Das Filmdschungelbuch
"Dream Land". Kein anderer Filmtitel sticht so häufig aus der bunten Pracht hervor. Kein anderer Titel repräsentiert die exotische Bilderwelt besser. Umrahmt wird der Schriftzug von dramatisch blickenden Frauen, finsteren Kerlen, einem Schwertkämpfer, einer Schlägerei und einem fliegenden Palast. Sogar ein Kopfloser passt noch auf das Filmposter. Wie der mag sich mancher Leser beim Blättern durch die faszinierende Bilderwelt fühlen, welche der indische Filmemacher Rajesh Devraj und Edo Bouman, Sammler indischer Film-Ephemeralien, in The Art of Bollywood vorstellen. Auf fast 200 Seiten versammelt der von Paul Duncan herausgegebene Bildband des Taschen Verlags in einzigartigem Umfang Zeugnisse der Poster- und Zeichenkunst des indischen Kinos.
In dem Begriff Bollywood verschmelzen die Worte Bombay, der ehemalige Name von Indiens reichster, mit rund 14 Millionen Einwohner am dichtesten besiedelter Stadt Mumbai, und Hollywood. Der schillernde Name, oft fälschlich als Synonym für das gesamtindische Kino verwendet, erweckt eine Welt üppiger Farben, eingängiger Pop-Musik und Romantik, in der das Happy End obligatorisch ist. Bollywood ist reine Oberfläche, so scheint es. Bouman und Devraj vermittelen in The Art of Bollywood eine Ahnung von der Vielfältigkeit jener Welt mit einer Sammlung der Objekte, welche sie am stärksten verkörpern, den Filmpostern und Werbebildern Bollywoods. Sie sind stumme, in ihrer sprühenden Aussagekraft dennoch beredte Weggefährten des indischen Kinos, vom 1913 entstandenen ersten Spielfilm bis in die Neunziger, zwei Jahrzehnte, nachdem Bollywood Hollywood in der Anzahl produzierter Filme überrundet hatte. Angesichts des enormen Produktionsumfangs scheint es schier unglaublich, dass Indiens Filmbranche erst 1998 zur eigenständigen Industrie erklärt wurde.
So facettenreich und unübersichtlich wie die Bildwerke ist mitunter auch der Text des Buches. Fakten, Anekdoten und inhaltliche Exkursionen vermischen sich zu einem schillernden Reigen, der geschmückt von den Plakaten selbst wie ein Bollywood-Film anmutet: farbenfroh, romantisierend und nicht immer logisch. Auf Seite 10 ist von dubiosen Finanziers die Rede, die Filmproduktionen zur Geldwäsche nutzen, auf Seite 41 hingegen von einem geregelten Studio-System nach dem Vorbild Hollywoods. Den Transparent-Malern, wie sie ein Foto auf Seite 12 in Mumbai zeigt, wird einmal große künstlerische und interpretative Freiheit zugesprochen, dann wiederum ist von vorgabengetreuer Werkstattarbeit die Rede. The Art of Bollywood bietet keinen sachlichen Überblick, sondern Einblicke in Indiens Filmkultur: Filmdrehs mussten wiederholt eingestellt werden oder zogen sich über Jahre hin. Verbindliche Drehbücher sind so ungewöhnlich, dass sie noch heute als "vorherbestimmte Scripts" von losen Handlungskonzepten unterschieden werden. Zum Hit machte einen Film die Musik, die seit dem ersten Tonfilm Alam Ara 1931 aus Indiens Kino nicht wegzudenken ist. So wurde 1941 Khazanchi zum Erfolg, nachdem spätere Plakate die Songs in den Mittelpunkt stellten. Ein Beispiel für den maßgeblichen Einfluss der Reklamebilder auf den Filmerfolg. Mehrere Seiten widmet das Autoren-Duo Plattenhüllen, Broschüren und dem künstlerischen Facettenreichtum jenseits der Plakat-Industrie. "Filmi"-Alben, deren Texthefte ebenfalls von Posterkünstlern gestaltet wurden, waren lange die einzige gängige indische Pop-Musik. "Private" Alben werden heute nicht-filmische Pop-Produktionen genannt, was den Stellenwert des Kinos im öffentlichen Leben verrät. Kino ist allgegenwärtig, nicht nur auf den im Straßenbild omnipräsenten Werbetafeln, deren Größe die Stadtverwaltungen schließlich auf 15 Meter beschränkte. Sogar Heiligenfiguren können die Züge von Filmstars haben, denn wie Werbezeichner lassen sich Ikonen-Künstler von Filmplakaten inspirieren. So kann eine Bollywood-Diva zur Film-Göttin werden oder ein Actionfilmstar hält auf einer Straßenreklame statt eines Dolchs eine Eistüte in der Hand.
