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Cloud Atlas

Meinungen
18

3 Sterne aus 300 Bewertungen

Kinostart: 15.11.2012
FSK: 12
Genre: Drama, Literaturverfilmung

Ein Film, zwei Meinungen

Verliebt in Kino-Mythen

Sechs Geschichten, verbunden über einen Zeitraum von 500 Jahren – das ist schon für einen Roman eine komplexe Herausforderung. Für einen Film jedoch scheint der Stoff von David Mitchells Buch Der Wolkenatlas alle Dimensionen zu sprengen. Doch Regisseur Tom Tykwer wäre nicht er selbst, würde er nicht gerade solche Experimente lieben. Gemeinsam mit den Wachowski-Geschwistern (Matrix-Trilogie) hat er den teuersten deutschen Film realisiert, mit einem Budget von 100 Millionen Euro. Herausgekommen ist eine Art Gesamtkino-Kunstwerk höchst unterschiedlicher Genres und Stilmittel, die die drei Regisseure auf bewundernswerte Weise zu einer Einheit verschmelzen.

Wüsste man es nicht besser, würde man hinter Cloud Atlas keine Literaturverfilmung vermuten. Das Trio auf dem Regiestuhl klebt keineswegs brav an der Vorlage, auch wenn es den Stoff getreu erzählt und Autor Mitchell laut Presseheft "absolut hingerissen" von dem Ergebnis war. Tykwer und die Wachowski-Geschwister greifen mit vollen Händen und spürbarer Lust in die Trickkiste sämtlicher Kino-Mythen, lassen hier Metropolis anklingen und dort Die Unbestechlichen, scheuen vor Abenteuerromantik ebenso wenig zurück wie vor der unsterblichen Liebe. Sie setzen auf großes Pathos ebenso wie auf kleine Romanzen, streuen hier und da ein paar Parodien ein, spielen mit dem Film im Film und behalten dabei das breite Publikum im Blick, das hier auf anspruchsvolle Weise unterhalten wird.

Zuschauer, die den Roman nicht kennen, sollten allerdings nicht ganz unvorbereitet ins Kino gehen und sich zumindest mit den unterschiedlichen Zeitebenen der sechs Geschichten vertraut machen. 1846 lernt der amerikanische Notar Adam Ewing (Jim Sturgess) auf einer Seereise im Pazifik die Gräuel der Sklaverei kennen und lehnt sich dagegen auf. 1936 emanzipiert sich der junge Musiker Robert Frobisher (Ben Whishaw) von der Tyrannei des alternden Starkomponisten Vyvyan Ayrs (Jim Broadbent). Er opfert sein Leben für das „Wolkenatlas-Sextett“, das auch das Leitmotiv für die Filmmusik liefert. 1973 ist die unerschrockene Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) einem Atomskandal auf der Spur und gerät in ein mörderisches Komplott. 2012 landet der britische Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent) gegen seinen Willen in einem despotischen Altersheim und plant den Senioren-Ausbruch. 2144 entdeckt die geklonte Kellnerin Somni (Doona Bae), dass der Kadavergehorsam einer Arbeiterinnenarmee zweiter Klasse geradewegs in die Vernichtung statt ins versprochene Elysium führt. Und in der postapokalyptischen Welt des Jahres 2346 verhilft der einfache, aber tapfere Ziegenhirte Zachry (Tom Hanks) der Menschheit zu einem Neubeginn auf einem anderen Planeten.

Schon aus der Inhaltsangabe lässt sich entnehmen, dass bereits der Roman die verschiedenen Schicksale motivisch verknüpft. Der Film geht darüber noch ein gutes Stück hinaus. Er macht aus den Episoden eine einzige, übergreifende Geschichte. So wird aus dem Nacheinander ein Ineinander, das genuin filmischen Impulsen folgt. Die kunstvolle Verflechtung lädt den Zuschauer ein, sich dem Fluss der Bilder zu überlassen, statt angestrengt über Details der Handlung nachzudenken. Eher unbewusst entsteht der Zusammenhang auch dadurch, dass alle Schauspieler in mehreren Geschichten vorkommen, einige, wie die Hollywood-Größen Tom Hanks und Halle Berry, sogar in allen sechs. Manchmal ist das auf den ersten Blick erkennbar, manchmal aber leistet die Maske eine derart gute Arbeit, dass erst der Abspann das "Who ist Who?" erkennen lässt – und dabei amüsante Überraschungen bereithält.

Man mag von den religiösen und philosophischen Anklängen der übergeordneten Geschichte halten, was man will. Fest steht, dass Tykwer und die Wachowski-Geschwister in opulenten Bildern und märchenhaften Fantasien schwelgen, die eigentlich mehr den Bauch als den Kopf ansprechen. Und so ein Kino kreieren, das all die Kinder in den Erwachsenen anspricht, die sich von einem 163-Minuten-Film in erster Linie überwältigen lassen möchten. Auch wenn es sich werbemäßig gut ausschlachten lässt, hat Halle Berry ganz recht, wenn sie sagt: "Ich glaube nicht, dass ich noch einmal einen ähnlichen Film wie diesen drehen werde. Er ist in seiner Art einmalig und ungewöhnlich".

