Whatever Works - Liebe sich wer kann

Originaltitel: Whatever Works
DVD-Start: 24.09.2010
FSK: 12
Leserbewertung: Noch nicht genügend Bewertungen
Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen

Welcome home, Woody!

Im hohen Alter kann man dem nahen Lebensende mit selbstironischer Überlegenheit gegenübertreten oder ganz im Gegenteil: die eigene Endlichkeit krampfhaft in den Mittelpunkt der letzten Existenzperiode stellen. Der Held aus Woody Allens neustem Film Whatever Works ist ein Wesen, das aus beiden Schichten besteht - ein sympathischer Stadtneurotiker, der zwischen Sarkasmus, Zynismus und Todesangst pendelt.

Der New Yorker Rentner Boris (Larry David) kann dabei auf ein Leben voller Ereignisse zurückschauen. Fast wäre er für den Physik-Nobelpreis nominiert worden, was ihm nicht nur Ruhm, sondern auch den galanten Ruf eines Genies eingebracht hat. Auch seine Ehe scheint wie vom Schicksal zurecht gelegt: Verheiratet mit einer Intellektuellen, die sich für Kunst, klassische Musik und Theater interessiert, kommt Boris’ Leben wie eine perfekt komponierte Großstadtnovelle daher. Zu perfekt für den Neurotiker, dessen permanentes Zweifeln und Sinnieren gerade aus der Weisheit und Folgerichtigkeit seiner Entscheidungen herrührt. "Unsere Ehe ist zu rational", moniert Boris, der sich in eine selbstreflexive, im Jazz versunkene und Sein und Zeit hinterfragende Single-Existenz begibt.

Doch Boris wäre kein Alter Ego Woody Allens, wenn nicht der Spott eines ergrauten Zynikers auf die Schönheit jugendlichen Leichtsinns treffen würde: Eines Nachts entdeckt Boris die junge Melodie (Evan Rachel Wood) in einem Müllcontainer. Aus den Südstaaten, den Weiten der amerikanischen Provinz nach New York gereist, sucht die 20-Jährige das große Glück im Großstadtchaos, ohne über einen konkreten Plan, eine Wohnung oder gar Arbeit zu verfügen. Bei Boris sucht sie Unterschlupf, diesem exzentrischen Eigenbrödler, der das naive Mädchen erst widerwillig aufnimmt, ihr dann missmutig die Stadt zeigt, um sich schlussendlich von der Attraktivität und vom Lebenseifer der Provinzlerin gefangen nehmen zu lassen. Sie tröstet ihn, wenn er Schweiß nass gebadet die Treppe hinunterstürzt, dabei die Worte "Ich sterbe, ich sterbe" lauthals ausrufend. Noch kann sie nicht wissen, dass Boris’ Panikattacken nicht Ausdruck körperlichen Leidens sind, sondern ganz tiefenphilosophisch die Abwesenheit menschlichen Sinns thematisieren. "Nein, ich meine nicht jetzt. Ich meine irgendwann, irgendwann muss ich sterben."

Mit amüsanter Leichtigkeit führt die Liebschaft des ungleichen Paars in eine beziehungsreiche Großstadtkomödie, in der Melodies bigotte Mutter (Marietta Celestine), die sich auf der Suche nach ihrem Kind nach New York begibt, zur promiskuitiven Künstlerin und Galeristin mutiert. Und ihr Vater (Ed Begley junior) wiederum, erzkonservativer Republikaner, in einer schummrigen Kneipe seine unterdrückten homosexuellen Gefühle entdeckt. Zwischen den Szenen spricht der Film mit der Stimme des besserwisserischen Boris, der das kuriose Treiben mit philosophischer Abgeklärtheit auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen versteht – bis er sich selbst mit der Endlichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen konfrontieren muss.

Die New York Times ließ kein gutes Haar an Woody Allens neuer Komödie. Und man wird wohl den Schreibern Recht geben müssen, wenn sie monieren, dass diese typisch woodyeske Satire dem Werk des Altmeisters nichts wesentlich Neues hinzuzufügen vermag. Manhattan ist wie immer ein kleines Dorf in der Großstadt, wo einige Bessergestellte zwischen Philosophieseminaren, Galerieeröffnungen, Kinobesuchen und Theaterabenden ihre Zeit in Cafés und gemütlichen Kneipen verbringen. Das Alter ist immer noch eine Hürde fürs Glück, aber kein Grund zur Verzweiflung. Und das Leben immer noch dieses komische Gemisch aus Zufälligkeiten und Kuriositäten, die allesamt dazu raten, das eigene Schicksal nicht allzu ernst zu nehmen. Und trotzdem ist Whatever works eine Satire, die nur ein Woody Allen so beschwingt und pointenreich herausarbeiten kann, eine Ode an die ewige Stadt New York, diesen Mythos, der keinen Kinogänger kalt lassen kann. Zuletzt ist Woody Allens neuester Film, der nach europäischen Stippvisiten an den Ursprung seiner Entwicklung zurückgekehrt ist, eine große, ehrliche Freude – gerade dann, wenn es dem Zuschauer gelingt, diese Selbstironie und Distanz des Helden auf sich selbst zu übertragen und das Leben als endliches, dabei nicht witzloses und für Überraschungen sorgendes Glück zu begreifen. Diese phantastische Leichtigkeit macht Woody Allen zu einer einmaligen Erscheinung des internationalen Kinos.

(Tomasz Kurianowicz)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Whatever Works - Liebe sich wer kann
Originaltitel: Whatever Works
Produktionsland: Frankreich, USA
Produktionsjahr: 2009
Länge: 89 (Min.)
Erschienen bei: Universum Film
Bildformat: 16:9
Ton/Sprache: Dolby Digital 5.1, Deutsch, Englisch
Extras: Interview mit Woody Allen

VERÖFFENTLICHUNGEN

DVD-Start: 24.09.2010

Trailer

Fotogalerie

 (11 Bilder)

FILMBEWERTUNG

Klicken Sie auf einen Stern, um Ihre Bewertung abzugeben.

WEITERE INHALTE AUF kino-zeit.de

MEINUNGEN
Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)
   
DVD STARTS
09.02 Die Anonymen Romantiker (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Jean-Pierre Améris
09.02 Love Life - Liebe trifft Leben (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Reinout Oerlemans
16.02 Passion Play Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Mitch Glazer
16.02 Sound of Noise (DVD - Limitierte Soundtrack Edition) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Ola Simonsson, Johannes Stjärne Nilsson
17.02 Ein Sommersandtraum (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Peter Luisi
24.02 Paris Express Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Hervé Renoh
BERLINALE 2012
14.02.12 Berlinale Tagebuch Tag …. äh, welcher Tag ist heute?
14.02.12 Was bleibt
14.02.12 Words of Witness
14.02.12 Revision
14.02.12 Parada
DVD VERKAUFSCHARTS
Nach Verkaufszahlen   Quelle: amazon.de
1. Almanya - Willkommen in Deutschland (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 18
2. Unknown Identity (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 19
3. The King's Speech (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 24
4. R.E.D. - Älter. härter. besser. Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 47
5. Vincent will Meer (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 67
6. ICH - Einfach unverbesserlich (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 54
7. Inception (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 63
8. Shutter Island (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 80
9. The Fighter (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 18
10. Four Lions (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 20
LESERCHARTS TOP 5
1. Rockabilly Ruhrpott (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Claudia Bach
2. Restrepo Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Tim Hetherington, Sebastian Junger
3. Four Lions (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Christopher Morris
4. The King's Speech (DVD) Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Tom Hooper
5. Vampire Nation Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Jim Mickle
PARTNER