Gegen den Lauf der Zeit
Er ist ein passionierter Sammler mit einer deutlichen Tendenz zur Besessenheit. Manche Menschen würden ihn wohl schlichtweg einen "Messie" nennen. Der 83-jährige Mithat Bey (Mithat Esmer) streift Tag für Tag durch seine Heimatstadt Istanbul, besorgt sich Zeitungen, ohne die er glaubt, nicht leben zu können und die außer ihm niemand mehr lesen will. Zuhause stapelt sich das Papier mit den Nachrichten von gestern, vorgestern und den ganzen Jahren zuvor zu meterhohen Türmen und formt massive, dicke Wände aus Papier – ein Schutzwall aus Vergangenheit gegen die Anfeindungen der Gegenwart. Längst schwappt die Flut aus Papier hinaus auf den Flur des Mietshauses, setzt sich dort fort, breitet sich aus – wie die Summe eines von Erlebnissen, Eindrücken und Erinnerungen prallvollen Lebens und ein Spiegelbild der Stadt Istanbul. Ergänzt wird die Kollektion durch allerlei Krimskrams und von Tonbandmitschnitten, die private Telefongespräche ebenso umfassen wie die Aufnahmen historisch bedeutsamer Ereignisse wie etwa die Verlautbarungen anlässlich des Militärputschs im Jahre 1960.
Auch im privaten Bereich war "die Kollektion", wie Herr Mithat seine Schätze nennt, nie nur positiv besetzt: Von seiner Frau vor die Wahl gestellt, sich zwischen ihr und dem Sammelsurium zu entscheiden, wählte der Mann die zweite Option und führt deshalb heute ein Leben in weitgehender Einsamkeit. Abgesehen von Kaufleuten und Zeitungshändler ist der Hausmeister Ali (Nejat Isler) einer seiner wenigen Kontakte. Als nach einem leichten Erdbeben beschlossen wird, dass das Haus nicht mehr sicher genug sei und deshalb abgerissen und neu aufgebaut werden soll, sind die beiden ungleichen Männer irgendwann die letzten, die die Stellung halten und versuchen, sich gegen das scheinbar Unabwendbare zu wehren. Weil sie viel zu verlieren haben: Während Mithat Bey um seine Sammlung fürchtet, bangt Ali um seinen Job, mit dem er seine auf dem Land lebende Familie über Wasser hält.
Mit viel Sympathie und voller leisem Humor und zarter Melancholie erzählt die Regisseurin Pelin Esmer von ihren beiden Protagonisten, die sich ihrem Schicksal entgegenstemmen und ihm doch nicht entkommen können. Wie der greise Sammler folgt auch der Film einem eher langsamen, schleppenden Rhythmus, der den Zuschauer in eine zwar vertraute und doch fremde Welt hineinversetzt, die in ihrer Versponnenheit wie ein Gegenentwurf zur Hektik auf den Straßen und Märkten Istanbuls wirkt.
Dabei rührt vor allem Mithat Esmer, der Onkel der Filmemacherin, der auch im wahren Leben ein fanatischer Sammler ist, mit seiner wunderbaren sturen Beharrlichkeit und kauzigen Liebenswürdigkeit. Neben ihm und dem bekannten Schauspieler Nejat Isler spielt auch die Stadt Istanbul eine nicht unwesentliche Rolle: Wenn Mithat auf der Jagd nach neuen Stücken für seine ausufernde Kollektion die Straßen durchstreift und die Händler abklappert, dann folgt ihm die Kamera auf eine fast schon dokumentarisch anmutende Weise und legt nahe, dass der alte Mann zwar ein echtes Unikum ist, aber doch vielleicht nicht der Einzige seiner Art. Und es ist bei aller Traurigkeit, die darin liegt, auch ein kleiner Trost, dass es Menschen gibt wie Mithat, die sich dem Vergessen widersetzen – auf ihre ganz eigene, kauzige und für fremde Augen bizarre Weise.
(Joachim Kurz)
Auch im privaten Bereich war "die Kollektion", wie Herr Mithat seine Schätze nennt, nie nur positiv besetzt: Von seiner Frau vor die Wahl gestellt, sich zwischen ihr und dem Sammelsurium zu entscheiden, wählte der Mann die zweite Option und führt deshalb heute ein Leben in weitgehender Einsamkeit. Abgesehen von Kaufleuten und Zeitungshändler ist der Hausmeister Ali (Nejat Isler) einer seiner wenigen Kontakte. Als nach einem leichten Erdbeben beschlossen wird, dass das Haus nicht mehr sicher genug sei und deshalb abgerissen und neu aufgebaut werden soll, sind die beiden ungleichen Männer irgendwann die letzten, die die Stellung halten und versuchen, sich gegen das scheinbar Unabwendbare zu wehren. Weil sie viel zu verlieren haben: Während Mithat Bey um seine Sammlung fürchtet, bangt Ali um seinen Job, mit dem er seine auf dem Land lebende Familie über Wasser hält.
Mit viel Sympathie und voller leisem Humor und zarter Melancholie erzählt die Regisseurin Pelin Esmer von ihren beiden Protagonisten, die sich ihrem Schicksal entgegenstemmen und ihm doch nicht entkommen können. Wie der greise Sammler folgt auch der Film einem eher langsamen, schleppenden Rhythmus, der den Zuschauer in eine zwar vertraute und doch fremde Welt hineinversetzt, die in ihrer Versponnenheit wie ein Gegenentwurf zur Hektik auf den Straßen und Märkten Istanbuls wirkt.
Dabei rührt vor allem Mithat Esmer, der Onkel der Filmemacherin, der auch im wahren Leben ein fanatischer Sammler ist, mit seiner wunderbaren sturen Beharrlichkeit und kauzigen Liebenswürdigkeit. Neben ihm und dem bekannten Schauspieler Nejat Isler spielt auch die Stadt Istanbul eine nicht unwesentliche Rolle: Wenn Mithat auf der Jagd nach neuen Stücken für seine ausufernde Kollektion die Straßen durchstreift und die Händler abklappert, dann folgt ihm die Kamera auf eine fast schon dokumentarisch anmutende Weise und legt nahe, dass der alte Mann zwar ein echtes Unikum ist, aber doch vielleicht nicht der Einzige seiner Art. Und es ist bei aller Traurigkeit, die darin liegt, auch ein kleiner Trost, dass es Menschen gibt wie Mithat, die sich dem Vergessen widersetzen – auf ihre ganz eigene, kauzige und für fremde Augen bizarre Weise.
(Joachim Kurz)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
10 vor 11
Originaltitel:
11'e 10 kala
Produktionsland:
Deutschland, Frankreich, Türkei
Produktionsjahr:
2009
Länge:
110 (Min.)
Verleih:
Peripher Filmverleih
VERÖFFENTLICHUNGEN
Kinostart:
28.04.2011
CAST & CREW
Regie:
Pelin Esmer
Drehbuch:
Pelin Esmer
Kamera:
Özgür Eken
Schnitt:
Ayhan Ergürsel, Pelin Esmer, Cem Yildirim
Hauptdarsteller:
Tayanç Ayaydin, Nejat Isler, Mithat Esmer, Laçin Ceylan, Savas Akova
FILMBEWERTUNG
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