Berlinale 2006 - Der sechste Tag des Wettbewerbs: Invisible Waves, The Road To Guantánamo, Zemestan
Originaltitel:
It’s Winter
Kinostart:
15.02.2006
Leserbewertung:
Noch nicht genügend Bewertungen
Asiatischer Film Noir, britischer Gefängnisfilm und iranische Alltagsstudie
Der sechste Tag des Wettbewerbs brachte endlich einen heißen Favoriten auf den Goldenen Bären, was aber auch ein wenig abzusehen war.
Invisible Waves von Pen-ek Ratanaruang
Regel Nummer Eins: Schlaf niemals mit der Frau deines Bosses! Regel Nummer Zwei: Bring niemals deine Geliebte im Auftrag deines Bosses um! Die Missachtung dieser Regeln könnte in etwa solche Wellen schlagen, die Kyoli, die Hauptfigur aus Invisible Waves zu spüren bekommt. Kyoli, ein auf Macao lebender japanischer Koch, verlässt die Insel nach dem Mord an seiner Geliebten in Richtung Thailand. Auf dem Schiff wird er von unterschwelligen Schuldgefühlen eingeholt. Dort passieren unerklärliche, geisterhafte Dinge, die ihm sein Leben zur Qual werden und sich selbst immer stärker als eher leblosen Geist wahrnehmen lassen. Im thailändischen Phuket trifft er auf einen vermeintlichen Freund, der sich später als sein Killer entpuppt. Kyoli überlebt den Schuss, kehrt zurück nach Hongkong mit dem Vorhaben, sich an seinem Boss zu rächen. Doch dann kommt alles anders. Ehebruch, Mord, Schuld, Strafe und Rache sind die Themen die der thailändische Regisseur Pen-ek Ratanaruang in Invisible Waves verarbeitet, jedoch in einer ungewohnt sanften Manier. Wie auch schon für seinen letzten Film Last life in the Universe hat er dafür das Dreamteam bestehend aus dem Wong-Kar-Wai-Kameramann Christopher Doyle, dem japanischen Schauspieler Tadanobu Asano und seinem angestammten Drehbuchautor Prabda Yoon rekrutiert. Hongkong-Mafiadarsteller Eric Tsang ist grandios in einer Kleinrolle besetzt. Wie auch schon in Last Life in the Universe beweist Tadanobu Asano sein schauspielerisches Talent einmal mehr und überzeugt in der Figur des Kyoli, die er herausragend als schwachen, verstörten Einzelgänger verkörpert. Invisible Waves ist ein atmosphärischer, ästhetischer Thriller im Stile eines Film Noirs. „Er wollte gern einen dieser frühen Robert-Mitchum-Filme drehen“, so Pen-ek Ratanaruang, dabei hätte ihn die um Schuld kreisende Geschichte eines schwachen Helden ganz besonders interessiert. Invisible Waves ist alles andere als Genre-Mainstream und wird Freunde des asiatischen Kinos begeistern.
