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Eisenkopf

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FSK: keine
Genre: Dokumentarfilm
Tags: Schule, China, Sport, Kung Fu, Fußball, Berlinale 2017, Berlinale 2017 Perspektive Deutsches Kino

Verzweifelte Jugendliche

Kampf und Sport, akrobatische Performance und militärischer Drill: Kung-Fu und Fußball. Die Shaolin-Kung-Fu-Schule von Deng Feng hat sich als Alleinstellungsmerkmal etwas ganz Besonderes ausgedacht: Die Verbindung von Kung-Fu mit Fußball wird hier gelehrt, einzigartig in der Welt.

Der chinesischstämmige Regisseur Tian Dong porträtiert in Eisenkopf diese Schule, den Sport sowie die Pädagogik und die Politik dahinter. Man kennt die Schulungen in der Hohen Kunst des Kung-Fu. Ein weiser alter Meister mit knielangem, spitzem Bart, wallendem weißen Haar und Augenbrauen wie Handbesen gibt seinem Jünger aphoristische Anweisungen in der Beherrschung von Körper und Geist, und der zieht dann los, um seine Rache auszuüben.

Man kennt auch die Massen der Kung-Fu-Kämpfer, die um den Helden rumstehen, ihn einzeln angreifen und einzeln geschlagen werden, mal mit Knochenbrüchen davonkommen, mal den Tod finden, je nach FSK-Einstufung. Ja, wir kennen sogar die Shaolin-Kicker mit lustigen Zaubertrickmätzchen, was Schnitt-, Draht- und CGI-Technik so hergibt. Eisenkopf aber ist echt. Da gibt es tatsächlich diese kasernenartigen Gebäude um einen großen Exerzierplatz herum, in denen zehntausende Schüler Kung-Fu gelehrt wird. Und einige davon spielen in der Schulfußballmannschaft. Sie sind ganz normale Jungs, die ganz normal über das Essen mäkeln und über die Lehrer lästern und die dabei den Kampf und den Geist von Kung-Fu auf Fußball übertragen sollen. Zum Ruhm der Schule, zum Ruhm von China.

Das sind dreizehn-, vierzehnjährige Kinder, die hier gedrillt werden: Jeden Morgen 5:30 Uhr aufstehen, drei Stunden Kung-Fu, danach noch Fußball und abends müssen sie auftreten im Zen Buddhismus Music Ritual, touristische Freiland-Attraktion, wo die Kids ihre Kunststück-Choreographien absolvieren. Jeden Tag. Jeden Tag. Einer ist mit sechs Jahren an die Schule gekommen, der Torwart, ein kleiner Kerl, den wir als einen der Protagonisten begleiten. Mit einem Trick wurde er an die Schule gelotst, die Mutter erzählt es einmal stolz: Sie würden nur kurz weggehen, dann holen sie ihn wieder und gehen gemeinsam essen, das haben sie dem Kleinen gesagt. Und sind dann weggefahren, nach Hause. Der Vater hat schon von der Kung-Fu-Schule geträumt, der Sohn muss das jetzt ausbaden. Und zeigt sich im Interview unendlich genervt, völlig resigniert, er will nur weg.

Es gibt noch schlimmere Schicksale. Ein Mädchen, 17 Jahre, hat jahrelang geweint. Jetzt lächelt sie tapfer, aber so angespannt, dass die Selbstlüge hervorscheint: Ja, gibt sie an, die Schule wäre schon gut, sie hat es akzeptiert. Und erzählt von der Prügelstrafe für die, die nicht aufpassen. Eine Maßnahme, die ganz gerechtfertigt sei, und wenn sie selbst ein Kind hat, wird sie es auch schlagen, was soll sie machen, wenn es nicht gehorcht. Immer wieder bringen sich Schüler um, die Gebäude sind hoch genug für einen sicheren Sprung in den Tod.

Was ein unterhaltsames Porträt einer ungewöhnlichen Schule sein könnte – und zu Anfang auch ist –, ist im Hintergrund ein bitterer Film über Politik und Pädagogik in China. Der Schulleiter findet die Verbindung von Kung-Fu und Fußball super, man kann ja die Kraft und die Fitness vom einen beim anderen gut gebrauchen. Andererseits wissen die Trainer: Sobald man Kung-Fu auf dem Platz einsetzt, ist es ein Foul. Dummerweise gibt es halt Schiedsrichter beim Fußball! Der Schulleiter wiederum sagt von sich selbst, dass er wenig weiß über Fußball. Aber er weiß, dass die Spieler reaktionsschneller und stärker sein müssen und dass sie mehr lernen sollen und überhaupt machen sie alles falsch – einmal putzt er sie brutal runter, es ist so ungerecht, aber die Schüler können nichts machen. Für die Kamera hat der Rektor sich aber schöne Floskeln zurechtgelegt, von der Kung-Fu-Technik des Eisenkopfes, die super im Kopfball eingesetzt werden kann. Und von dem Traum von Kung-Fu und Fußball, vom großen chinesischen Traum, der hier umgesetzt wird.

Für jeden, der ein wenig Ahnung von Fußball hat, ist klar: Eine Einzelkampfsportart wie Kung-Fu kann nicht wirklich übertragen werden. Wo einerseits die immer gleichen Bewegungen eingetrichtert werden, viele einzelne Übungseinheiten, die im Kollektiv, aber jeder für sich, dargeboten werden – da muss andererseits zusammengespielt werden, da muss jeder Spieler zu jeder Zeit nicht nur wissen, wo die Gegner, wo die Mitspieler auf dem Platz stehen, sondern auch, wo sie im nächsten Moment wahrscheinlich hinlaufen werden. Das ist der Zauber des Fußballsportes – die Magie des Kung-Fu ist die Demonstration von Kraft, Ausdauer, Aushalten, von gleichgeschalteten Schlag- und Tretbewegungen: Einzeltanz, nicht Ballkunst.

Sehr behutsam und doch deutlich schält Tian Dong diese Inkompatibilität heraus; wobei ihm die Entscheidung vorzuwerfen ist, beim Filmen eines Fußballspieles vornehmlich auf Großaufnahmen zu setzen. So interessant es sein kann, wenn der Kameramann auf dem Spielfeld mitrennt, so wenig kann man vom Spiel sehen, vom Spielfluss, von den Spielleistungen. Beim Fußball reicht es nicht, wenn hinterher gesagt wird, wie schlecht die Mannschaft gespielt hat – wir hätten es gerne gesehen! Beim zweiten Spiel, das im Film präsentiert wird, geht Tian Dongs Taktik eher auf: Wir sehen die Fouls der Shaolin-Kicker, denen der Unterschied von Kung-Fu und Fußball nie wirklich beigebracht wurde. Wie sie da den Gegnern in die Beine grätschen, um im nächsten Moment schmerzverzerrt umzufallen: solche Kombinationen von Tritt und Schwalbe – nein, es macht keinen Spaß, gegen diese Kung-Fu-Fußballer anzutreten. Sie sind zu schlecht. Und zu unfair. Und das nur deshalb, weil es die Schule, weil es die Regierung so will: Stolz erzählt der Schulleiter, dass ihm von der Politik 56 Hektar Land für eine neue, große Fußball-Kampfkunst-Schule überlassen wurde. Für noch mehr Schüler. Für noch mehr Schulgeld. Für noch mehr verzweifelte Jugendliche.

(Harald Mühlbeyer)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2017
Länge: 92 (Min.)

Cast & Crew

Regie: Tian Dong
Drehbuch: Tian Dong
Kamera: Christian Mario Lohr
Schnitt: Julia Karg, Tian Dong

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