Boxhagener Platz

Kinostart: 04.03.2010
FSK: 6
Leserbewertung:
Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen Filmwecker stellen In Kinoprogramm finden

Ein Berliner Heimatfilm

Der titelgebende Boxhagener Platz befindet sich heute in einem Berliner Szeneviertel, er ist umringt von Kneipen, Cafés und schicken Läden mit Babykleidung. Zu der Zeit, in der Torsten Schulz seinen gleichnamigen Roman angesetzt hat, sah er noch ganz anders aus. Regisseur Matti Geschonnek, der hier aufwuchs, erinnert sich an einen Ort, "wo noch Brauereifuhrwerke den Kneipen die Bierfässer lieferten", an Scheren- und Messerschleifer. Zur gleichen Zeit, Ende der 1960er Jahre, spielt sein Film.

Holger (Samuel Schneider), der genau hier, in der Nähe der Kneipe "Feuermelder", lebt, ist zwölf Jahre alt und verbringt seine Nachmittage bei seiner Oma Otti (Gudrun Ritter), einer wortgewandten und lebenslustigen Frau. "Dass die Kerle auch immer so schnell schlappmachen müssen", ärgert sie sich, als ihr sechster Mann im Sterben liegt. Der tägliche Friedhofsbesuch gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, neben dem Kochen von deftigen Gerichten. Holger ist immer mit dabei, beim Essen wie beim Unkrautjäten. Denn bei seinen Eltern fühlt er sich nicht wohl. Sie haben kaum etwas gemeinsam und scheinen sich jeden Tag zu fragen, warum sie überhaupt geheiratet haben. Sein Vater Klaus-Dieter (Jürgen Vogel), Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei, nimmt seinen Job sehr ernst – deshalb soll seine Familie sich vorbildlich im Dienste der DDR verhalten. Holgers Mutter Renate (Meret Becker) dagegen hat die Nase voll, von ihrem duckmäuserischen Mann genauso wie von dem ganzen miefigen Land. Nach der Arbeit im Friseursalon geht sie tanzen, um ihren Frust zu vergessen. Lieber als DDR-Fernsehen sieht sie Westsender, die im Jahr 1968 vor allem von den Studentenprotesten berichten.

Bei Otti ist Holgers Welt noch in Ordnung. Sie erklärt ihm, wie man das macht mit dem Männer-Kennenlernen, wie man Kohlroularden isst und wie man für eine gute Verdauung sorgt. Im Nebenzimmer wälzt sich derweil ihr Mann Rudi (Hermann Beyer) hin und her. Der Granatsplitter in seinem Kopf macht ihm zu schaffen. Wenn er sich aber zu sehr ins Gespräch einmischt, knallt Otti die Tür zum Schlafzimmer einfach zu. Von den Männern lässt sie sich nichts sagen. Und trotzdem sind gleich mehrere sehr an ihr interessiert.

Bei ihren täglichen Spaziergängen zum Friedhof wird Otti von zwei Seiten hofiert. Altnazi Fisch-Winkler (Horst Krause) kann sie auch mit seiner schönsten Forelle nicht bezirzen, Karl Wegner (Michael Gwisdek) dagegen versucht es erfolgreich mit Westkaffee, Friederike Kempner-Gedichten und Geschichten aus seiner Zeit als Spartakuskämpfer. Karl, dessen Frau in der Nähe von Ottis Männern liegt, wird bald zu Holgers Vertrautem. Der interessiert sich besonders für die politischen Einsichten, die Karl ihm vermittelt. "Ulbricht? Der stand doch mit Goebbels auf einer Bühne", diese Erkenntnis erzählt er bei nächster Gelegenheit im Unterricht. Denn mit Geheimnissen kann man die Mädchen beeindrucken. Diese Lehre von Karl funktioniert tatsächlich. Doch es bringt Holger auch in Konflikt mit den Lehrern, die unbedingt wissen wollen, wo er so etwas gehört hat.

So richtig fangen die Konflikte allerdings erst an, als Fisch-Winkler tot in seinem Laden aufgefunden wird, erschlagen mit einer Bierflasche. Hat der Mord etwas mit Oma Otti zu tun? Geht es hier um einen Hahnenkampf zwischen alten Männern? Holger beginnt nachzuforschen. Und auch sein Vater tut sein Bestes, schließlich ist es sein Viertel, und er möchte seine Vorgesetzten beeindrucken. In den nun verwaisten Fischladen zieht währenddessen der "Klub der Volkssolidarität" ein.