Peter Gutting
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Mysterienspiel mit Masken

Tom Tykwer kennt sich mit dem Label "Unverfilmbar" aus, hat er sich doch bereits vor sechs Jahren an Patrick Süskinds Bestseller Das Parfüm gewagt. Mit der Adaption von David Mitchells Der Wolkenatlas geht er aber noch einen Schritt weiter, und hat sich mit Lana und Andy Wachowski, die Regisseure der Matrix-Trilogie, prominente Hilfe geholt. Die drei Kino-Musketiere teilten sich die sechs verschiedenen Erzählstränge der komplexen Romanvorlage auf und arbeiteten – bis auf die Schauspieler – auch mit anderen Film-Teams. Ein gewagtes Unterfangen, das bei der Weltpremiere in Toronto mit Standing Ovations honoriert wurde. Der gelungene Galaabend kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass über dem riskanten 100 Millionen Dollar Indie-Projekt dunkle Wolken hängen, die auch der emotionale Schlussteil nicht hinwegfegen kann.

Eine detaillierte Inhaltsangabe für Cloud Atlas zu verfassen, macht kaum einen Sinn, würde sie in ihrer Dimension doch jeden Rahmen sprengen. Festzuhalten bleibt, dass Tykwer und die Wachowskis wie im Roman die sechs Erzählebenen beibehalten, sie jedoch anders anordnen. Nach einem Lagerfeuer-Monolog eines alten Zausels (unter dem Makeup versteckt sich Tom Hanks) stürzt sich der Film ins Erzählgetümmel, und holt zuerst einen Seefahrer (Jim Sturgess), der sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf eine Entdeckungsreise begibt, hervor. Aber ehe man es sich versieht, zerpflügt der Schnitt – ganz im Gegenteil zur geordneteren Romanvorlage - diese Episode, und zappt zu einem Briefe schreibenden jungen Komponisten (Ben Whishaw), der sich nicht nur an seinen Freund Rufus Sixsmith (James D’Arcy), sondern – beruflich – auch an ein altes Musikgenie (Jim Broadbent) heranmacht. Und weiter geht die Reise, nimmt eine Thrillerabzweigung in den 70ern, wo Luisa Rey (Halle Berry) als Journalistin erst im Aufzug feststeckt, um sich dann doch an die Aufdeckung eines Energie-Skandals zu machen. Jetzt landet der Film in der Jetztzeit, und erzählt vom Verleger Timothy Cavendish (wieder Jim Broadbent), der richtig viel Geld macht, als sein Autoren-Schützling einen Kritiker vom Dach schubst, und sich sein Buch auf Grund des Skandals hervorragend verkauft. Nur wollen jetzt auch noch andere vom Kuchen etwas abhaben.

Einen Blick in die Zukunft wagt Cloud Atlas im fünften Teil. In einer apokalyptischen Neon-Kulisse leisten in Seoul geklonte Frauen die Drecks-Servicearbeit. Nur eine rebelliert und bekommt Unterstützung von einem jungen Mann, der sich in sie verliebt hat, und ein wenig aussieht wie ein derangierter Keanu Reeves in The Matrix. Zum Abschluss darf sich Tom Hanks in einer steinzeitlich-archaischen Parallelwelt mit wilden Kriegern (darunter ein kaum zu erkennender Hugh Grant) herumschlagen, bevor ihn eine geheimnisvolle Schönheit (Halle Berry) mit ihrem Raumschiff besucht, um seine Hilfe zu erbitten.

Selbst in ihrer Reduzierung wirkt die Geschichte komplex und wenig zusammenhängend. Während die Vorlage aber subtile, spannende Verweise herstellt und jede einzelne Geschichte kunstvoll gestaltet, wählt die überlange Verfilmung den fragwürdigen Weg der Sprengung der Chronologie. Durch eine Dauer-Parallelmontage sollen sich die Handlungsstränge entfalten, und auch die Wiederkehr der gleichen Motive und Gefühle betont werden. Auch ist es lobenswert, dass Tykwer und die Wachowskis subtiler als Stephen Daldry in The Hours vorgehen, und nicht zwanghaft Ähnlichkeiten in den Zeitebenen herausarbeiten. Dennoch bereitet das millionenschwere Experiment wohl nicht nur denen Probleme, die das Buch nicht gelesen haben. Denn zu schnell schneiden die ambitionierten Regisseure zwischen den Sequenzen hin und her, und lassen ihren Figuren gerade zu Beginn keine Luft zum Atmen.

