Geistiger Frühling
Hol’ dir das Superbaby – ein neues TV-Format? Zum Glück (noch) nicht. Aber Hans Weingartners wunderbare Satire über das deutsche Privatfernsehen ist von der Realität nicht weit entfernt: Quoten-Terror macht dumm. Und die Abwärtsspirale des schlechten Geschmacks scheint kaum noch aufzuhalten. Doch im Kino schlägt die Macht der Fantasie das TV-System mit seinen eigenen Mitteln. Eine Medien-Guerilla schnürt die Unterwanderstiefel, um Quoten zu manipulieren – für einen guten Zweck.
TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu) vom fiktiven Sender TTS ist extrem erfolgreich und extrem durchgeknallt. Den Polizeiwagen, der seinen Jaguar auf dem Senderparkplatz zugeparkt hat, schiebt er mit Blechschaden zur Seite. Dann rast er zugekokst über dreispurige Straßen, als befänden wir uns mitten in der finalen Verfolgungsjagd und nicht in den ersten Filmminuten. Auf den nächsten Crash folgt wenig später der übernächste.
Der ist folgenreich. Im anderen Auto saß Pegah (Elsa Sophie Gambard), eine geheimnisvolle junge Frau, ganz das Gegenteil von Rainer: ruhig, überlegt, einfühlsam. Aber: Pegah wollte Rainer bei dem „Unfall“ umbringen. Im Krankenhaus, in dem sich beide schwer verletzt wiederfinden, treffen sie weniger gewaltsam aufeinander. Und als Pegah verschwunden ist, entdeckt Rainer, was ihn mit ihr verbindet. Eine Pseudoreportage in einem von Rainer verantworteten Magazin hat Pegahs Großvater mit falschen Anschuldigungen in den Selbstmord getrieben.
Rainer will sich bessern. Er entwickelt ein anspruchsvolles Magazinformat. Aber die Quoten sind so katastrophal, dass die Sendung sofort abgesetzt wird. Rainer kündigt und trifft Pegah wieder. Gemeinsam mit Wachmann Philipp (Milan Peschel) von der Quotenermittlungsfirma IMA knacken sie das System und verändern mit einem technischen Trick die Quoten. Trash geht in den Keller, Dokus und Spielfilme klettern in die Höhe. Der gewandelte Rainer behält Recht: alles die Macht der Gewohnheit. Früher hatte man das Publikum an billige Soaps gewöhnt. Nun werden die Zuschauer zum Nachdenken verführt, weil anspruchsvolle Sendungen – dank angeblich erfolgreicher Quoten – immer öfter eine Chance bekommen. Eine Revolution ist im Gang. „Geistiger Frühling in Deutschland“, titeln die Zeitungen.
Regisseur Hans Weingartner inszeniert die Medienkritik mit Wucht und Lust an der Anarchie. Er erzählt kraftvoll und rau, mit Spannung und Tempo. Unter der Hand geht der Thriller in die Komödie über, denn der Coup der Quotenverdreher ist natürlich zu schön, um realistisch zu sein. Gewiss, Weingartner hat ein ernstes Anliegen. Im Schnitt schaut der Europäer täglich vier Stunden fern, da bleibt neben Arbeiten, Einkaufen Essen und Schlafen gerade mal eine Stunde zum Leben. Aber die These von den Medien als Opium des Volkes kommt alles andere als schwerfällig daher.
Es scheint, als knüpfe da einer mit seiner antikapitalistischen Medienschelte an die Zeit von vor mehr als 30 Jahren an, als Sponti-Sprüche an Hauswänden standen: Fantasie an die Macht. Sicher nicht zufällig bringt Weingarten das "Ende des TV-Terrors" mit Fassbinder-Filmen in Zusammenhang, die nun zu besten Sendezeiten laufen. Aber er lässt es sich auch nicht nehmen, den Namen des großen Meisters verballhornen zu lassen: Wie bitte, es gibt Fassbier im Fernsehen? Und genauso flink zwinkern die Augen des Regisseurs, wenn er im aktuellen Film den Titel seines zweiten Streifens über den Bildschirm flimmern lässt: Die fetten Jahre sind vorbei.
Dass Free Rainer – Dein Fernseher lügt! nicht ins Gutmenschentum abdriftet, liegt nicht zuletzt an Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu. Er mimt nach dem Sinneswandel keinen Paulus, sondern bleibt angreifbar und widersprüchlich: mit egomanischen und machtbesessenen Zügen. Rainers Weg zu einem besseren Leben ist ebenso komplex wie lang – und damit realistisch. Da ist nichts von der Weinerlichkeit eines Weltverbesserers. Sondern es bleibt am Ende ein optimistischer Eindruck hängen: Die fetten Jahre kommen erst.
