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Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner

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2.2 Sterne aus 6 Bewertungen

Kinostart: 13.07.2017
FSK: 6
Genre: Tragikomödie
Tags: Liebe, Beziehung, Zeitreise

Frauen wissen nicht, was sie an ihrem Leben haben, und Autofahren können sie auch nicht

Die gleichnamige Buchvorlage von Kerstin Gier ist bei Bastei Lübbe erschienen. Bahnhofsliteratur für Frauen – und etwas anderes will Pepe Danquarts Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner auch gar nicht sein. Eine romantische Komödie mit ein bisschen Zauber auf der Suche nach der ganz großen Liebe. Nicht schlimm, kann man machen – aber muss es dann der schlimmste Griff in die schlimmsten Klischees werden, muss jede Sorgfalt im Jonglieren mit den Details verloren gehen, muss die ganze Chose gar ins Frauenfeindliche kippen?

Haha, Frau am Steuer! Das ist der Running Gag im Film, wie lustig ist es auch, wenn Jessica Schwarz als Kati die Straßen Frankfurts unsicher macht! Mal mit Handy am Ohr, mal beim seitlichen Einparken, dann wieder quer über vier Parkplätze und gleich am Anfang macht sie eine Reihe Fahrräder platt, weil Vorwärts- und Rückwärtsgang so verdammt nah beieinander liegen. Bei dieser Gelegenheit lernt sie Felix (Felix Klare) kennen, der revanchiert sich mit einem Flirt. Sie landen im Bett und im ewigen Leben miteinander. Ein wirklich sehr schön gestalteter Zeichentrick-Vorspann erzählt die Liebesgeschichte der beiden von 2011 bis 2017, von Verliebtheit bis Hochzeit. Der Alltag dann, das ist wieder Realfilm, hier fängt die ach so schlimme Zeit für Kati an. An der Wand noch immer das kaputte Fahrrad als Reminiszenz ans erste Zusammentreffen, aber jetzt hat Felix als Oberarzt nie Zeit und Kati spürt diese Sehnsucht …

So weit, so gut, wir studieren die weibliche Psyche, die nie zufrieden ist mit dem, was sie hat, die sich nach einem aufregenderen Leben verzehrt. Und das ist ja nicht nur Kati, nein nein, auch ihre Kolleginnen und Freundinnen stecken fest in diesem verdammten Leben. Das Dumme ist nur, dass wir das alles verstehen, einerseits, andererseits aber diese ganzen Frauen gar nicht verstehen wollen. Das liegt nicht an den Frauen an sich, eher daran, wie Danquart und Drehbuchautor Stefan Barth (Verwandtschaft mit Mario müsste man mal nachrecherchieren!) diese Rollen anlegen. Da haben wir die Karikatur der gemütlichen Dicken, die Karikatur der Esoteriktante, die Karikatur der gestrengen Chefin und natürlich in der Hauptrolle Kati, die Karikatur der, laut Presseheft, "liebenswerten Chaotin". Ja, sie ist ja so verschusselt, nicht nur beim Autofahren. Hier lässt sie was liegen, da stößt sie was um, ohne Mann kommt sie einfach nicht zurecht. Schließlich kann ihr Felix sogar Auto fahren, und wie: Sitzt am Steuer, unterhält sich mit ihr und muss dabei nicht mal auf die Straße schauen!

