Jesus, Lenin, Tarantino
Am Dönerstand unter der U-Bahnbrücke Eberswalder, also ungefähr da, wo auch der Defa-Klassiker Berlin - Ecke Schönhauser ... spielt, feiert Rommel Geburtstag. Er "stand an einem Tisch, zu seinen Füßen mit den dürren Krokodilspitzen sein gigantischer Rucksack. Über uns dröhnte die U-Bahn, Massen von Fahrgästen, von ihrem Hundeleben aus den Waggons getrieben, ergossen sich über die Eisentreppe auf das feuchte, vom kürzlichen Regen glänzende Trottoir." Rommel erzählt, wie er, bis seine Oma dahinterkam, mit Waffenschmuggel sein erstes Geld verdient hat. Während sie feiern, trinken und Döner essen, kommen "ein paar Kerle" und klauen das Inventar der Türken-Bude: Lichter, das Firmenschild, einen Tisch. "Bei uns in Wladiwostok", erzählt Rommel, "herrscht Sexismus. (...) Wenn ein Mädchen dir gefällt, greif zu, solange es nicht zu spät ist, ohne jede Verpflichtung. Sie läuft selber am nächsten Morgen wieder davon. Aber wenn du nicht mit ihr ins Bett gehst, dann rückt dir am nächsten Tag der ganze Clan auf die Pelle. Also ihr Papa oder ihr Bruder. Ich sag dir, euer Tarantino ist gar nichts dagegen, den kannst du vergessen." In seinem Rucksack trägt Rommel die Urne mit der Asche seiner Mutter mit sich herum. "Ich kann mich nicht von ihr trennen. Nachts stell ich die Urne neben mein Bett." Rommel prügelt einen Schutzgelderpresser aus dem Dönerladen und kommentiert wieder: "Na, da kannst du Tarantino vergessen, oder?" Das Geburtstagskind und seine Gäste bemerken gar nicht, wie der Rucksack mit der Urne verschwindet. Als sie es mitkriegen, ist es zu spät.
Dies ist, kurz nacherzählt, die Titelgeschichte von Julia Kissinas Erzählband Vergiss Tarantino. Sechzehn Erzählungen umfasst er insgesamt, sechzehn Kurzgeschichten, die bevölkert sind von Russen, Studenten, abgedrehten Typen und von all denen in den großen deutschen Städten, die nicht in teuren Villen wohnen und keine dicken Autos fahren. Mit einem ungewöhnlichen, unverstellten Blick auf unser fremd-vertrautes Land, mit skurrilem Humor, scharfer Beobachtungsgabe und einem Gespür für besondere Situationen erzählt Kissina, 1966 in Kiew geboren, kaminereske und auch ein bisschen tarantinoeske Stories von Lenins Mumie, die in der Tiefkühltruhe eines Supermarkts wieder lebendig wird, von einem Transvestiten mit vier Kindern, von einem Penner in der Philharmonie und von anderen Leuten.
(Stefan Otto)
Dies ist, kurz nacherzählt, die Titelgeschichte von Julia Kissinas Erzählband Vergiss Tarantino. Sechzehn Erzählungen umfasst er insgesamt, sechzehn Kurzgeschichten, die bevölkert sind von Russen, Studenten, abgedrehten Typen und von all denen in den großen deutschen Städten, die nicht in teuren Villen wohnen und keine dicken Autos fahren. Mit einem ungewöhnlichen, unverstellten Blick auf unser fremd-vertrautes Land, mit skurrilem Humor, scharfer Beobachtungsgabe und einem Gespür für besondere Situationen erzählt Kissina, 1966 in Kiew geboren, kaminereske und auch ein bisschen tarantinoeske Stories von Lenins Mumie, die in der Tiefkühltruhe eines Supermarkts wieder lebendig wird, von einem Transvestiten mit vier Kindern, von einem Penner in der Philharmonie und von anderen Leuten.
(Stefan Otto)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Vergiss Tarantino
Autor:
Julia Kissina
Erscheinungsort:
Berlin
Erscheinungsdatum:
2005
Seiten:
208
Verlag:
Aufbau-Verlag
ISBN:
3-351-03047-9
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