einklang bringt, ist vielleicht die tollste Seherfahrung, die sein Faust zu bieten hat. In diesem Film, der sich nicht scheut eine Sequenz in vielen obskuren Kamerawinkeln einzufangen, der zwischen Dialog und innerem Monolog, Traumsequenz und Todesfantasie hin- und herpendelt, entsteht eine fieberhafte, brütende Atmosphäre der Suche nach dem Kern allen Sinns und Daseins.

Es bleibt Sokurovs Geheimnis, wie ihm das alles gelingt. Wie er eine derartige Stringenz schafft, obwohl ein solches Werk in jeder Sekunde auseinanderfallen könnte. Doch hier gibt es kein Suchen nach dem richtigen Ton oder Schnitt, alles ist hier ganz bei sich und der Vision eines ganz großen Kinokünstlers untergeordnet.

(Festivalkritik 2011 von Patrick Wellinski)

Daten & Fakten

Produktionsland: Russland
Produktionsjahr: 2011
Länge: 134 (Min.)
Verleih: MFA+ Filmdistribution
Kinostart: 19.01.2012

Cast & Crew

Regie: Alexander Sokurov
Drehbuch: Marina Korenewa, Alexander Sokurov
Kamera: Bruno Delbonnel
Schnitt: Jörg Hauschild
Musik: Andrey Sigle
Hauptdarsteller: Georg Friedrich, Sigurdur Skúlason, Maxim Mehmet, Hanna Schygulla, Florian Brückner, Isolda Dychauk, Johannes Zeiler, Anton Adasinskiy, Antje Lewald

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 8)
Von: Valodk am: 25.06.12
Herr Alexander Sokourov gehört warscheinlich zu den selten Filmachern, die die Schönheit und die Hässlichkeit des Groteskes mischen können, um Meisterwerke zu erschaffen.
Von: Jolai am: 24.03.12
Ich konnte nichts mit dem Film anfangen, er hat mich irgendwie nicht gepackt. Um mich für den Stil begeistern zu können, scheine ich wohl nicht Filmkenner genug zu sein.
Von: Karamanola Lefkothea am: 01.03.12
Entweder habe ich die Intention des Regisseurs nicht verstanden oder der Film ist einfach nur schlecht - er entspricht nur kaum der Lektüre und beinhaltet sehr verwirrende Szenen - außerdem sehr obszön in man hatte den Eindruck es ginge die ganze zeit nur um sex da die Darsteller den kompletten Film durch irgendwelche perversen Gesten tätigten. Vollkommen unlogische und nicht nachvollziehbare Szenen - also in meinen Augen der schlechteste Film den ich je gesehen habe.
Von: Johannes Heinrichs am: 11.02.12
Ich konnte den Schmutz und die Hässlichkeit leider - mangels Sinn für die Ästhetik des Hässlichen? - nicht ertragen.
Von: Vera am: 02.02.12
eine fulminant brillante Höchstleistung. Mein Kompliment an den Herrn Sukorov, auch an die grandiose Besetzung.Exzellent! Schade,dass man hochkarätige Inszenierungen nur sehr sparsam auf dem deutschen Kinoplatz dosiert.Weiter so!!!

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