Jetzt, das Doofe für Kati: Irgendwann parkt sie wieder mal ein, haut einem anderen den Blinker dabei weg und wieder tritt ein interessanter Mann in ihr Leben, Matthias (Christoph Letkowski), der eigentlich fast genauso aussieht wie Felix. Er weiß nicht nur, wo in ihrem zusammengewurschtelten Kabelsalat der Stecker für den Laptop ist, er kann auch so gut die moderne Kunst erklären, wenn Kati ein Gemälde betrachtet, das sie –so ist sie nun mal – nicht versteht. Er könnte für Kati der Einstieg in ein neues, anderes Leben sein. Ein anderes Leben: Das ist das Stichwort. Denn nach 40 Minuten Film hat sie einen Unfall wegen, was sonst, Handy am Steuer. Und wacht im Jahr 2011 auf, vor dem Kennenlernen von Felix. Zweite Chance, yeah! Nicht, dass sie jetzt weniger schusselig ist – wäre ein netter Einfall gewesen, wenn sie jetzt all die Sachen wiederfinden könnte, die sie vorher irgendwo hat liegen lassen –, nein: Sie will jetzt alles besser machen, so eine Murmeltier-Zurück in die Zukunft-Situation muss man ausnutzen.

Okay, am Ende lernt sie was dazu, nämlich, dass der Spatz in der Hand vielleicht auch eine Taube sein kann, jedenfalls, dass man seiner Bestimmung auch mit aller Macht nicht entkommt, weil es den einen Mann im Leben – der, der Auto fahren kann – eben nur einmal gibt. Ein bisschen ins Philosophische kommen wir da, wenn es ums Schicksal geht und um die Veränderungen, die man beim zweiten Durchlauf machen will. Aber keine Angst, das Philosophische wird nicht so kompliziert, dass frau beim Betrachten des Films drüber nachdenken müsste: Denn was mir (als männlichem Zuschauer) im Film nahegelegt wird, ist bedauernswerterweise, dass Nachdenken nicht die Stärke des weiblichen Geschlechts ist – worüber man sich wirklich aufregen könnte, wenn man wollte. Ein Beispiel: Kollegin Marlene hat Riesenangst vor dem Doktor, weil ihre Frau Mama einmal im Leben zum Arzt gegangen ist, der hat Krebs diagnostiziert, dann war sie tot; dass Katis Mann Arzt ist, macht ihr freilich keine Angst, dass Kati kurz zuvor Blinddarm-OP hatte, ist für Marlene voll in Ordnung. Soweit zur Logik, die der Film Frauen zutraut; und zur Logik, die er selbst vorführt.

Vielmehr ist es sehr lustig (meint Pepe Danquart), wenn im Büro eine Dose Magic-Mushroom-Kekse vernascht werden; wenn vom Hüftschwung auf das Sexualleben geschlossen wird; und auch, wenn Kati in ihrem Wahn ihre Hand in einem Briefkasten festklemmt. Ja, auch Frauen können und sollen komisch sein, wird sich der Regisseur gedacht haben, und bereitet uns ein paar lustige Slapstickszenen auf. Die passen sich so ziemlich ans Niveau des übrigen Films an; wer das als Kompliment auffassen will, dem sei es unbenommen.

In der Tat aber sympathisiere ich die ganze Zeit am ehesten mit der Chefin, die Juliane Köhler mit Lust an der Verbiesterung spielt. Denn der ganze Kindergarten, den ihre Mitarbeiterinnen im Büro so aufführen, der nicht einmal für eine Vorabend-Soap-Opera reichen würde, muss zwangsläufig zur strengen Hand und kurzen Leine führen, mit der die Chefin die drei lustigen Freundinnen triezt.

Im Übrigen ist es natürlich schön und gut, wenn mensch sich in seinem Leben festgefahren sieht und sich etwas anderes wünscht. Genau dafür, dass man den Alltag vergisst und mal in irgendwelchen irrealen Welten schwelgt, werden solche Filme (und Bastei-Lübbe-Bücher) gemacht. Aber bitte doch nicht dieses hier!

(Harald Mühlbeyer)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2017
Länge: 101 (Min.)
Verleih: NFP/Filmwelt
Kinostart: 13.07.2017

Cast & Crew

Regie: Pepe Danquart
Drehbuch: Stefan Barth
Kamera: Daniel Gottschalk
Musik: Max Knoth
Hauptdarsteller: Jessica Schwarz, Felix Klare, Christoph Letkowski, Judy Winter

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