The Road To Guantánamo von Michael Winterbottom und Mat Whitecross
Noch größere Begeisterung löste der zweite Wettbewerbsfilm des Tages aus: Michael Winterbottoms neues Werk The Road To Guantánamo. Der frenetische Applaus der Kritiker nach der Pressevorführung und die maßlos überfüllte Pressekonferenz im Anschluss sind klare Indizien dafür, dass das Drama über das US-Gefangenenlager große Chancen auf einen Goldenen Bären hat. Der Film erzählt die auf realen Begebenheiten basierende Geschichte dreier britischer Muslime, die unschuldig zwei Jahre im Gefängnis von Guantánamo festgehalten wurden. Anhand von Interviewsequenzen, Ausschnitten aus Fernsehnachrichten und Spielfilmszenen erzählt Winterbottom ohne große Umschweife packend und zügig das Schicksal der drei Freunde. Das in den britischen Midlands lebende Trio war kurz nach den Anschlägen vom 11. September in ihr Heimatland nach Pakistan gereist. Um ihren afghanischen Nachbarn Hilfe zu leisten, machten sie sich von dort aus auf den Weg nach Kandahar und Kabul. In einer unglücklichen Fügung wurden sie von der nordafghanischen Allianz als vermeintliche Taliban-Kämpfer festgenommen und den Amerikanern übergeben. Dann ging als ganz schnell, der steinige Weg nach Guantánamo war geebnet, wo sie monatelang ohne Anklage eingesperrt, misshandelt und gefoltert wurden. Ein ähnliches Schicksal erleiden nach wie vor um die 500 Gefangenen, die ohne konkrete Beweise auf terroristische Tätigkeiten, über längeren Zeitraum und unter unzumutbaren Bedingungen festgehalten werden. Die drei britischen Teenager hatten „Glück“ und wurden frei gelassen – ihre Unschuld wurde hingegen nie offiziell erklärt. Wie schon in seinen vorangegangen Filmen beweist Winterbottom aufs Neue sein Händchen für packende Themen, die er auf ganz eigene Art perfekt inszeniert.
Zemestan / It’s Winter von Rafi Pitts
Nach dem Erfolg von solchen Wettbewerbsfilmen hatte es Zemestan / It’s Winter außerordentlich schwer, die Aufmerksamkeit und Zustimmung des Publikums auf sich zu ziehen. Dem einen oder anderen fiel es ziemlich schwer, die Augen offen zu halten. In epischer Langatmigkeit, auch wenn es nur knappe 90 Minuten sind, erzählt der iranische Regisseur Rafi Pitts die Geschichte vom zermürbenden Teheraner Alltag. Ein Mann verlässt seine ihm längst fremd gewordenen Frau und Tochter, um im Ausland nach einer Arbeit zu suchen. Als er wochenlang weder von sich hören noch sich sehen lässt, wird er für tot geglaubt. Ein neuer Mann tritt in das Leben der Frau, es wird geheiratet und dasselbe Unglück scheint sich von neuem anzubahnen. Denn als auch der zweite Mann seinen Job verliert, sieht er als einzigen Ausweg, das Land zu verlassen. Die Sachen schon gepackt, trifft er auf dem Weg zum Bahnhof auf den ersten Mann, der längst für gestorben erklärt wurde. Verwahrlost und ausgehungert traut er sich nicht mehr unter die Augen seiner ein zurückgelassenen Familie. Kurzerhand wirft der zweite Mann seine Auswanderungspläne über den Haufen und kehrt um. Die beiden Schicksale sind eine bittere Allegorie auf das, was die heutige iranische Generation erlebt. Einen elenden Kampf zwischen dem Wunsch, in Iran zu bleiben und den Drang, Land mit der Hoffnung auf ein besseres Leben im Ausland zu verlassen. Um die glaubwürdige Darstellung zu unterstreichen, hat Rafi Pitts bewusst mit Laiendarstellern gearbeitet. Doch so hoffnungslos und elend die Lage der Figuren, so bewegungslos und trostlos auch der Film. Das kostet müden Festivalbesucher große Kraft und Überwindung, nur ja nicht einzuschlafen. Man könnte ja doch ein schönes kleines Detail verpassen. Aber es kam leider kein bemerkenswertes.
