Accattone - DVD - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
Zurück zur Übersicht

Accattone

Meinungen
0

4.5 Sterne aus 2 Bewertungen

DVD-Start: 29.01.2007
FSK: 16

Wer nie sein Brot mit Tränen ass

"Entweder geh' ich an der Welt kaputt, oder die verdammte Welt an mir ...", prophezeite Pier Paolo Pasolini einmal: Und so war es dann auch in Accattone, dieser Paraphrase auf die Passion Christi. Schon in seinem Debütfilm spiegelt sich eindrucksvoll Pasolinis Verbundenheit mit den Armen und die Spannung zwischen einem unorthodoxen Marxismus und christlichen Einflüssen wieder. Sein Freund Fellini glaubte allerdings nicht an das filmische Talent Pasolinis: Er soll sich einstens geweigert haben, Accattone zu produzieren….

Als Pasolini (1922 - 1975) diesen, seinen ersten großen Film drehte – stand ihm Meisterfilmer Bernardo Bertolucci als "Hilfsregisseur" zur Seite. Keine Frage, Accattone ist ein bestürzendes neorealistisches Sozialdrama, im Subproletariat einer desolaten Trabantenstadt von Rom angesiedelt. Die Filmtragödie wirkt besonders authentisch, weil sie mit Laiendarstellern besetzt ist. Pier Paolo Pasolini entschied sich bewusst für die tonale Unterstützung seines auch unter Kritikern kontrovers debattierten Films mit der schweren Musik von Johann Sebastian Bach. Wollte er doch dieses Gesellschafts-Soziogramm ebenso als Passionsgeschichte verstanden wissen.

Der junge Vittorio (Franco Citti) wird von allen nur "Accattone" genannt, was soviel wie "Bettler" oder "Schmarotzer" heißt. In den armseligen Vororten Roms aufgewachsen, hat Accattone noch nie richtig gearbeitet. Er gehört zum Proletariat der italienischen Hauptstadt. Getrennt von Frau und Kind darbt er mit der Bordsteinschwalbe Maddalena (Silvana Corsini), die für ihn anschaffen geht und so für den spärlichen Lebensunterhalt der beiden aufkommt. Doch als Maddalena nach einer Auseinandersetzung mit einer neapolitanischen Bande ins Gefängnis marschiert, ist der sonst so selbstsichere und rauhbeinige Accattone vollkommen hilflos, zudem seine Ex-Frau es strikt ablehnt, ihm zu helfen. Accattone bestiehlt in seiner Verzweiflung sogar sein eigenes Kind …

Accattone ist unumstritten neben Vittorio de Sicas Fahrraddiebe der neoveristische Kult-Klassiker: Der Film verursachte flugs einen Skandal: Die Altersgrenze wurde auf 18 gesetzt, unzählige italienische Kinos verweigerten seine Aufführung und Kinoblättchen schwiegen ihn tot. Besonders im erzkatholischen Rom zeigte sich massiver Widerstand, und Kinos, die den Film zeigten, wurden von rechten Jugendlichen gestürmt. Nicht nur das in diesem Film aufgezeigte Elend vor den Toren der Metropole, verursachte Verärgerung, sondern auch die sakrale Inszenierung. Der Kinokritiker Sandro Petraglia nannte Accattone gar einen "anarchischen Christus". Erst durch die internationale Anerkennung wurde der Film auch in Italien salonfähig, und 1962 errang er auf dem Internationalen Filmfestival von Karlsbad (damals noch in der Tschechoslowakei) den Preis für die Beste Regie.

Pasolini hat den wohl radikalsten Christusfilm geschaffen: Die in seinen Gedichten und Filmen immer wieder auftauchende Beschwörung des leidenden und kampfbereiten Christus besitzt Autobiographisches: Die Andersartigkeit, die Maßlosigkeit, die Sanftmut im Herzen, aber nie die geistige Milde. Maestro Pasolinis lakonischer Kommentar dazu: "Eine Tragödie ohne Hoffnung, weil ich mir wünsche, dass es wenige Zuschauer geben wird, die im Kreuzeszeichen, mit dem der Film schließt, eine Bedeutung von Hoffnung sehen werden."

(Jean Lüdeke)

Daten & Fakten

Produktionsland: Italien
Produktionsjahr: 1961
Länge: 115 (Min.)
Erschienen bei: Filmgalerie 451
Bildformat: 4:3
Ton/Sprache: Dolby Digital 2.0, Deutsch
DVD-Start: 29.01.2007
Extras: Trailer

Cast & Crew

Regie: Pier Paolo Pasolini
Hauptdarsteller: Adriana Asti, Franco Citti, Silvana Corsini, Franca Pasut, Paola Guidi

MEINUNGEN

Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Filmfest München
  • Festival Scope