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ACT! Wer bin ich?

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5.0 Sterne aus 4 Bewertungen

Kinostart: 22.06.2017
FSK: keine Angabe
Genre: Dokumentarfilm
Tags: Tanz, Jugendliche, Pädagogik, Hauptschule

Jugendliche entdecken ihre Stimme

Maike Plath arbeitete zunächst gerne als Lehrerin, doch dann kam sie an eine Hauptschule in Berlin-Neukölln. Viele der SchülerInnen, erinnert sich die Pädagogin, konnten mit dem Unterricht nichts anfangen und blieben ihm sogar fern. Maike Plath gründete eine Theatergruppe, machte ein Filmprojekt. Ihr ehemaliger Schüler Walid erzählt, dass sie „total beliebt“ gewesen sei. Die Lehrerin ließ die Jugendlichen, von denen die meisten einen Migrationshintergrund haben, autobiografische Texte verfassen, rappen, tanzen, Szenen spielen. Sie weiß aus Erfahrung, dass das Theaterspiel die SchülerInnen motivieren kann, sich auch wieder mit den vernachlässigten Lernfächern zu beschäftigen, zum Beispiel mit Englisch.

Der Dokumentarfilm von Rosa von Praunheim belegt mit vielen Ausschnitten aus den Theaterprojekten, die Maike Plath mit ihren SchülerInnen verwirklicht hat, wie viel Energie, Wut, Sehnsucht und vor allem Kreativität in den Jugendlichen steckt. Sie waren es nicht gewöhnt, von sich zu erzählen, nach ihrer Meinung und ihren Erlebnissen gefragt zu werden. In den im Film eingestreuten Szenen geht es um Konflikte mit Gleichaltrigen, um die Erfahrung gesellschaftlicher Ausgrenzung, aber auch um eigene Überzeugungen. Ausdrucksstarke Titel wie Tear Down This Classroom oder Arab Queen & Thilo Sarrazin beweisen Mut zur Provokation und zeigen, dass diese Jugendlichen genügend Stoff für kontroverse Debatten mitbringen.

Maike Plath ist davon überzeugt, dass eine anspruchsvolle Pädagogik darin besteht, die jungen Menschen zu „Mündigkeit und Freiheit“ zu erziehen. Aber sie wurde nach ein paar Jahren an der Neuköllner Schule zur Ordnung gerufen. Sie sollte wieder „Dienst nach Vorschrift“ machen, erinnert sie sich, und beschloss deshalb, aus dem Schuldienst auszusteigen. Das Theaterkollektiv Heimathafen in Neukölln wurde zur neuen Adresse ihrer Bühnenprojekte, die sie mit interessierten Jugendlichen – einige von ihnen sind ihre ehemaligen SchülerInnen – entwickelt. Zum Verein ACT, den sie mit zwei anderen Frauen gründete, gehört mittlerweile ein pädagogisch-künstlerisches Team von 23 Personen, das in ganz Berlin tätig ist und bundesweit Weiterbildungen veranstaltet.

Von Praunheim begleitet über mehrere Monate hinweg die Entwicklung des Stücks How Long Is Paradise im Heimathafen. Zunächst, erzählt Maike Plath, seien 24 Jugendliche beteiligt gewesen, aber die Zahl verringere sich mit zunehmender Arbeitsintensität. Am Tag vor der Premiere ist unklar, ob diese überhaupt stattfinden kann, denn eine wichtige Darstellerin erscheint plötzlich nicht mehr. Maike Plath telefoniert ihr nach, will wissen, ob sie ernsthaft erkrankt ist.

Aufgrund der vielen Statements ehemaliger und jetziger TheaterdarstellerInnen, die von Praunheim einfängt, nimmt sich Maike Plath im Film fast nur wie eine Stimme unter vielen aus. Ihre Person steht oft gar nicht im Vordergrund, was besonders bei den Probeszenen auffällt. Wie die Theaterpädagogin arbeitet, lässt sich darin allenfalls erahnen, weil sie nur mit kurzen Dialogen in Erscheinung tritt. Wiederholt aber sieht man sie einfach fröhlich staunen über die Ideen und das Talent ihrer Schützlinge.

Von Praunheims Film beweist einmal mehr, wie wichtig es ist, Jugendliche pädagogisch dort abzuholen, wo sie gerade stehen, vor allem, wenn es sich um soziale Randgruppen handelt. Wenn diese jungen Menschen die Erfahrung machen, dass ihre Stimme gehört wird, wachsen sie und blühen auf. Gerne hätte man noch mehr über Maike Plaths Theaterarbeit erfahren, denn vieles wird in diesem Film, der Mut macht, eben doch nur gestreift.

(Bianka Piringer)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2017
Länge: 87 (Min.)
Verleih: missingfilms
Kinostart: 22.06.2017

Cast & Crew

Regie: Rosa von Praunheim
Drehbuch: Rosa von Praunheim
Kamera: Elfi Mikesch
Schnitt: Mike Shepard
Musik: Moritz Degen, Ali Brown, Tahsin Karakas

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