Ganz nebenbei fängt Geschonnek die Atmosphäre im Ostberlin der 1960er Jahre ein. Berichte über die "erfolgreiche Niederschlagung der Konterrevolution" in Prag, das Coming Out von Ottis "hormonsexuellem" Sohn Bodo (Milan Peschel) ausgerechnet auf einer schief gegangenen Begräbnisfeier, die dörfliche Atmosphäre mitten im Friedrichshainer Kiez zeigen ein Berlin, das weit entfernt ist von der glamourösen Erscheinung, die man heute mit der Gegend verbindet.

Den Boxhagener Platz selbst konnten die Filmemacher nicht zeigen – von Sechziger-Jahre-Flair ist dort keine Spur mehr zu finden. Doch dem preisgekrönten Szenenbildner Lothar Holler (Der Laden, Sonnenallee, Good Bye, Lenin!) ist ein authentisches Ambiente gelungen, das vielleicht stellenweise etwas zu geleckt aussieht, so hübsch drapiert sind die alten Mülltonnen vor den unsanierten Altbauten. Gedreht wurde neben Berlin auch in Halle, Dessau und im Studio Babelsberg – in Berlin gibt es kaum noch eine passend verfallene Straße.

Das bis in die kleinsten Nebenrollen (wunderbar sind die Kneipiers und Gäste im Feuermelder) hochkarätig besetzte Ensemble macht den Film – eigentlich eine nette, aber harmlose Geschichte – zu etwas Besonderem. Jürgen Vogel als verdruckster Spießer, die wasserstoffblond toupierte Meret Becker und vor allem die hervorragende Gudrun Ritter, die jahrzehntelang am Berliner Deutschen Theater spielte, machen einfach Spaß.

Ein Berliner Heimatfilm ist es geworden, in dem ordentlich berlinert wird. Der Kiezcharakter der Gegend um den Boxhagener Platz spielt eigentlich die Hauptrolle – weiter als zwei, drei Straßen bewegt sich hier niemand weg. Dass der Film auf der Berlinale Premiere feierte, ist da nur angemessen.

(Claire Horst)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Boxhagener Platz
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2010
Länge: 103 (Min.)
Verleih: Pandora Filmverleih
ISBN: 4042564121865

VERÖFFENTLICHUNGEN

Kinostart: 04.03.2010

Trailer

Fotogalerie

 (10 Bilder)

FILMBEWERTUNG

Klicken Sie auf einen Stern, um Ihre Bewertung abzugeben.
MEINUNGEN
Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)
Bisherige Kommentare (Anzeige: 3 von insgesamt 3)
Von: Kein Freund von Guido Knopp am: 06.04.10
Goebbels und Ulbricht standen gemeinsam auf einer Bühne, aber nicht als Kampfgenossen, wie vom Film in Schlüsselszenen suggeriert, sondern als Diskussionsgegner. Die Veranstaltung endete im Übrigen mit einer blutigen Auseinandersetzung zwischen KPD-Anhängern und Nazis. Siehe u.a. www.zeit.de/1969/40/Was-geschah-in-Friedrichshain
Von: @Anna Schmidt am: 14.02.10
Danke für den superfreundlichen Hinweis. Muss wohl unsere Dummheit gewesen sein. Mike
Von: Anna Schmidt am: 14.02.10
Die Hauptdarsteller in diesem Film sind Oma Otti und ihr Enkel, aber weder der eine noch der andere Name (Darsteller) taucht in ihrer Liste auf.Warum, weil Ihnen die Namen fremd sind oder einfach Dummheit?
   
KINOSTARTS
02.09 Kennzeichen Kohl Film Rezension anzeigen Kein Trailer vorhanden Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Jean Boué
02.09 Zwischen uns das Paradies Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Jasmila Zbanic
02.09 Daniel Schmid - Le chat qui pense Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Pascal Hofmann, Benny Jaberg
02.09 Jane's Journey - Die Lebensreise der Jane Goodall Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Lorenz Knauer
02.09 Wasser und Blut Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  John G. Young
09.09 Pianomania Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Lilian Franck, Robert Cibis
ARTHOUSE TOP 10
Quelle: AG Kino
1. Der kleine Nick Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
2. Männer im Wasser Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 3
3. Das Leben ist zu lang Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
4. Das Konzert Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 6
5. Mary & Max - oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet? Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
6. Babys Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 3
7. Me Too - Wer will schon normal sein? Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 5
8. Mademoiselle Chambon Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 4
8. London Nights Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 4
9. Mahler auf der Couch Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 9
Lesercharts TOP 5
1. Summer Wars Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Mamoru Hosoda
2. Ich & Orson Welles Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Richard Linklater
3. Mary & Max - oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet? Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Adam Elliot
4. New York Memories Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Rosa von Praunheim
5. The Doors - When You're Strange Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Tom DiCillo
PARTNER