Walhalla Rising

Originaltitel: Valhalla Rising
DVD-Start: 05.11.2010
FSK: 16
Leserbewertung:
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Die Reise ins Nichts

Zugegeben – wer sich allein auf das Plakat und die knappen Vorankündigungen verlässt, dürfte zumindest bei diesem Film eine gewaltige Überraschung erlebt haben. Denn Nicolas Winding Refns Wikinger-Epos Walhalla Rising erschien auf den ersten Blick kaum mehr zu sein als ein dumpf-martialisches Heldendrama, das ungefähr in der Liga von Zak Snyders Spartaner-Kracher 300 spielt. Doch dann kommt alles anders - zum Glück für den Zuschauer.

In einem unwirtlichen Land im Norden Europas wird der Krieger One-Eye (Mads Mikkelsen) als Sklave festgehalten und muss zum Amüsement seiner Peiniger grausame Schaukämpfe überstehen, bei denen es wahrhaftig um Leben und Tod geht. Wobei die Zuschauer das Abschlachten der Männer eher mit roher Teilnahmslosigkeit betrachten. Die Sitten sind eben rau in jenen Tagen, in denen Europa noch als archaischer und barbarischer Kontinent erscheint, in dem man Heiden und Christen allenfalls durch die Symbole unterscheiden kann. Mit stoischer Gelassenheit und (trotz der miserablen Behandlung) beeindruckender Physis erträgt der schweigsame Mann den Überlebenskampf und kann bei einer Überführung – kurz zuvor hat er den "Besitzer" gewechselt – entfliehen, indem er seine Peiniger tötet. Allein ein kleiner blonder Junge wird verschont, er wird von nun an der Reisegefährte von One-Eye sein. Als die beiden auf eine Gruppe christianisierter Wikinger stoßen, die mal eben im Alleingang Jerusalem aus den Händen der Heiden befreien wollen (schließlich hat man sich gerade erst mit der Abschlachtung einheimischer Heiden warm gemacht für das große Abenteuer), schließen sich One-Eye und der Junge den Männern an. Die Reise nach Jerusalem aber verliert im endlosen Nebel, in den die Männer geraten, Sinn und Ziel. Und als man am Ende der Schiffspassage endlich Land sieht, wird zumindest dem Zuschauer schnell klar, dass dies hier kaum das Gelobte Land ist, sondern die grüne Hölle eines wilden Amerika, in dem sich der Überlebenskampf One-Eyes gegen einen diesmal unsichtbaren Gegner nahtlos fortsetzt. Und es ist nicht nur der stets präsente, aber nur am Ende sichtbare Feind, der den Wikingern zusetzt, sondern auch interne Streitigkeiten, die aus der Fahrt ins Ungewisse eine Reise ins Herz der Finsternis machen...

Es wird nicht viel gesprochen in diesem beeindruckenden Film, der vor allem durch die Kraft und düstere Schönheit seiner Bilder und seine mal ins Mystische abdriftende und dann wieder eher am Noise-Rock orientierten Soundcollagen lebt. Die erhabene Schönheit der Natur, durch die die Wikinger streifen, der unsichtbare Feind, das langsame Hinübergleiten in den Wahnsinn, die blutroten Visionen One-Eyes und die strenge, mit metaphysisch anmutenden Titeln versehene Kapiteleinteilung – all das mag nicht so recht passen zu der Martialik und Brutalität des Films. Und dennoch sind es gerade diese Elemente, die immer wieder an Vorbilder wie Terrence Malick, Francis Ford Coppola und andere auteurs der Filmgeschichte, die den Ton vorgeben und aus dem Wikinger-Epos einen ebenso betörenden wie verstörenden Film formen, dessen Zauber und Rätselhaftigkeit man sich trotz des manchmal recht penetranten metaphysisch-mythologischen Brummens nicht entziehen kann.