Auch die Idee, alle Schauspieler in mehreren Rollen auftreten zu lassen, um den ewigen Kreislauf des Lebens noch deutlicher herauszuarbeiten, erweist sich als Fehlentscheidung. Unter den teilweise absurden Masken – darunter Tom Hanks als braungebrannter Goldkettchen tragender Proll-Autor mit lächerlichem britischen Akzent - sucht man ständig nach der Identität der Schauspieler, anstatt sich mit den Konflikten der Personen auseinanderzusetzen. Und selbst ästhetisch bleibt der Film hinter den Erwartungen, die auch der spektakuläre Trailer geschürt hat, zurück. Kaum etwas ist zu sehen von Tykwers Gespür für ungewöhnliche, gewagte Bildkompositionen und auch die biederen Actionszenen in der Zukunft bleiben weit hinter der Superzeitlupen-Magie der Matrix-Trilogie zurück. In die erschreckende Einfallslosigkeit der Inszenierung passt auch noch ein Hinweis auf die Besetzung. Hugo Weaving, der in Matrix so herrlich überdreht den Oberbösewicht gespielt hat, darf auch in Cloud Atlas zumeist den Antagonisten verkörpern. Darunter einen lächerlichen Mephisto-Einflüsterer-Gnom und eine an Rached aus Einer flog über das Kuckucksnest erinnernde fiese Krankenschwester. Der Geschlechterrollen-Tausch ist immerhin ein amüsanter Verweis auf die Regisseurin Lana Wachowski, die sich erst vor einigen Jahren für eine Geschlechtsumwandlung entschieden hatte.

Tykwer & Co umschiffen dank einer erfrischenden Humor-Infusion (wie die köstlichen Altenheim-Fluchtversuche von Jim Broadbent als Verleger) in ihrem Film wenigstens die größten Esoterik/Kitsch-Klippen. Merkwürdig aus dem Rahmen für so eine weltumspannende Großproduktion, die gebetsmühlenartig die Macht der Liebe, der Kunst und des freien Willens betont, fällt jedoch die plötzlich auftretende Brutalität. Die heftigen, blutspritzenden Gewaltausbrüche stehen am Ende auch für die Krux der in Babelsberg und Düsseldorf gedrehten teuersten deutschen Produktion aller Zeiten. Hier soll etwas passend gemacht werden, was aber leider viel zu selten passt. Oder um es mit dem Slogan des Toronto-Filmfestivals auszudrücken: "When Epic meets Indie" geht irgendwas schief.

(Festivalkritik Toronto 2012 von Florian Koch)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland, USA
Produktionsjahr: 2012
Länge: 164 (Min.)
Ton/Sprache: X-Verleih
Kinostart: 15.11.2012

Cast & Crew

Regie: Tom Tykwer, Andy Wachowski, Lana Wachowski
Drehbuch: Tom Tykwer, Lana Wachowski, Andy Wachowski, David Mitchell
Kamera: John Toll, Frank Griebe
Schnitt: Alexander Berner
Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek, Tom Tykwer
Hauptdarsteller: Halle Berry, Tom Hanks, Hugh Grant, Jim Broadbent, Susan Sarandon, Ben Whishaw, Keith David, Du-na Bae, James D'Arcy, Jim Sturgess, Götz Otto, Hugo Weaving, Zhou Xun

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 18)
Von: Joe am: 11.08.14
Langsam aber sicher wachen wir Menschen auf, dass es außer der uns vorgegaukelten Schöpfungsgeschichte, die sowie nicht nachvollziehbar ist, noch eine andere Realität besteht. Hier wird klar zum Ausdruck gebracht, dass jeder für sein Tun und Handeln früher, oder später den Ausgleich zu erbringen hat, selbst wenn er dabei sein Leben lässt. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass unser Leben nach einmaliger Existenz mit dem biologischen Tod endet. Das wäre zu einfach. Wir sprechen immer von Gerechtigkeit, aber diese strebt nach Harmonie. Folglich werden wir unzählige Chancen erhalten, verursachte Disharmonien irgendwann auszugleichen und das ist keine Frage der Zeit, denn sie besteht nicht. Es findet alles zum gleichen Zeitpunkt statt, auch wenn das für den Einen, oder Anderen noch nicht nachvollziehbar ist. Ich habe den Film erst am 08.08.2014 gesehen. Ich bin begeistert und noch nachdenklicher geworden.
Von: Ronald Dorau am: 20.11.13
Hab den Film leider erst heute gesehen und werde ihn mir noch öfter ansehen... "wer Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören..." Da ist doch Realität dargestellt - so liebevoll - so grausam - so sich wiederholend - so miteinander verbunden etc. Jede Anspielung mit Hintergrund ! ! Natürlich muss man sich konzentrieren - wie im täglichen Leben - und auch eine Wahl treffen - was wunderbar dargestellt wurde. Der Film steht für mich ganz vorne Ronald
Von: Wolfgang Skötsch am: 12.01.13
Das ist großes KINO ! Ich kann empfehlen, z.B. bei Wikipedia die Geschichten vorab zu lesen, dann ist man sehr schnell in der Handlung und kann den Film genießen. Im Original m.U. kommt der "englische" Humor besonders gut rüber. Den Film habe ich nicht zum letzten Mal gesehen.
Von: nic am: 15.12.12
Super Film! Endlich mal wieder Anspruch. Gefällt mir.
Von: joe am: 14.12.12
Wahnsinns movie. Wer sagt dass war nix, hat den film nicht verstanden. Sensationell. Ist sicherlich kein mainstream, aber wer es gerne etwas anspruchsvoller und abwechslungsreicher will wird begeistert sein. Dieser film wird krass unterbewertet. Macht euch unbedingt euer eigenes bild

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