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Paterson (DVD)

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5.0 Sterne aus 1 Bewertungen

DVD-Start: 09.06.2017
FSK: o.Al.
Genre: Drama, Komödie
Tags: New York, Busfahrer, Poet, Toronto 2016, Cannes 2016 Wettbewerb, Viennale 2016

Der Wert sinnloser Träume

"Take care of things close to home first. Straighten up your room / before you save the world. Then save the world." (aus How to Be Perfect von Ron Padgett)

Es mag etwas überraschend wirken, wenn eine Besprechung zu einem Film, der bisweilen wie eine Adaption eines gleichnamigen Gedichtes ankommt, nämlich Paterson von William Carlos Williams, mit dem Zitat eines anderen Poeten beginnt. Aber Ron Padgett zeigt sich verantwortlich für sämtliche Verse aus der Feder des von Adam Driver verkörperten Busfahrers/Poeten in Paterson von Jim Jarmusch. Es sind Gedichte, wie jene von Williams, in denen sich beständig Transformationen zwischen dem Alltäglichen und dem Schönen vollziehen. Selbiges gilt auch für den Film, in dem Jarmusch eine utopische Harmonie generiert, als würden die Zeilen von Padgett und deren Entstehung sich durch die Wahrnehmung eines Ortes ziehen, als wäre jeder elegische Blick auf das Banale ein potenzielles Gedicht. Beseelt von kleinen Harmonien und Traurigkeiten.

Paterson (Adam Driver) arbeitet als Busfahrer in Paterson, New Jersey. Jarmusch hatte schon immer große Freude an absurden Namen, man denke nur an Don Johnston in Broken Flowers, der immer wieder betonen muss, dass er nicht Don Johnson heißt. Dieser Paterson lebt vor sich her, das heißt, er flaniert zwischen seiner Arbeit als Busfahrer, seiner sich im schwarz-weißen Dekorierwahnsinn befindlichen Frau Laura (Golshifteh Farahani), ihrem mysteriös kommunizierenden Hund Marvin, abendlichen Besuchen in einer Bar und seinen Gedichten, die er immer dann schreibt, wenn ihm das Leben Zeit dafür lässt. Jarmusch betrachtet diese Welt von und um Paterson mit einem wachsam zurückhaltenden Auge, das sich immer wieder mit den Blicken und Beobachtungen von Paterson verbündet. Er schreibt mit diesem Film in vielerlei Hinsicht an denselben Gedichten wie sein Protagonist. Zwar gibt es deutlich mehr klassische Drehbuchkonflikte als die vorgegebene Einfachheit vermuten lässt, aber letztlich bleibt der Film die Schilderung eines Lebensgefühls. Ein Lebensgefühl, das gar nicht so leicht zu benennen ist, weil es zwischen Akzeptanz und Rebellion verharrt. Es ist der Blick auf ein Leben, in dem sich die Poesie versteckt. So wie in jedem Leben (und jedem Tod).

Nun war Jarmusch noch nie ein Filmemacher großer Geschichten, aber man hat das Gefühl, dass sein Driften durch Situationen immer mehr in süßlich-nerdige Utopien einer Gelassenheit kippt statt Verlorenheit und Freiheit zu vermitteln. Das Herumwandern von Chris Parker in Permanent Vacation ist grundverschieden von jenem Patersons. Womöglich, weil Paterson Inseln hat, zu denen er zurückkehrt, zurückkehren muss, während Chris Parker gar keinen Anker, kein Ziel mehr hat. Ohne das werten zu wollen und zu können, kann man dort auf jeden Fall eine Entwicklung im Filmemacher erkennen. Bisweilen erinnert die Simplizität und der Wert sinnloser Träume an das Kino von Ozu Yasujirō. Wie beim Japaner führt ein herausragend tragisch-absurder Moment im Film in bestechender Klarheit vor, wie machtlos dieser von Girish Shambu in Bezug zu Paterson zurecht mit "Amateurism" bezeichnete Ansatz zur Kunst gegenüber dem Leben ist. Jedoch öffnet Jarmusch eine Pforte hinaus aus diesen sinnlosen Träumen, indem er betont, dass der Sinn im Träumen liegt. Dieser Mut zur Melancholie macht Jarmusch zu einer singulären Figur im amerikanischen Kino.

