Wort und Fleisch. Kino zwischen Text und Körper

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Perspektiven des Begreifens

Kino: das ist die somatische Wucht, die unsere Körper affektiv ergreift, wenn die auslösenden Impulse der Bilder den Zuschauer in Beschlag nehmen. Gleichzeitig beginnt die Geschichte des Kinos mit dem Text: der Texttafel, dem Vorspann, dem grundierenden Drehbuch.

Der "linguistic turn" der sechziger Jahre liess auch die Beschäftigung mit Film nicht unberührt. So war es bis in die neunziger Jahre üblich, Filme textuell zu begreifen und sich ihnen darob lesend zu nähern (dass dies in den Schulen in der nächsten Zeit wohl so bleiben wird, scheint – leider – auf der Hand zu liegen). Im Fahrwasser von Psychonanalyse, Semiotik und Strukturalismus geriet das Somatische wieder in den Blickwinkel: Körperrepräsentationen, Rezeptionsbedingungen, das Verhältnis von Körper und Gender liefen der textuellen Auseinandersetzung den Rang ab.

Der vorliegende Tagungsband versucht nun beide Perspektiven zu vereinen und versucht zu ergründen, wie Text und Körper fürderhin zusammen gedacht werden können. Die Beiträge glänzen durch Vielfalt, was einerseits willkürlich erscheinen mag, andererseits aber eben anschaulich die thematische Bandbreite dokumentiert. Von der Ästhetik des Schocks am Beispiel von „Audition“ bis zu den Ritualen des zeitgenössischen Vampirismus, von Roland Barthes Semiologie des Kinos bis zu Figurationen des Stillstands im Werk Rainer Werner Fassbinders wird diesem Vermittlungsansinnen der enstprechende Raum geboten. Einen kleinen Höhepunkt (wie sollte es anders sein) stellt Klaus Theweleits Text zum "dritten Körper" als "Schwingungsobjekt zwischen Mensch und technischen Medien" dar, in dem der Autor, essayistisch einfach brillant, ausgehend von den Filmen Melies und dessen Versuchen der Affekterzeugung, die Funktionen des im Bild eingeschriebenen Unbewussten nicht eben nur nachzeichnet, sondern sich zugleich fragt, wie Melies dies Unbewusste in seinem Kino der Attraktionen zu filmen versucht.

Der Band wirft ein Schlaglicht auf die aktuelle Forschungsvielfalt (obwohl sich Thomas Morschs Beitrag zu "Audition" auch bestens als thematische Einführung lesen lässt). Insofern gibt es stets etwas zu bekritteln: die Abwesenheit des body horrors eines David Cronenbergs (zu dem im selben Verlag ohnehin eine Monographie angekündigt wurde) oder Shinya Tsukamotos, des Splatter- oder pornographischen Films (der mittlerweile ohnehin seinen eigenen Forschungszweig hervorgebracht hat). Dass die Bandbreite faszinieren als auch gelegentlich langweilen mag, liegt in der Natur der Sache und sollte nicht davon abhalten, den Versuchen dem "linguistic turn" mit einer performativen Wende zu begegnen, beizuwohnen. Zudem die spannenden Erkenntnisse um eine englischsprachige Fassung und Filmausschnitten auf CD-Rom ergänzt wird.

(Sven Jachmann)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Wort und Fleisch. Kino zwischen Text und Körper
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsdatum: 2008
Seiten: 158
Verlag: Bertz + Fischer
ISBN: 978-3-86505-182-0

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