(Katrin Knauth)
Invisible Waves von Pen-ek Ratanaruang
Mi 15.02., 09:30 Uhr, Urania
Mi 15.02., 23:30 Uhr, Urania
Do 16.02., 22:30 Uhr, International
The Road To Guantánamo von Michael Winterbottom und Mat Whitecross
Mi 15.02., 12:00 Uhr, Urania
Mi 15.02., 18:30 Uhr, Urania
Zemestan / It’s Winter von Rafi Pitts
Mi 15.02., 15:00 Uhr, Urania
Mi 15.02., 21:00 Uhr, Urania
Do 16.02., 16:30 Uhr, HKW 2 Theatersaal
Invisible Waves von Pen-ek Ratanaruang
Regel Nummer Eins: Schlaf niemals mit der Frau deines Bosses! Regel Nummer Zwei: Bring niemals deine Geliebte im Auftrag deines Bosses um! Die Missachtung dieser Regeln könnte in etwa solche Wellen schlagen, die Kyoli, die Hauptfigur aus Invisible Waves zu spüren bekommt. Kyoli, ein auf Macao lebender japanischer Koch, verlässt die Insel nach dem Mord an seiner Geliebten in Richtung Thailand. Auf dem Schiff wird er von unterschwelligen Schuldgefühlen eingeholt. Dort passieren unerklärliche, geisterhafte Dinge, die ihm sein Leben zur Qual werden und sich selbst immer stärker als eher leblosen Geist wahrnehmen lassen. Im thailändischen Phuket trifft er auf einen vermeintlichen Freund, der sich später als sein Killer entpuppt. Kyoli überlebt den Schuss, kehrt zurück nach Hongkong mit dem Vorhaben, sich an seinem Boss zu rächen. Doch dann kommt alles anders. Ehebruch, Mord, Schuld, Strafe und Rache sind die Themen die der thailändische Regisseur Pen-ek Ratanaruang in Invisible Waves verarbeitet, jedoch in einer ungewohnt sanften Manier. Wie auch schon für seinen letzten Film Last life in the Universe hat er dafür das Dreamteam bestehend aus dem Wong-Kar-Wai-Kameramann Christopher Doyle, dem japanischen Schauspieler Tadanobu Asano und seinem angestammten Drehbuchautor Prabda Yoon rekrutiert. Hongkong-Mafiadarsteller Eric Tsang ist grandios in einer Kleinrolle besetzt. Wie auch schon in Last Life in the Universe beweist Tadanobu Asano sein schauspielerisches Talent einmal mehr und überzeugt in der Figur des Kyoli, die er herausragend als schwachen, verstörten Einzelgänger verkörpert. Invisible Waves ist ein atmosphärischer, ästhetischer Thriller im Stile eines Film Noirs. „Er wollte gern einen dieser frühen Robert-Mitchum-Filme drehen“, so Pen-ek Ratanaruang, dabei hätte ihn die um Schuld kreisende Geschichte eines schwachen Helden ganz besonders interessiert. Invisible Waves ist alles andere als Genre-Mainstream und wird Freunde des asiatischen Kinos begeistern.
The Road To Guantánamo von Michael Winterbottom und Mat Whitecross
Noch größere Begeisterung löste der zweite Wettbewerbsfilm des Tages aus: Michael Winterbottoms neues Werk The Road To Guantánamo. Der frenetische Applaus der Kritiker nach der Pressevorführung und die maßlos überfüllte Pressekonferenz im Anschluss sind klare Indizien dafür, dass das Drama über das US-Gefangenenlager große Chancen auf einen Goldenen Bären hat. Der Film erzählt die auf realen Begebenheiten basierende Geschichte dreier britischer Muslime, die unschuldig zwei Jahre im Gefängnis von Guantánamo festgehalten wurden. Anhand von Interviewsequenzen, Ausschnitten aus Fernsehnachrichten und Spielfilmszenen erzählt Winterbottom ohne große Umschweife packend und zügig das Schicksal der drei Freunde. Das in den britischen Midlands lebende Trio war kurz nach den Anschlägen vom 11. September in ihr Heimatland nach Pakistan gereist. Um ihren afghanischen Nachbarn Hilfe zu leisten, machten sie sich von dort aus auf den Weg nach Kandahar und Kabul. In einer unglücklichen Fügung wurden sie von der nordafghanischen Allianz als vermeintliche Taliban-Kämpfer festgenommen und den Amerikanern übergeben. Dann ging als ganz schnell, der steinige Weg nach Guantánamo war geebnet, wo sie monatelang ohne Anklage eingesperrt, misshandelt und gefoltert wurden. Ein ähnliches Schicksal erleiden nach wie vor um die 500 Gefangenen, die ohne konkrete Beweise auf terroristische Tätigkeiten, über längeren Zeitraum und unter unzumutbaren Bedingungen festgehalten werden. Die drei britischen Teenager hatten „Glück“ und wurden frei gelassen – ihre Unschuld wurde hingegen nie offiziell erklärt. Wie schon in seinen vorangegangen Filmen beweist Winterbottom aufs Neue sein Händchen für packende Themen, die er auf ganz eigene Art perfekt inszeniert.