(Peter Gutting)
TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu) vom fiktiven Sender TTS ist extrem erfolgreich und extrem durchgeknallt. Den Polizeiwagen, der seinen Jaguar auf dem Senderparkplatz zugeparkt hat, schiebt er mit Blechschaden zur Seite. Dann rast er zugekokst über dreispurige Straßen, als befänden wir uns mitten in der finalen Verfolgungsjagd und nicht in den ersten Filmminuten. Auf den nächsten Crash folgt wenig später der übernächste.
Der ist folgenreich. Im anderen Auto saß Pegah (Elsa Sophie Gambard), eine geheimnisvolle junge Frau, ganz das Gegenteil von Rainer: ruhig, überlegt, einfühlsam. Aber: Pegah wollte Rainer bei dem „Unfall“ umbringen. Im Krankenhaus, in dem sich beide schwer verletzt wiederfinden, treffen sie weniger gewaltsam aufeinander. Und als Pegah verschwunden ist, entdeckt Rainer, was ihn mit ihr verbindet. Eine Pseudoreportage in einem von Rainer verantworteten Magazin hat Pegahs Großvater mit falschen Anschuldigungen in den Selbstmord getrieben.
Rainer will sich bessern. Er entwickelt ein anspruchsvolles Magazinformat. Aber die Quoten sind so katastrophal, dass die Sendung sofort abgesetzt wird. Rainer kündigt und trifft Pegah wieder. Gemeinsam mit Wachmann Philipp (Milan Peschel) von der Quotenermittlungsfirma IMA knacken sie das System und verändern mit einem technischen Trick die Quoten. Trash geht in den Keller, Dokus und Spielfilme klettern in die Höhe. Der gewandelte Rainer behält Recht: alles die Macht der Gewohnheit. Früher hatte man das Publikum an billige Soaps gewöhnt. Nun werden die Zuschauer zum Nachdenken verführt, weil anspruchsvolle Sendungen – dank angeblich erfolgreicher Quoten – immer öfter eine Chance bekommen. Eine Revolution ist im Gang. „Geistiger Frühling in Deutschland“, titeln die Zeitungen.
Regisseur Hans Weingartner inszeniert die Medienkritik mit Wucht und Lust an der Anarchie. Er erzählt kraftvoll und rau, mit Spannung und Tempo. Unter der Hand geht der Thriller in die Komödie über, denn der Coup der Quotenverdreher ist natürlich zu schön, um realistisch zu sein. Gewiss, Weingartner hat ein ernstes Anliegen. Im Schnitt schaut der Europäer täglich vier Stunden fern, da bleibt neben Arbeiten, Einkaufen Essen und Schlafen gerade mal eine Stunde zum Leben. Aber die These von den Medien als Opium des Volkes kommt alles andere als schwerfällig daher.
Es scheint, als knüpfe da einer mit seiner antikapitalistischen Medienschelte an die Zeit von vor mehr als 30 Jahren an, als Sponti-Sprüche an Hauswänden standen: Fantasie an die Macht. Sicher nicht zufällig bringt Weingarten das "Ende des TV-Terrors" mit Fassbinder-Filmen in Zusammenhang, die nun zu besten Sendezeiten laufen. Aber er lässt es sich auch nicht nehmen, den Namen des großen Meisters verballhornen zu lassen: Wie bitte, es gibt Fassbier im Fernsehen? Und genauso flink zwinkern die Augen des Regisseurs, wenn er im aktuellen Film den Titel seines zweiten Streifens über den Bildschirm flimmern lässt: Die fetten Jahre sind vorbei.
Dass Free Rainer – Dein Fernseher lügt! nicht ins Gutmenschentum abdriftet, liegt nicht zuletzt an Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu. Er mimt nach dem Sinneswandel keinen Paulus, sondern bleibt angreifbar und widersprüchlich: mit egomanischen und machtbesessenen Zügen. Rainers Weg zu einem besseren Leben ist ebenso komplex wie lang – und damit realistisch. Da ist nichts von der Weinerlichkeit eines Weltverbesserers. Sondern es bleibt am Ende ein optimistischer Eindruck hängen: Die fetten Jahre kommen erst.
(Peter Gutting)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Free Rainer – Dein Fernseher lügt! (DVD)
Produktionsland:
Deutschland
Produktionsjahr:
2007
Länge:
124 (Min.)
Erschienen bei:
Kinowelt Home Entertainment
Bildformat:
16:9
Ton/Sprache:
Dolby Digital 5.1, Deutsch
Extras:
Interviews mit Hans Weingartner, Moritz Bleibtreu und Milan Peschel, Outtakes, Audiokommentar mit Hans Weingartner und Moritz Bleibtreu, Making of, Die drei Gewinnerfilme des Kurzfilmwettbewerbs, Deleted Scenes mit optionalem Audiokommentar des Regisseurs, Fotogalerien, Teaser, Trailer
VERÖFFENTLICHUNGEN
DVD-Start:
20.06.2008
CAST & CREW
Regie:
Hans Weingartner
Hauptdarsteller:
Moritz Bleibtreu, Milan Peschel, Tom Jahn, Elsa Sophie Gambard, Gregor Bloéb
MEINUNGEN
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