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An American Crime

Meinungen
1

4.2 Sterne aus 6 Bewertungen

DVD-Start: 16.05.2008
FSK: 16

Wegschauen ist die Devise

Ein schreckliches Verbrechen liegt diesem harten Stück Zelluloid zu Grunde. Regisseur und Co-Autor Tommy O'Haver gelingt das Kunststück nicht zu voyeuristisch zu sein und das Grauen und Entsetzen dem Vorstellungsvermögen des Zuschauers zu überlassen. Gerade aktuelle Fälle von Kindesmisshandlung in Deutschland, Österreich und der Schweiz geben An American Crime zusätzliche Durchschlagskraft, belegen sie doch, dass das gezeigte Grauen nicht so weit weg ist, wie man zu hoffen wagt.

Illinois, 1965: Die 16jährige Sylvia (eine grandiose Ellen Page, Juno) und ihre Schwester Jennifer (Hayley McFarland) reisen mit ihren Eltern von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Um flexibler zu sein und etwas mehr Zeit für sich zu haben, werden die zwei Mädchen zu Gertrude (Cathrine Keener) gegeben, die die beiden für 20 Dollar die Woche mit durchfüttert. Die alleinerziehende Mutter von sieben Kindern macht auch zunächst einen liebevollen und bemühten Eindruck, doch schon als der erste Scheck der Eltern ein paar Tage auf sich warten lässt, setzt es Prügel und Demütigungen. Es dauert nicht lange und durch Gerüchte, falsche Scham und Missverständnisse wird hilfloser Hass. Gertrude sperrt die gar nicht mal vorlaute, sondern nur ehrliche Sylvia in den Keller, redet sich in einen Wahn, in dem sie die Herrscherin über ihr kleines Reich ist. Erst sind es noch die Gertrudes Kinder, die Sylvia mit glimmenden Zigaretten, Tritten und Demütigungen quälen – sie scheinen es gar nicht besser zu wissen, tun es einfach. Dann kommen auch die Kinder aus der Nachbarschaft und Klassenkameraden hinzu und machen das Leben des hilflosen Mädchens buchstäblich zur Hölle. Und die Nachbarn, die Sylvias Schreie hören, sehen einfach weg. "Das geht uns nichts an", ist der traurige Tenor.

An American Crime ist harter Stoff. Nur langsam schleicht sich das Grauen in die vermeintliche Idylle einer Großfamilie. Bis der überforderten und ketterauchenden Mutter die Zügel aus der Hand genommen werden und das Leid im Keller zum Selbstläufer wird. Phantastische Darsteller bis in die letzten Reihen, der nicht annährend reißerische sondern nüchterne Erzählstil und die subtile Kamera lassen den Zuschauer fassungslos zurück. Sicherlich keine leichte Unterhaltung und an manchen Ecken und Enden nicht konsequent zu Ende gezeigt, aber ein wichtiger Film, der zum Nachdenken anregt.

(Renatus Töpke)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
Länge: 94 (Min.)
Erschienen bei: Capelight Pictures
Bildformat: 16:9
Ton/Sprache: Dolby Digital DTS 5.1, DD 5.1, Eng.
DVD-Start: 16.05.2008
Extras: Trailer

Cast & Crew

Regie: Tommy O'Haver
Hauptdarsteller: James Franco, Catherine Keener, Ellen Page, Michael O'Keefe, Nick Searcy

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Zum Heulen... am: 29.08.10
Ich habe diesen Film zufällig in einem DVD-Laden gesehen. Als ich den Text hinten las, wusste ich: "Ich muss ihn sehen..." Und im Nachhinein denke ich mir: "Hättst Du ihn lieber nicht gesehen..." Nicht, weil ich schlecht ist - um Gottes Willen - nein, weil er einen zu tiefst berührt. Ich musste an mehreren Stellen anfangen zu Heulen. Und das schafft definitiv nicht jeder Film. Ich weiß ehrlich gesagt garnicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht beginne ich mit Generellem. Der Film verzichtet auf krasse Gewaltdarstellung, wie man sie z. B. in SAW oder Hostel kennt. Und das zurecht! Es ist keine leichte Kost. Es reichen schon die Andeutungen, die gemacht werden, etwa eine sich näherende Zigarette auf den Arm der hilflosen Sylvia Likens. Die Schauspieler bieten eine TOP Leistung. Zu dem Fall Sylvia Likens. Ich hatte davor noch nie etwas davon gehört. Sehr schade eigentlich. Vielleicht liegt es auch daran, dass es der Film nie in die Kinos geschafft hat, was ich, nebenbei, garnicht verstehen kann. Auf jeden Fall wird schnell klar, wohin der Hase läuft... Sylvia gerät in einen Teufelskreis, aus dem sie lebend nicht mehr herauskommt. Und alles nur wegen Intrigen, Lügen und einer sichtlich überforderten alleinerziehenden Mutter. Sie lässt ihren Hass NUR an Sylvia aus. Und nicht nur sie. Die gesamte Nachbarschaft - und das muss man sich mal vorstellen - kommt vorbei, "um ein bisschen Spass zu haben". Die Frage nach dem "Warum? Wieso?" ist auch eine Interesannte. Im Gerichtssaal sieht man versteinerte Gesichter nach und nach "Ich weiß es nicht." sagen. Leider greift der Film weitere Fakten nicht auf. Z. B. Gertrud, so heißt die "Pflegemutter", schafft es sogar, die Polizei abzuwimmeln, als diese eines Tages vor der Tür steht. Ist es denn zu glauben? Eine weitere Szene fehlt zum Glück. Das hätte ich einfach nicht gepackt. Gertrud verbrennt Sylvia´s Klitoris mit einem Bunsenbrenner. Die Folge: Inkontinenz -> Gertrud verweigert Sylvia den Stuhlgang. Sie müsse lernen nicht ins Bett zu machen. Ich könnte einen Roman schreiben... Es ist einfach nicht zu glauben. Und als Nachbarn die Todesschreie von Sylvia hören, die gerade eine Cola-Flasche vaginal eingeführt bekommen hat, hören, schauen sie gekonnt weg. "Wir mischen uns da lieber nicht ein." Ich wäre am Liebsten in den Film gesprungen, um Sylvia irgendwie da heraus zu holen. Am Ende vermittelt der Film die vermeindliche Flucht von Sylvia aus der Hölle. Das Wunder scheint geschafft... Sie beschließt zurück zu fahren, um ihre Schwester noch herauszuholen. Sie hört bereits Schreie von den Kindern von Gertrud. "Mama, sie atmet nicht mehr." Ob es ihre Schwester ist, die nicht mehr atmet? Als sie sich der Person, die am Boden liegt, nähert, muss sie sich ihrem Schicksal stellen. Es ist einfach nur zum Heulen. Und Sylvia Likens setzt am Ende sogar noch einen drauf. Der Film endet mit ihren Worten: "Ich bin wieder auf meinem Rummel zurückgekehrt, da, wo ich mich sicher fühle. Reverend Bill hat immer gesagt, egal was Gott vor hat, er verfolgt stets einen Plan. Ich versuche immer noch herauszufinden, was sein Plan war."

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