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Ein Hells Angel unter Brüdern

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3 Sterne aus 68 Bewertungen

Kinostart: 15.01.2015
FSK: 12
Genre: Dokumentarfilm
Tags: Fotograf, Rocker, Stuttgart, Schwaben, Motorradgang, Max Ophüls Preis 2014

Männerbünde

Lutz Schelhorn ist nicht nur ein erfolgreicher Fotograf, sondern auch der Präsident des Stuttgarter Charters der Hells Angels. "Für die Öffentlichkeit sind Rocker Kriminelle", sagt Schelhorn. Um diese vorgefertigte Meinung zu ändern, plant er einen Bildband über die Gesichter hinter dem Clubabzeichen. Regisseur Marcel Wehn hat den Fotografen über mehrere Jahre bei seiner Arbeit begleitet.

Zwei Feiern bilden die inhaltliche Klammer dieser Dokumentation. Ihre Anlässe könnten unterschiedlicher nicht sein. Kurz vor Schluss sieht der Zuschauer die 30-Jahr-Feier der Stuttgarter Hells Angels. Clubabzeichen aus aller Welt drängen sich ausgelassen auf der Party. Auch zu Beginn des Films sind Hunderte Hells Angels von überall her angereist. Um eines ihrer Mitglieder zu Grabe zu tragen. Ein Hells Angel unter Brüdern beginnt mit der Beerdigung von Lutz Schelhorns Bruder Frank. Dieser war kurz zuvor an den Spätfolgen eines Motorradunfalls gestorben. Drei Jahre liegen zwischen diesen Aufnahmen. Und sie verdeutlichen, was die Faszination dieses Clubs für dessen Mitglieder ausmacht. Es ist vor allem die Zusammengehörigkeit. Wie es der Titel bereits andeutet: das Gefühl, unter Brüdern zu sein.

Regisseur Marcel Wehn ist mit seiner Kamerafrau Eva Katharina Bühler nah an seine Protagonisten herangerückt. Und in den ersten Minuten beschleicht einen das ungute Gefühl, dass Ein Hells Angel unter Brüdern vielleicht zu nah dran ist. Denn Marcel Wehn macht beileibe nicht alles richtig. Viele der gezeigten Motorradszenen unterlegt er mit Rock- oder Country-Musik. Durch ein geschicktes Spiel aus Ausleuchtung und Unschärfe präsentiert er die interviewten Hells Angels visuell überhöht; ganz im Gegensatz zu den übrigen Gesprächspartnern. Ein entscheidendes Kapitel aus Lutz Schelhorns Vergangenheit wird zudem zu einseitig beleuchtet. Lange vor seiner Karriere als Fotograf wurde ihm die Gründung einer kriminellen Vereinigung sowie schwere Vergewaltigung vorgeworfen. Am Ende stand ein Freispruch. Zu den genauen Umständen kommen jedoch nur Schelhorn und dessen Eltern zu Wort. Der Regisseur bietet seinem Protagonisten auf diese Weise die Möglichkeit, sich unwidersprochen zum Justizopfer zu stilisieren. An diesen Stellen läuft Ein Hells Angel unter Brüdern Gefahr, den Motorradclub in ein Licht zu rücken, in dem er sich selbst gern sieht: als Ansammlung freiheitsliebender, aber im Grunde harmloser Ausgegrenzter.

Dennoch verkommt die Dokumentation nicht zum Sprachrohr des Stuttgarters. Wehns großes Verdienst ist es, dass er trotz dieser formalen und inhaltlichen Mängel die nötige Distanz zu seinen Protagonisten wahrt. An anderen Stellen lässt er Gegenstimmen und neutrale Beobachter von Polizisten bis Journalisten zu Wort kommen. In entscheidenden Situationen bohrt der Regisseur aus dem Off kritisch nach. Und das muss Wehn auch, da so mancher der (vermeintlich) Neutralen im Verlauf des Films die Distanz zu verlieren scheint. Auch dies macht Marcel Wehns Dokumentarfilm deutlich: die Schwierigkeit, kritisch mit jemandem umzugehen, den man über einen längeren Zeitraum kennen und schätzen lernt.

Lutz Schelhorns Anliegen, das Bild der Hells Angels zu ändern, gelingt nur bedingt. Einerseits kann eine Einzelperson wie er nicht für das Gros der Clubmitglieder, kann die gemäßigte Stuttgarter Rockerszene nicht stellvertretend für die anderen deutschen Charter stehen. Andererseits trägt Lutz Schelhorn selbst dazu bei, bleibt seine Person im Verlauf des Dokumentarfilms doch zu widersprüchlich und entspricht in den entscheidenden Momenten eben jenem vorgefertigten Bild.

So zeigt Ein Hells Angel unter Brüdern Lutz Schelhorn zwar als engagierten Bürger, der Jugendliche über die Stuttgarter Judendeportationen aufklärt. Eben jener Protagonist ist es aber auch, der bei einer Führung in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen die westdeutsche Justiz in die Nähe von Stasi-Methoden rückt und fürs Erinnerungsfoto pietätlos in einer Zelle posiert. Trotz aller Distanzierungsversuche zu den Fehlentwicklungen der Hells Angels bleibt Schelhorn letztlich ein Mann, der den Aussagen von Clubmitgliedern mehr Glauben schenkt, als denen ihrer Opfer oder als den Ermittlungen der Justiz. Ein Mann, für den das Gemeinschaftsgefühl unter Brüdern am Ende mehr zählt als die Wahrheit.

Vor allem in diesen Gesprächen entlarvt sich der Präsident des Stuttgarter Charters trotz aller Hemdsärmeligkeit und Bodenständigkeit als völlig abgehoben; als Mitglied eines Clubs, in dessen Weltanschauung eigene Gesetze gelten und der vom deutschen Staat sehr wenig hält. Einer von Schelhorns schwachen Momenten und der stärkste des Films.

(Falk Straub)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2014
Länge: 93 (Min.)
Verleih: farbfilm Verleih
Gefördert durch die MFG
Kinostart: 15.01.2015

Cast & Crew

Regie: Marcel Wehn
Drehbuch: Marcel Wehn
Kamera: Eva Katharina Bühler
Schnitt: Catrin Vogt
Musik: Christoph Rinnert

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