Kurt Gerron - Gefangen im Paradies
DVD-Start:
20.03.2008
FSK:
12
Leserbewertung:
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Porträt eines tragischen jüdischen Künstlers
Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte das Konzentrationslager Theresienstadt 1944 die Funktion, der besorgten Weltöffentlichkeit vorzugaukeln, dass die Situation der Juden in den Ghettos geradezu paradiesisch sei. Zu diesem Zwecke wurde dort auch der Propagandafilm Theresienstadt – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet gedreht, der unter seinem Arbeitstitel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" bekannt wurde und von dem heute nur noch einige Sequenzen erhalten geblieben sind. Diese filmische Lüge, deren Kulisse und Protagonisten unter großem Aufwand monatelang dafür hergerichtet wurden, zeigt die inhaftierten bis zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Juden, unter denen sich auch zahlreiche Prominente befanden, in scheinbar gutem Zustand bei der Arbeit und vor allem bei kulturellen Betätigungen, mit der Absicht, die zutiefst inhumane und verbrecherische Behandlung der Menschen in den Konzentrationslagern international zu vertuschen. Inszeniert wurde dieser himmelschreiend absurde Film von einem jüdischen Schauspieler, Kabarettisten und Regisseur, der vor der NS-Herrschaft ein gefeierter Star in Deutschland war – von Kurt Gerron.
Ursprünglich als Kurt Gerson 1897 in Berlin geboren, schlug der einzige Sohn wohlhabender Eltern zunächst eine Mediziner-Laufbahn ein, die er jedoch nach dem Ersten Weltkrieg und zahlreichen Verwundungen wieder aufgab. Der große, massige Mann wandte sich 1920 der Schauspielerei zu, hatte kleinere Engagements an verschiedenen Bühnen, spielte in etlichen Stummfilmen mit und sang schließlich bei der Uraufführung der legendären Dreigroschenoper von Brecht 1928, innerhalb welcher er auch als Londoner Polizeichef Tiger Brown besetzt wurde, die berühmte "Moritat von Mackie Messer". Die Rolle des Zaubererkünstlers in Der blaue Engel von Josef von Sternberg 1930 an der Seite von Marlene Dietrich und sein Mitwirken in Die Drei von der Tankstelle desselben Jahres von Wilhelm Thiele gemeinsam mit Heinz Rühmann trugen gewaltig zur Popularität von Kurt Gerron bei, der sich ab den frühen Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts zunehmend als Regisseur betätigte und Filme wie Meine Frau, die Hochstaplerin und Der weiße Dämon inszenierte.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die ihn 1933 als UFA-Regisseur feuerten, flüchtete Gerron mit seiner Frau und seinen Eltern zunächst nach Paris, dann nach Österreich und Italien und letztlich nach Amsterdam, konnte derweil mehr schlecht als recht überleben, aber doch auch im Exil ein paar Filme realisieren. Wähnte er sich auch in den Niederlanden, wo er im Ensemble der „Schouwburg“ spielte, relativ sicher, wurde er doch letztlich nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen ebenso wie seine überwiegend jüdischen Kollegen nach Theresienstadt deportiert. In dieser Hölle wirkte der erfahrene Schauspieler beim Ghetto-Kabarett mit, das er "Karussell" nannte und welches in der Funktion geduldet wurde, ausländischen Besuchern die angebliche Toleranz den Juden gegenüber zu demonstrieren. Auf Grund seiner Professionalität wurde Gerron schließlich dazu auserwählt, Regie beim geplanten Propagandafilm über das Lager zu führen – eine fatale und bei Mithäftlingen nicht unumstrittene Aufgabe für den Mann, die er übernahm, um das eigene Leben und das seiner Akteure zu retten. Die Produktion gelang ganz im Sinne der Nazis, doch die verzweifelten Hoffnungen Kurt Gerrons, die an diesen "Erfolg" geknüpft waren, erfüllten sich nicht: Nach Beendigung der Dreharbeiten wurden die Mitwirkenden und auch der Regisseur nach Auschwitz in den Tod geschickt, wo Gerron am 28. Oktober 1944 in einer der so genannten Gaskammern ermordet wurde.
Malcolm Clarke und Stuart Sender, beide ebenso versierte wie politisch engagierte Filmemacher und Produzenten, skizzieren in ihrer Dokumentation Kurt Gerron – Gefangen im Paradies / Prisoner of Paradise anhand von Archivmaterial und den Stimmen von Zeitzeugen sowie den Kommentaren eines Erzählers das erschütternde Schicksal des jüdischen Künstlers vom Beginn seiner erfolgreichen Karriere bis zu seinem gewaltsamen Tode. Obwohl der Film von der Kritik in den USA begeistert aufgenommen und für einen Oscar nominiert wurde, kann er nicht uneingeschränkt überzeugen. Bereits der Titel mutet ein wenig zynisch an, und auch die häufig auf spannende Dramatik angelegte Erzählweise sowie die begleitende Filmmusik erscheinen dem Genre und der todernsten Thematik nicht immer angemessen, doch insgesamt stellt der Film ein interessantes Dokument einer tragischen Persönlichkeit innerhalb der entsetzlichen Abgründe der NS-Herrschaft aus britisch-US-amerikanischer Perspektive dar.