Der unübersehbare Einfluss westlicher Poster findet hingegen kaum Erwähnung. Eine dämonische Hand hebt sich auf Seite 180 über einem Friedhof mit (christlichen) Kreuzen, das nebenstehende Poster scheint eine Kopie von dem zu The Abominable Dr. Phibes, die Komposition auf der gegenüberliegenden Seite erinnert an das Bullworth- Filmposter. Saul Bass, Bob Peak, Zdenek Ziegler - wie wichtig waren westliche Plakatkünstler für die Kreateure des "Bollywood-Image"? Wie stark war die Inspiration umgekehrt? Die Künstler selbst bleiben im Schatten. "Bollywoods Plakatkünstler waren ganz und gar nicht anonym, wie es manche Beschreibungen indischer Filmplakate glauben machen.", behauptet das Vorwort. Ein Beispiel für "manche Beschreibungen" sind die vorherigen Seite, wo es heißt, fast nichts sei über die Zeichner bekannt. Solche inhaltlichen Ungenauigkeiten finden sich öfter in den fünfzig Büchern, die Paul Duncan im Taschen-Verlag herausgegeben hat, ebenso wie eine Affinität zum Mainstream.
So eröffnet The Art of Bollywood eine Welt visueller Pracht, deren Codes und Symbole ein Mysterium bleiben. In dieser faszinierenden Exotik, welche seit Stummfilmen wie Das indische Grabmal zum westlichen Kino-Klischee wurde, liegt für viele hiesige Fans der Reiz Bollywoods. Zwei Plakate stehen wie Fremdkörper in der grellen Bildwelt. Party, entworfen von Cartoonist und Drehbuchautor Manjula Padmanabhan, und der in Hindi gedrehte Film Parama, auf dessen Poster der Titelschriftzug einer Frauengestalt den Mund verschließt. Fast symbolisch scheint die Bildwahl. Die alternative Facette des indischen Kinos muss Schweigen. Doch ihr Blick fesselt länger als die unzähligen Lächeln der Schönheiten in bunten Saris. Für eine Zeit bezaubert die prachtvolle Bollywood-Welt. Dann lockt jenes unbekannte cineastische Indien, weit weg vom "Dream Land".
(Lida Bach)
In dem Begriff Bollywood verschmelzen die Worte Bombay, der ehemalige Name von Indiens reichster, mit rund 14 Millionen Einwohner am dichtesten besiedelter Stadt Mumbai, und Hollywood. Der schillernde Name, oft fälschlich als Synonym für das gesamtindische Kino verwendet, erweckt eine Welt üppiger Farben, eingängiger Pop-Musik und Romantik, in der das Happy End obligatorisch ist. Bollywood ist reine Oberfläche, so scheint es. Bouman und Devraj vermittelen in The Art of Bollywood eine Ahnung von der Vielfältigkeit jener Welt mit einer Sammlung der Objekte, welche sie am stärksten verkörpern, den Filmpostern und Werbebildern Bollywoods. Sie sind stumme, in ihrer sprühenden Aussagekraft dennoch beredte Weggefährten des indischen Kinos, vom 1913 entstandenen ersten Spielfilm bis in die Neunziger, zwei Jahrzehnte, nachdem Bollywood Hollywood in der Anzahl produzierter Filme überrundet hatte. Angesichts des enormen Produktionsumfangs scheint es schier unglaublich, dass Indiens Filmbranche erst 1998 zur eigenständigen Industrie erklärt wurde.
