Ein Drehbuch im herkömmlichen Sinne gab es für diesen Film nicht. Die grandiose erste Szene nach dem Prolog war zwar bereits gründlich fixiert, doch darüber hinaus ließ Wim Wenders die Geschichte schlicht laufen, und sie läuft verdammt gut. Nach anfänglichen abendlichen Besprechungen mit den beiden Hauptcharakteren und letztlich im Alleingang entwickelte der Regisseur sein Roadmovie Im Lauf der Zeit sozusagen unterwegs, zwischen Lüneburg und Hof entlang der damaligen deutsch-deutschen Grenze, wo er mit seiner Crew und dem alten Möbelwagen quasi als drittem Darsteller innerhalb von elf Wochen den Film mit Kameramann Robby Müller und seinem Kollegen Martin Schäfer drehte. Herausgekommen ist dabei ein ebenso charmantes wie authentisches Liebhaberstück, das trotz reichlicher Improvisation erstaunlich stimmig sowie visuell äußerst anregend inszeniert ist.
Dass Robert (Hanns Zischler) von seinem zeitweiligen Gastgeber Bruno (Rüdiger Vogler), der ihn für eine Weile in seinem mobilen Heim beherbergt, Kamikaze genannt wird, resultiert aus ihrer ersten Begegnung. Als Bruno eines Tages in seinem ausgedienten Möbelwagen, in dem er lebt und über die Dörfer zieht, seine Morgentoilette verrichtet, wird er Zeuge, wie Robert mit seinem VW Käfer geradewegs in die Elbe rast. Tropfnass wieder an Land findet er bei Bruno Unterschlupf, der in den kleinen Orten auf seiner Route Filmprojektoren repariert, dem unaufhaltsamen Aussterben der Kleinstadtkinos trotzend. Ganz unspektakulär gestaltet sich das zunehmend vertrauliche Zusammensein der beiden völlig unterschiedlichen Männer, die eine Wegstrecke gemeinsam zurücklegen, und genau in dieser unsentimentalen Gelassenheit liegt die große Stärke dieses langsamen Films, dessen kunstvolle Schwarzweißbilder den Zuschauer ohnehin zu längerem Verweilen verführen.
Im Lauf der Zeit, eine zarte bis zärtlich-zynische Reminiszenz an vergangene Kinodimensionen als verschwindende Phänomene, lief 1976 im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes und wurde dort mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. Im ebenso spannenden wie amüsanten Audiokommentar, der sich als Extra auf der DVD findet, erwähnt Wim Wenders eine kleine Anekdote zur bedeutenden Teilnahme an diesem Festival der Festivals, nach der er aufgefordert wurde, eine pikante Szene von Rüdiger Vogler herauszuschneiden, die eine ganz spezielle kleine Geschichte im Zuge der Dreharbeiten und beim Schnitt des Films hat. Doch der Filmemacher weigerte sich erfolgreich, so dass der Zuschauer nun die Authentizität des praktisch auf Kommando kackenden Akteurs beschmunzeln kann.
Neben der schlicht ungeschnörkelten charismatischen Grundstimmung des Films sind es die kleinen bezaubernden Höhepunkte, die begeistern, wie etwa der melancholische Gastauftritt von Marquard Bohm, der ein Meister der Verkörperung schräger Figuren ist. Gestaltet sich die Rede auch überwiegend gekonnt banal, mündet sie doch vereinzelt in pointierte Dialoge, die ein ganzes Universum an angedeuteter Komplexität transportieren: „Du brauchst mir nicht deine Geschichten zu erzählen.“ „Was willst du denn wissen?“ „Wer du bist.“ „Ich bin meine Geschichten.“
(Marie Anderson)
Dass Robert (Hanns Zischler) von seinem zeitweiligen Gastgeber Bruno (Rüdiger Vogler), der ihn für eine Weile in seinem mobilen Heim beherbergt, Kamikaze genannt wird, resultiert aus ihrer ersten Begegnung. Als Bruno eines Tages in seinem ausgedienten Möbelwagen, in dem er lebt und über die Dörfer zieht, seine Morgentoilette verrichtet, wird er Zeuge, wie Robert mit seinem VW Käfer geradewegs in die Elbe rast. Tropfnass wieder an Land findet er bei Bruno Unterschlupf, der in den kleinen Orten auf seiner Route Filmprojektoren repariert, dem unaufhaltsamen Aussterben der Kleinstadtkinos trotzend. Ganz unspektakulär gestaltet sich das zunehmend vertrauliche Zusammensein der beiden völlig unterschiedlichen Männer, die eine Wegstrecke gemeinsam zurücklegen, und genau in dieser unsentimentalen Gelassenheit liegt die große Stärke dieses langsamen Films, dessen kunstvolle Schwarzweißbilder den Zuschauer ohnehin zu längerem Verweilen verführen.
Im Lauf der Zeit, eine zarte bis zärtlich-zynische Reminiszenz an vergangene Kinodimensionen als verschwindende Phänomene, lief 1976 im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes und wurde dort mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. Im ebenso spannenden wie amüsanten Audiokommentar, der sich als Extra auf der DVD findet, erwähnt Wim Wenders eine kleine Anekdote zur bedeutenden Teilnahme an diesem Festival der Festivals, nach der er aufgefordert wurde, eine pikante Szene von Rüdiger Vogler herauszuschneiden, die eine ganz spezielle kleine Geschichte im Zuge der Dreharbeiten und beim Schnitt des Films hat. Doch der Filmemacher weigerte sich erfolgreich, so dass der Zuschauer nun die Authentizität des praktisch auf Kommando kackenden Akteurs beschmunzeln kann.
Neben der schlicht ungeschnörkelten charismatischen Grundstimmung des Films sind es die kleinen bezaubernden Höhepunkte, die begeistern, wie etwa der melancholische Gastauftritt von Marquard Bohm, der ein Meister der Verkörperung schräger Figuren ist. Gestaltet sich die Rede auch überwiegend gekonnt banal, mündet sie doch vereinzelt in pointierte Dialoge, die ein ganzes Universum an angedeuteter Komplexität transportieren: „Du brauchst mir nicht deine Geschichten zu erzählen.“ „Was willst du denn wissen?“ „Wer du bist.“ „Ich bin meine Geschichten.“
(Marie Anderson)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Im Lauf der Zeit
Produktionsland:
Deutschland
Produktionsjahr:
1976
Länge:
168 (Min.)
Bildformat:
1,66:1
Ton/Sprache:
Dolby Digital 5.1, Deutsch
Extras:
Geschnittene Szenen, Audiokommentar mit Wim Wenders
VERÖFFENTLICHUNGEN
DVD-Start:
16.10.2009
CAST & CREW
Regie:
Wim Wenders
Drehbuch:
Wim Wenders
Kamera:
Martin Schäfer, Robby Müller
Schnitt:
Peter Przygodda
Musik:
Axel Linstädt
Hauptdarsteller:
Marquard Bohm, Hanns Zischler, Lisa Kreuzer, Rüdiger Vogler, Rudolf Schündler
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Bisherige Kommentare
(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: wolfmanstag am: 09.05.10
schräge, liebeswürdige, dialogarme verfilmung einer deutschland-fahrt von kino zu kino an der ehemaligen zonengrenze mit einem rasanten ausflug an den rhein
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