(Marie Anderson)
Ursprünglich als Kurt Gerson 1897 in Berlin geboren, schlug der einzige Sohn wohlhabender Eltern zunächst eine Mediziner-Laufbahn ein, die er jedoch nach dem Ersten Weltkrieg und zahlreichen Verwundungen wieder aufgab. Der große, massige Mann wandte sich 1920 der Schauspielerei zu, hatte kleinere Engagements an verschiedenen Bühnen, spielte in etlichen Stummfilmen mit und sang schließlich bei der Uraufführung der legendären Dreigroschenoper von Brecht 1928, innerhalb welcher er auch als Londoner Polizeichef Tiger Brown besetzt wurde, die berühmte "Moritat von Mackie Messer". Die Rolle des Zaubererkünstlers in Der blaue Engel von Josef von Sternberg 1930 an der Seite von Marlene Dietrich und sein Mitwirken in Die Drei von der Tankstelle desselben Jahres von Wilhelm Thiele gemeinsam mit Heinz Rühmann trugen gewaltig zur Popularität von Kurt Gerron bei, der sich ab den frühen Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts zunehmend als Regisseur betätigte und Filme wie Meine Frau, die Hochstaplerin und Der weiße Dämon inszenierte.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die ihn 1933 als UFA-Regisseur feuerten, flüchtete Gerron mit seiner Frau und seinen Eltern zunächst nach Paris, dann nach Österreich und Italien und letztlich nach Amsterdam, konnte derweil mehr schlecht als recht überleben, aber doch auch im Exil ein paar Filme realisieren. Wähnte er sich auch in den Niederlanden, wo er im Ensemble der „Schouwburg“ spielte, relativ sicher, wurde er doch letztlich nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen ebenso wie seine überwiegend jüdischen Kollegen nach Theresienstadt deportiert. In dieser Hölle wirkte der erfahrene Schauspieler beim Ghetto-Kabarett mit, das er "Karussell" nannte und welches in der Funktion geduldet wurde, ausländischen Besuchern die angebliche Toleranz den Juden gegenüber zu demonstrieren. Auf Grund seiner Professionalität wurde Gerron schließlich dazu auserwählt, Regie beim geplanten Propagandafilm über das Lager zu führen – eine fatale und bei Mithäftlingen nicht unumstrittene Aufgabe für den Mann, die er übernahm, um das eigene Leben und das seiner Akteure zu retten. Die Produktion gelang ganz im Sinne der Nazis, doch die verzweifelten Hoffnungen Kurt Gerrons, die an diesen "Erfolg" geknüpft waren, erfüllten sich nicht: Nach Beendigung der Dreharbeiten wurden die Mitwirkenden und auch der Regisseur nach Auschwitz in den Tod geschickt, wo Gerron am 28. Oktober 1944 in einer der so genannten Gaskammern ermordet wurde.
Malcolm Clarke und Stuart Sender, beide ebenso versierte wie politisch engagierte Filmemacher und Produzenten, skizzieren in ihrer Dokumentation Kurt Gerron – Gefangen im Paradies / Prisoner of Paradise anhand von Archivmaterial und den Stimmen von Zeitzeugen sowie den Kommentaren eines Erzählers das erschütternde Schicksal des jüdischen Künstlers vom Beginn seiner erfolgreichen Karriere bis zu seinem gewaltsamen Tode. Obwohl der Film von der Kritik in den USA begeistert aufgenommen und für einen Oscar nominiert wurde, kann er nicht uneingeschränkt überzeugen. Bereits der Titel mutet ein wenig zynisch an, und auch die häufig auf spannende Dramatik angelegte Erzählweise sowie die begleitende Filmmusik erscheinen dem Genre und der todernsten Thematik nicht immer angemessen, doch insgesamt stellt der Film ein interessantes Dokument einer tragischen Persönlichkeit innerhalb der entsetzlichen Abgründe der NS-Herrschaft aus britisch-US-amerikanischer Perspektive dar.
(Marie Anderson)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Kurt Gerron - Gefangen im Paradies
Produktionsland:
Deutschland, Kanada, USA, Großbritannien
Produktionsjahr:
2002
Länge:
87 (Min.)
Bildformat:
1,78:1 (Letterbox)
Ton/Sprache:
Dolby Digital Stereo, Deutsch, Englisch
Extras:
Dokumentation "Theresienstadt sieht aus wie ein Curort" von Nadja Seelich und Bernd Neuburger, Biographie Kurt Gerron, Presseheft
VERÖFFENTLICHUNGEN
DVD-Start:
20.03.2008
CAST & CREW
Regie:
Malcolm Clarke, Stuart Sender
FILMBEWERTUNG
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