Der "Amateurism" ist wohl der Zeitgeist (man denke an die zig Poeten des Internets und vieles mehr) eines Films und Filmemachers, der ansonsten nicht umsonst Fantasien von jahrhundertealten Vampiren hat und sich gern in einer popkulturellen Zeitlosigkeit und Nostalgie aufhält. Viel mehr als eine Schilderung des Lebens eines modernen Mannes und seiner Liebe zur Kunst ist Paterson eine emotional berührende Huldigung poetischer Wahrnehmung. Dabei wagt sich Jarmusch in einen für ihn durchaus ungewohnten Kitsch mit überblendeten Wasserfällen, der irgendwie auch zur etwas nervigen Süßlichkeit der Szenen im Haus von Laura und Paterson passt. Die penetranten Zwischenschnitte auf den Hund Marvin mögen für den einen oder anderen Lacher sorgen, wirken aber irgendwann etwas platt – genauso wie die bisweilen als passive Muse erscheinende Laura. Allerdings muss hierbei betont werden, dass der Name Laura und die Funktion als Muse literaturgeschichtliche Relevanz hat und diese im Film auch thematisiert wird. Man denke nur an Francesco Petrarca und seine Laura. Dennoch kann sich Jarmusch einer Art Cupcake-Simplizität nicht entziehen, in der die Einfachheit der Handlung eben nicht wie bei Ozu aus Dringlichkeiten entsteht, sondern fast wie ein Aushängeschild über dem Film hängt. Ein wenig erinnert das dann an Wes Anderson und nicht umsonst haben Kara Hayward und Jared Gilman, die beiden Nachwuchsdarsteller aus Moonrise Kingdom, einen Auftritt als Busfahrgäste und macht Mark Friedberg, der auch für Anderson gearbeitet hat, für Jarmusch wieder das Szenenbild. Insgesamt kann man diesem Vorgehen womöglich auch einiges abgewinnen, aber für einen Film über poetische Wahrnehmung wirkt Paterson an manchen Stellen zu kalkuliert in seiner Einfachheit.

Weitaus besser funktioniert der beiläufige Surrealismus im Film mit ständig auftauchenden Zwillingen und dieser Hingabe an eine Alltagspoesie, der man nur deshalb nicht ganz glauben kann, weil ihr Auftauchen in einer derart nüchternen Welt immer überwältigend bleiben muss. In dieser Hinsicht gibt Driver in der vermutlich besten Rolle, die er je spielen wird, den Poeten auch mit der nötigen Passivität, die immerzu staunt und daraus gewinnt, statt in blindem Ehrgeiz "Kunst" zu leben, wie diese zum Beispiel in Damien Chazelles nicht nur in dieser Hinsicht fragwürdigen Whiplash bis zum Blut durchexerziert wird. Durch diese Passivität vermag Paterson allerhand Geschichten aufzusaugen und eine Distanz zu wahren, die ihn immer etwas einsam erscheinen lässt, aber letztlich liebevoll. Es ist ein Wechselspiel aus einem Über-Sich-Ergehen-Lassen und dem Erblühen darin. Die einzigen Ausbrüche erlaubt Jarmusch in den abendlichen Barbesuchen, in der Nebenfiguren ihre emotionalen Narben zur Schau stellen. Als Paterson dabei einmal eingreift, muss er sich fast dafür schämen, weil er diese Schau für die Wahrheit gehalten hat. Unter diesem Blickwinkel ist die Begegnung mit einem jungen Mädchen, das wie Paterson Gedichte in ein geheimes Buch schreibt, eine Offenbarung der Gemeinsamkeit in dieser introvertierten Einsamkeit und besonderen Wahrnehmungsfähigkeit. Und auch ein Indikator dafür, dass die Coolness von Jarmusch immer nach Erlösung sucht.

Enden soll diese Besprechung dann doch mit einem Zitat aus dem Vorwort von Paterson von William Carlos Williams:
For the beginning is assuredly
the end-since we know nothing, pure
and simple, beyond
our own complexities.


(Patrick Holzapfel)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2016
Länge: 118 (Min.)
Erschienen bei: Weltkino Filmverleih GmbH / Universum Film
Bildformat: 16:9 - 1.77:1
Ton/Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (DD Stereo), Englisch (Dolby Digital 5.1)
DVD-Start: 09.06.2017
Extras: keine

Cast & Crew

Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Kamera: Frederick Elmes
Schnitt: Alfonso Gonçalves
Hauptdarsteller: Golshifteh Farahani, Adam Driver, Sterling Jerins, Jared Gilman, Kara Hayward

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