Zemestan / It’s Winter von Rafi Pitts
Nach dem Erfolg von solchen Wettbewerbsfilmen hatte es Zemestan / It’s Winter außerordentlich schwer, die Aufmerksamkeit und Zustimmung des Publikums auf sich zu ziehen. Dem einen oder anderen fiel es ziemlich schwer, die Augen offen zu halten. In epischer Langatmigkeit, auch wenn es nur knappe 90 Minuten sind, erzählt der iranische Regisseur Rafi Pitts die Geschichte vom zermürbenden Teheraner Alltag. Ein Mann verlässt seine ihm längst fremd gewordenen Frau und Tochter, um im Ausland nach einer Arbeit zu suchen. Als er wochenlang weder von sich hören noch sich sehen lässt, wird er für tot geglaubt. Ein neuer Mann tritt in das Leben der Frau, es wird geheiratet und dasselbe Unglück scheint sich von neuem anzubahnen. Denn als auch der zweite Mann seinen Job verliert, sieht er als einzigen Ausweg, das Land zu verlassen. Die Sachen schon gepackt, trifft er auf dem Weg zum Bahnhof auf den ersten Mann, der längst für gestorben erklärt wurde. Verwahrlost und ausgehungert traut er sich nicht mehr unter die Augen seiner ein zurückgelassenen Familie. Kurzerhand wirft der zweite Mann seine Auswanderungspläne über den Haufen und kehrt um. Die beiden Schicksale sind eine bittere Allegorie auf das, was die heutige iranische Generation erlebt. Einen elenden Kampf zwischen dem Wunsch, in Iran zu bleiben und den Drang, Land mit der Hoffnung auf ein besseres Leben im Ausland zu verlassen. Um die glaubwürdige Darstellung zu unterstreichen, hat Rafi Pitts bewusst mit Laiendarstellern gearbeitet. Doch so hoffnungslos und elend die Lage der Figuren, so bewegungslos und trostlos auch der Film. Das kostet müden Festivalbesucher große Kraft und Überwindung, nur ja nicht einzuschlafen. Man könnte ja doch ein schönes kleines Detail verpassen. Aber es kam leider kein bemerkenswertes.
(Katrin Knauth)
Invisible Waves von Pen-ek Ratanaruang
Mi 15.02., 09:30 Uhr, Urania
Mi 15.02., 23:30 Uhr, Urania
Do 16.02., 22:30 Uhr, International
The Road To Guantánamo von Michael Winterbottom und Mat Whitecross
Mi 15.02., 12:00 Uhr, Urania
Mi 15.02., 18:30 Uhr, Urania
Zemestan / It’s Winter von Rafi Pitts
Mi 15.02., 15:00 Uhr, Urania
Mi 15.02., 21:00 Uhr, Urania
Do 16.02., 16:30 Uhr, HKW 2 Theatersaal
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Berlinale 2006 - Der sechste Tag des Wettbewerbs: Invisible Waves, The Road To Guantánamo, Zemestan
Originaltitel:
It’s Winter
VERÖFFENTLICHUNGEN
Kinostart:
15.02.2006
CAST & CREW
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