So facettenreich und unübersichtlich wie die Bildwerke ist mitunter auch der Text des Buches. Fakten, Anekdoten und inhaltliche Exkursionen vermischen sich zu einem schillernden Reigen, der geschmückt von den Plakaten selbst wie ein Bollywood-Film anmutet: farbenfroh, romantisierend und nicht immer logisch. Auf Seite 10 ist von dubiosen Finanziers die Rede, die Filmproduktionen zur Geldwäsche nutzen, auf Seite 41 hingegen von einem geregelten Studio-System nach dem Vorbild Hollywoods. Den Transparent-Malern, wie sie ein Foto auf Seite 12 in Mumbai zeigt, wird einmal große künstlerische und interpretative Freiheit zugesprochen, dann wiederum ist von vorgabengetreuer Werkstattarbeit die Rede. The Art of Bollywood bietet keinen sachlichen Überblick, sondern Einblicke in Indiens Filmkultur: Filmdrehs mussten wiederholt eingestellt werden oder zogen sich über Jahre hin. Verbindliche Drehbücher sind so ungewöhnlich, dass sie noch heute als "vorherbestimmte Scripts" von losen Handlungskonzepten unterschieden werden. Zum Hit machte einen Film die Musik, die seit dem ersten Tonfilm Alam Ara 1931 aus Indiens Kino nicht wegzudenken ist. So wurde 1941 Khazanchi zum Erfolg, nachdem spätere Plakate die Songs in den Mittelpunkt stellten. Ein Beispiel für den maßgeblichen Einfluss der Reklamebilder auf den Filmerfolg. Mehrere Seiten widmet das Autoren-Duo Plattenhüllen, Broschüren und dem künstlerischen Facettenreichtum jenseits der Plakat-Industrie. "Filmi"-Alben, deren Texthefte ebenfalls von Posterkünstlern gestaltet wurden, waren lange die einzige gängige indische Pop-Musik. "Private" Alben werden heute nicht-filmische Pop-Produktionen genannt, was den Stellenwert des Kinos im öffentlichen Leben verrät. Kino ist allgegenwärtig, nicht nur auf den im Straßenbild omnipräsenten Werbetafeln, deren Größe die Stadtverwaltungen schließlich auf 15 Meter beschränkte. Sogar Heiligenfiguren können die Züge von Filmstars haben, denn wie Werbezeichner lassen sich Ikonen-Künstler von Filmplakaten inspirieren. So kann eine Bollywood-Diva zur Film-Göttin werden oder ein Actionfilmstar hält auf einer Straßenreklame statt eines Dolchs eine Eistüte in der Hand.
Der unübersehbare Einfluss westlicher Poster findet hingegen kaum Erwähnung. Eine dämonische Hand hebt sich auf Seite 180 über einem Friedhof mit (christlichen) Kreuzen, das nebenstehende Poster scheint eine Kopie von dem zu The Abominable Dr. Phibes, die Komposition auf der gegenüberliegenden Seite erinnert an das Bullworth- Filmposter. Saul Bass, Bob Peak, Zdenek Ziegler - wie wichtig waren westliche Plakatkünstler für die Kreateure des "Bollywood-Image"? Wie stark war die Inspiration umgekehrt? Die Künstler selbst bleiben im Schatten. "Bollywoods Plakatkünstler waren ganz und gar nicht anonym, wie es manche Beschreibungen indischer Filmplakate glauben machen.", behauptet das Vorwort. Ein Beispiel für "manche Beschreibungen" sind die vorherigen Seite, wo es heißt, fast nichts sei über die Zeichner bekannt. Solche inhaltlichen Ungenauigkeiten finden sich öfter in den fünfzig Büchern, die Paul Duncan im Taschen-Verlag herausgegeben hat, ebenso wie eine Affinität zum Mainstream.
So eröffnet The Art of Bollywood eine Welt visueller Pracht, deren Codes und Symbole ein Mysterium bleiben. In dieser faszinierenden Exotik, welche seit Stummfilmen wie Das indische Grabmal zum westlichen Kino-Klischee wurde, liegt für viele hiesige Fans der Reiz Bollywoods. Zwei Plakate stehen wie Fremdkörper in der grellen Bildwelt. Party, entworfen von Cartoonist und Drehbuchautor Manjula Padmanabhan, und der in Hindi gedrehte Film Parama, auf dessen Poster der Titelschriftzug einer Frauengestalt den Mund verschließt. Fast symbolisch scheint die Bildwahl. Die alternative Facette des indischen Kinos muss Schweigen. Doch ihr Blick fesselt länger als die unzähligen Lächeln der Schönheiten in bunten Saris. Für eine Zeit bezaubert die prachtvolle Bollywood-Welt. Dann lockt jenes unbekannte cineastische Indien, weit weg vom "Dream Land".
(Lida Bach)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
The Art of Bollywood
Erscheinungsort:
Köln
Erscheinungsdatum:
2010
Seiten:
192
Verlag:
Taschen
ISBN:
978-3-8228-3716-0
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