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Devil's Knot

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DVD-Start: 12.12.2014
FSK: 16
Genre: Drama, Thriller
Tags: Justizirrtum, Mord, Satanismus, Memphis Three

Fade Aufarbeitung eines Justizskandals

Es gibt Filmemacher, mit denen man seit langem beinahe "freundschaftlich" verbunden ist – ganz einfach deshalb, weil sie einem als junger Cineast in einer prägenden Phase des Lebens und der cineastischen Geschmacksbildung ein besonderes Leinwanderlebnis beschert haben.

In meiner eigenen filmischen Sozialisation gehört Atom Egoyan zu diesen Wegbegleitern. Seine frühen Filme The Adjuster (1991), Calendar (1993), Exotica (1994) und teilweise auch noch The Sweet Hereafter (1997) faszinierten durch eine kunstvoll verwobene Erzählweise von manchmal beinahe überirdisch getragener Eleganz. Im weiteren Verlauf aber stellten sich alsbald erste Irritationen ein, weil alle folgenden Filme entweder seltsam ungelenk wirkten (wie etwa Ararat) oder den frühen Filmen so sehr ähnelten, dass man nicht wusste, ob hier ein Filmemacher seine "Handschrift" gefunden hatte oder einfach nur äußerst unflexibel und ideenlos im Umgang mit seinen formalen wie erzählerischen Mitteln war. Ein Eindruck, der sich durch die beiden letzten Filme Egoyans leider zunehmend verfestigt – beide schaffen es übrigens bezeichnenderweise in Deutschland nicht mehr auf die große Leinwand, sondern werden nur als DVD veröffentlicht. In früheren Jahren wäre das undenkbar gewesen, zugleich aber scheint dies ein weiterer Beweis dafür zu sein, dass Egoyan als Regisseur erheblich an Relevanz verloren hat.

Devil's Knot – Im Schatten der Wahrheit, der seine Weltpremiere 2013 beim Toronto International Film Festival feierte, basiert auf der Geschichte der "West Memphis Three". Nach dem bestialischen Mord an drei achtjährigen Jungen geraten drei jugendliche Außenseiter ins Visier der Justiz und werden schließlich verurteilt, obwohl es erhebliche Zweifel an deren Schuld gibt. Sie sollen die Kinder als Teil eines satanistischen Rituals getötet haben. Während zwei der Beschuldigten zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt werden, wird der vermeintliche Anführer zum Tode verurteilt. Einzig der Privatdetektiv Ron Lax (Colin Firth) und Pam (Reese Witherspoon), die Mutter eines der Opfer, hegen Zweifel, ob hier wirklich die richtigen Täter gefasst wurden.

Man kennt Atom Egoyans Erzählweise bereits aus seinen anderen Filmen und auch hier folgt er wieder seinen Prinzipien des verschachtelten, mitunter sprunghaften, nicht chronologischen und multiperspektivischen Erzählens und mischt verschiedene Aspekte und Blickwinkel auf die Geschichte zusammen. Allerdings wirken die Einzelbestandteile im Endergebnis recht unverbunden und leblos und wollen sich nicht so recht zu einem gelungenen Ganzen zusammenfügen: Die Mixtur aus Gerichtsdrama, Krimi und Tragödie erinnert so sehr an Egoyans andere Filme, bei denen es ebenfalls oft um Verbrechen oder Todesfälle von Kindern, deren Auswirkungen auf die Eltern und das soziale Umfeld und die Frage nach der Verantwortung und Schuld geht, dass die realen Grundlagen des Falls, seine konkrete Verankerung in der Zeit- und Rechtsgeschichte sichtlich in den Hintergrund treten. Auch die durchaus prominente Besetzung mit Colin Firth und Reese Witherspoon agiert deutlich unter ihren Möglichkeiten und lässt die ganzen behaupteten Gefühle zu beinahe keinem Zeitpunkt glaubwürdig und nachvollziehbar erscheinen.

So wird Devil's Knot zu einem Lehrstück über die Notwendigkeit, die filmischen und erzählerischen Mittel (oder wenn man so will die eigenen Eitelkeiten) bisweilen dem Stoff und dessen (hier nicht klar erkennbarer) Intention anzupassen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass Atom Egoyan trotz der Anlehnung an den realen Fall der "West Memphis Three" im Grunde wieder einen für ihn typischen Film gemacht hat, den man nahezu mit geschlossenen Augen wiedererkennen würde. Zugleich aber bleibt Devil's Knot blind für eigene Fehler und dramaturgische wie ästhetische Holprigkeiten, die die Aussage des Filmes bis zur Unkenntlichkeit verwässern. Weder überzeugt Devil's Knot als Crime-Mystery noch als Gerichtsdrama noch als Film über die psychischen Folgen eines schrecklichen Verbrechens oder gar als filmisches Pamphlet gegen Vorurteile und Vorverurteilungen.

Man kann es aber auch drastischer ausdrücken: Als Regisseur bewegt sich Egoyan immer noch auf den gleichen, mittlerweile aber reichlich ausgetretenen Pfaden, die er seit rund 25 Jahren filmisch durchschreitet – er tritt auf der Stelle und hat sich keinen Deut weiterentwickelt, während die Welt des Kinos um ihn herum eine andere geworden ist. Das ist beinahe schon ein wenig tragisch – und ehrlich gesagt auch recht langweilig. Auch sein neuester Film Captives hinterließ einen ganz ähnlichen negativen Eindruck und so bleibt am Ende der Eindruck bestehen, dass Egoyan die Erwartungen nicht erfüllt hat, die er in den 1990er Jahren als eines der großen Regietalente weckte. Vielleicht muss man im Lichte seiner späteren Entwicklung seine früheren Filme noch einmal einer Sichtung und eventuell einer Neubeurteilung unterziehen. Jedenfalls ist der Weg, den Egoyan in den letzten Jahren eingeschlagen hat, kein guter...

(Joachim Kurz)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2014
Länge: 109 (Min.)
Erschienen bei: Senator / Universum Film
Bildformat: 2,40:1 - anamorph
Ton/Sprache: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
DVD-Start: 12.12.2014
Extras: keine

Cast & Crew

Regie: Atom Egoyan
Drehbuch: Scott Derrickson, Paul Harris Boardman, Mara Leveritt
Kamera: Paul Sarossy
Schnitt: Susan Shipton
Musik: Mychael Danna
Hauptdarsteller: Colin Firth, Reese Witherspoon, Bruce Greenwood, Elias Koteas, Amy Ryan, Kevin Durand, Stephen Moyer, Dane DeHaan, Mireille Enos, Matt Letscher

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