Walhalla Rising ist ein radikal dekonstruktivistisches Werk, das Brutalität und Schönheit, geschichtsphilosophische Reflektionen, Mythologie, Religionskritik und Heldenreise, bluttriefendes Genrekino und die Reflexivität des (vor allem europäischen) Autorenkinos scheinbar mühelos miteinander vereint und so etwas gänzlich Neues, bislang Ungesehenes erschafft, das gängige Interpretationsmuster geschickt unterläuft. Und dennoch zweifelt man in keiner Sekunde dieses Films daran, dass es sich hierbei um ein großes Werk handelt, wie man es in den Kinos viel zu selten zu sehen bekommt. Die große Leere, die der Film immer wieder thematisiert und transportiert, das Schweigen, die Dominanz der reinen, nackten Form und die zahlreichen Nullstellen der Erzählung – sie müssen freilich ausgehalten und vom Zuschauer selbst mit Bedeutung gefüllt werden. Und das ist nun wahrlich keine einfache Aufgabe.

Umso bedauerlicher, dass es Walhalla Rising nicht in die deutschen Kinos schaffen wird – außer, jemand hat noch ein Erbarmen und sieht ein, dass dieser Film unbedingt auf die große Leinwand gehört. Die magischen Bilder und ungeheuren Sounds, die bedrohliche Atmosphäre einer Reise ins Nichts und der schweigsame Held – sie sind in ihrer ganzen Intensität und nihilistischen Wucht vor dem heimischen Fernseher kaum angemessen zu würdigen.

(Joachim Kurz)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Walhalla Rising
Originaltitel: Valhalla Rising
Produktionsland: Dänemark, Großbritannien
Produktionsjahr: 2009
Länge: 89 (Min.)
Erschienen bei: Sunfilm Entertainment
Bildformat: 1:2,35 (16:9)
Ton/Sprache: Englisch Dolby Digital 5.1 Deutsch Dolby Digital 5.1 Deutsch DTS

VERÖFFENTLICHUNGEN

DVD-Start: 05.11.2010

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FILMBEWERTUNG

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Bisherige Kommentare (Anzeige: 5 von insgesamt 7)
Von: Petronella am: 17.11.11
Die Filmkritik auf der DVD-Hülle versprach mehr,als der Film selbst gehalten hat. Ich fand ihn absolut scheußlich, eine sinnlose Aneinanderreihung brutaler Geschehnisse. Die Handlung war zwar ziemlich spannend inszeniert,auch der Hauptdarsteller war ganz gut, insgesamt fand ich "Walhalla rising "jedoch enttäuschend und nicht unbedingt sehenswert.
Von: unbekannte am: 07.06.11
Ich kann dem Film ebenfalls nichts Tiefes anerkennen. Einfach nur schlecht. Die Landschaften ausgenommen.
Von: sorji am: 06.06.11
Schöne landschaften. ich mag mikkelsen. ich mag aber keine filme in denen sich die charaktere zu 90% wie vollidioten verhalten. wikinger waren harte und kluge überlebenskünstler. in diesem film verhalten sie sich wie großstätter die sich im stadtpark verirrt haben, sich dann mit drogen vollpumpen und dann selbstmord begehen. schade.
Von: sorjie am: 06.06.11
für mich kein meisterwerk... zugegeben, schöne bilder und wundervolle landschaften, aber das war es auch schon. ich mag anspruchsvolle filme. ich mag düstete filme. aber dieser hier kam nicht an mich ran. schade eigentlich
Von: schlossi am: 13.02.11
Dieser Film erzählt auf brutale Weise die Geschichte eines Mannes, der nichts geschenkt bekommt und doch seinem traurigen Leben einen Sinn gibt. Hinter seinen Visionen versteckt sich meiner Meinung nach nichts anderes als der Sinn für sein Dasein, auch wenn im Film nichts durch die Visionen offenbar wird. Der Film lockt mir Hollywood-Kino aber zeigt beim näheren Hinsehen eine ganz andere Wahrheit als man von den Erzählungen des derzeitigen Kinos gewohnt ist. Ich kann mich dem Kritiker dieses Films nur anschließen, dass man hier etwas sieht, was man vom heutigen Kino nicht gewohnt ist. Diesen Film finde ich, wie mein Vorredner nicht einfach nur schlecht, sondern ich finde ihn ausgesprochen mal anderes, als man es gewohnt ist.
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