Vom Gehen im Eis - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
Zurück zur Übersicht

Vom Gehen im Eis

Meinungen
0

Noch nicht genügend Bewertungen

Weitere Inhalte

Von der herzoglichen Rettung der Eisnerin

"Die Eisnerin darf nicht sterben, sie wird nicht sterben, ich erlaube das nicht. Sie wird nicht sterben, sie wird nicht. Nicht jetzt, das darf sie nicht. Nein, jetzt stirbt sie nicht, weil sie nicht stirbt. Meine Schritte gehen fest. Und jetzt zittert die Erde. Wenn ich gehe, geht ein Bison. Wenn ich raste, ruht ein Berg. Wehe! Sie darf nicht. Sie wird nicht. Wenn ich in Paris bin, lebt sie. Es wird nicht anders sein, weil es nicht darf. Sie darf nicht sterben. Später vielleicht, wenn wir es erlauben."

Im November 1974 erhielt Werner Herzog einen Anruf, in dem ihm mitgeteilt wurde, Lotte Eisner, die Filmhistorikerin von der Cinémathèque française, die Autorin von Die dämonische Leinwand, die Fürsprecherin des Neuen Deutschen Films, sei schwer erkrankt und werde wahrscheinlich sterben. Von München aus machte er sich auf den "geradesten Weg nach Paris, in dem sicheren Glauben, sie werde am Leben bleiben, wenn ich zu Fuß käme."

In einem Krankenhaus besucht er Herbert Achternbusch, der sich das Bein gebrochen hat, als er aus einem fahrenden Auto sprang, dann verlässt Herzog München. Er überquert den Lech und die Schwäbische Alb, durchquert den Schwarzwald und setzt über den Rhein. In Frankreich durchwandert er das Elsaß, setzt über die Marne und die Aube, erreicht Troyes und schließlich Paris.

Vom 23. November bis zum 14. Dezember 1974 läuft und läuft er. In Vom Gehen im Eis, seiner Beschreibung dieser Schlechtwetterwanderung, stößt man immer wieder auf Züge einer Besessenheit, wie sie in Fitzcarraldo dargestellt wird oder auf größenwahnsinnige Züge wie in Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes.

Herzog gibt nicht auf. Auch wenn es regnet und friert oder "Schneetreiben, Blitz, Donner und Sturm, alles auf einmal" kommt. Es ist "so eisig kalt, dass ich es nicht sagen kann", schreibt er schon am zweiten Tag. Wenn seine Beine "kaputt und steif" vor Kälte sind, behilft er sich mit Franzbranntwein gegen die Schmerzen und mit Pflastern gegen die Blasen an den Füßen. Er schläft in Gasthöfen und Scheunen, in Ferienhäusern und anderen Unterkünften, die er aufbricht. Krähen, Bussarde und Hunde sind auf verschiedenen Abschnitten des Wegs seine Begleiter. Wenn er Menschen begegnet, kontrolliert er manchmal im Spiegel, ob er selbst überhaupt noch wie ein Mensch aussieht. In Wirtshäusern, Dörfern und auf Äckern beobachtet er Stammtischbrüder, Kinder und Bauern. Bisweilen bleiben seine Gedanken an einzelnen Begriffen hängen und bisweilen schweifen sie ab in kurze phantastische Geschichten, in Träume oder Erinnerungen. So ist Vom Gehen im Eis ein unverzichtbarer Schlüssel zu Werner Herzogs Persönlichkeit wie zu seinen Filmen.

Die Originalausgabe von des Buches erschien 1978. Fast dreißig Jahre später, 2007, kam das Tage- als Hörbuch auf den Markt, eingelesen vom Autor selbst. Jetzt ist im Fischer Taschenbuch Verlag eine neue Ausgabe des lange vergriffenen, dünnen, aber faszinierenden Buches erschienen.

(Stefan Otto)

Daten & Fakten

Titel: Vom Gehen im Eis
Autor: Werner Herzog
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Erscheinungsdatum: 2009
Seiten: 111
Verlag: Fischer Taschenbuch
ISBN: 3596183472

MEINUNGEN

Ihre Meinung zu diesem Buch (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Filmfest München
  • Festival Scope