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Die Genialität des Augenblicks - Der Fotograf Günter Rössler

Meinungen
2

4 Sterne aus 3 Bewertungen

Kinostart: 13.12.2012
FSK: 12
Genre: Dokumentarfilm, Biographie
Tags: Fotograf, DDR, Fotografie, Akt
 

Der Fotograf ihres Vertrauens

Seine jungen Models von einst sind längst im Rentenalter, doch er selbst arbeitet noch immer. Günther Rössler ist heute 86 Jahre alt. Seit über 60 Jahren ist der Leipziger als freiberuflicher Fotograf tätig. In der DDR war er ein Pionier der Aktfotografie und gilt heute als der bedeutendste Aktfotograf aus dem Osten. Seine Bilder galten als "nicht anstößig", so dass in der DDR seine Ausstellungen sogar von Schulklassen besucht wurden. Tatsächlich zielt sein spezieller Blick auf den weiblichen Körper niemals darauf, einen männlichen Voyeurismus zu bedienen. Vielmehr dient er der Weiblichkeit, der Persönlichkeit und dem Selbstbewusstsein der abgelichteten Frauen.

Der Dokumentarfilm Die Genialität des Augenblicks – Der Fotograf Günter Rössler ist eine Hommage an den Fotografen, dem Frauen seit Generationen vertrauen. Bescheiden erzählt der pfiffige Senior vor der Kamera von seiner Arbeit und seinem Lebensweg. Filmisch unprätentiös und unverstellt wie sein sympathischer Protagonist zeichnet der Film über 93 Minuten ein umfassendes Bild vom künstlerischen Wirken Rösslers. Dabei vermittelt Filmemacher Fred R. Wittlitzkat ein interessantes Stück Zeit- und Kulturgeschichte, und bringt auch – vor allem in den letzten Filmminuten – dem Zuschauer den privaten Menschen hinter dem Fotoapparat ein ganzes Stück näher.

Ein Großteil des Bildes, das sich der Zuschauer von Rössler machen kann, besteht aus den Erzählungen von Frauen, die durch die Jahrzehnte für ihn vor der Kamera gestanden haben – und heute noch alle ausnahmslos stolz auf ihre Aktaufnahmen sind. Aus ihren Berichten entsteht ein sehr lebendiges Bild des Mannes hinter der Kamera: ein lebenslustiger Gentleman, mit Herzblut und Feuereifer dabei, immer auf der Suche nach Ausdruck und Schönheit, ein Künstler mit Sinn für das Praktische.

Wenn er bekleidete Frauen für DDR-Modemagazine wie Sybille und Modische Masche fotografierte, hatte er außer dem perfekten Ausdruck des Models auch stets die gute Sichtbarkeit von Knopfleisten und anderen Details im Blick. Eine Fotoserie mit dem Thema "Provence" inszenierte er kurzerhand vor einer alten, bewachsenen Steinmauer zwischen sommerlichen Feldern mitten in der DDR. Eine internationale Karriere war ihm verwehrt, aber der Playboy machte ihm Mitte der 80er Jahre ein großzügiges Angebot.

Wenn er Frauen unbekleidet ablichtete, wahrte er in der subtilen Inszenierung in den Bilden stets ihre Integrität. Er sprach auch einfach junge Frauen auf der Straße an, die sich dann für seine Bilder auszogen und die mit ihm oftmals heute noch freundschaftlich verbunden sind. In ihren Erzählungen wird einerseits deutlich, dass Nacktheit in der DDR – auch durch die verbreitete FKK-Kultur – insgesamt viel unverkrampfter wahrgenommen wurde. Doch die Zusammenarbeit mit Rössler hat darüber hinaus einen bleibenden Eindruck auf die Frauen gemacht.

In jungen Jahren haben sie sich vor Rösslers Kamera ausgezogen, heute sitzen sie als gereifte Persönlichkeiten vor der Filmkamera, betrachten die Abbilder ihres jungen Selbst auf den Fotos und berichten davon, wie sie damals an Selbstbewusstsein gewonnen haben. Dasselbe gilt auch für die jungen Frauen, die sich aktuell von Rössler fotografieren lassen. Sie alle eint das Bewusstsein der Vergänglichkeit von jugendlicher Schönheit. Auf den Aktfotografien sind die Abbilder ihrer Körper vor dem Alterungsprozess geschützt, während im Leben das Älter werden unbarmherzig voranschreitet.

Hier klingt ein Thema an, das der Film überzeugend durchführt. Denn nach und nach wird klar, dass es vor allem Rössler selbst ist, der sich ganz konkret mit der eigenen Vergänglichkeit arrangieren muss. Denn er ist nicht nur der zufriedene Mann auf der letzten Etappe eines aktiven, erfüllten Lebens, als der er zunächst ganz ohne Widersprüche erscheint. Er ist auch Ehemann einer viel jüngeren Frau und sehr alter Vater einer kleinen Tochter. Über die Implikationen dieser Konstellation äußern sich er und seine Frau sehr reflektiert und emotional. Und hier wird aus der filmischen Künstlerbiografie, die sich sonst im zwar interessanten, aber recht bruchlosen Lebenslauf ihres Protagonisten erschöpfen könnte, ein wirklich ergreifender Dokumentarfilm.

(Kirsten Kieninger)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2012
Länge: 92 (Min.)
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 13.12.2012

Cast & Crew

Regie: Fred R. Willitzkat
Kamera: Fred R. Willitzkat
Schnitt: Doreen Ignaszewski
Musik: Friedrich Gatz

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Uwe am: 19.03.13
Ein Film mit Nevau über menschliches Stiehl, Anstand und Menschlichkeit.Schade das er nicht mehr unter uns weilt.Wünsche mir von dieser Gesellschaft und Menschen so eine Menschlichkeit.Für seine zurückgebliebenen wünsche ich mir das sie wieder so einen Partner im Leben finden.Danke für diesen Film.
Von: Manolito Röhr am: 09.11.12
Oh da freue ich mich ja. Weiß jemand ob der Film flächendeckend in die Kinos kommt? Oder wird er nur in den kleineren Kinos kommen?

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