Stand der Dinge

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Die vielen Gesichter des deutschen Kinos

Eigentlich war das Projekt anfangs viel kleiner angelegt: Zur Eröffnung des umgebauten Frankfurter Filmmuseums sollte der Fotograf Jim Rakete einige Porträts bekannter Gesichter des deutschen Films beisteuern, die dann ihren Platz im Foyer finden sollten. Doch es kam anders und geriet im Laufe von zwei Jahren zu einer Art fotografischer Bestandsaufnahme des Kinos in Deutschland – insofern ist der Titel Stand der Dinge durchaus programmatisch zu nennen.

100 Aufnahmen deutscher Regisseure, Kameraleute und Schauspieler sind es geworden. Was die Bilder trotz aller Unterschiede eint, ist die Vorgabe, die Rakete den Fotografierten machte: Sie sollten, so seine "Regieanweisung", einen Gegenstand in der Hand oder zumindest mit auf dem Bild haben, der ihnen viel für ihre filmische Arbeit bedeutet, der sie in gewisser Weise charakterisiert. Und so sehen wir Wolfgang Becker mit einer Lenin-Büste, Moritz Bleibtreu mit einer Pistole, bei Caroline Link steht hinten im Unschärfe-Bereich jener Oscar, den sie für Nirgendwo in Afrika erhielt. Auf manchen Bildern muss man ganz schön lange suchen, bis man das Requisit findet, das oft bemerkenswert nebensächlich in die Bildkomposition eingebaut wurde.

Neu im Gegensatz zu der thematisch durchaus ähnlichen Arbeit 1/8 sec. / Vertraute Fremde ist die Rückkehr zum Farbbild und die Abwendung von den Mechanismen der Überhöhung, der aus den Abgebildeten seines vorherigen Buches Leinwandikonen machte. Hier, so hat man den Eindruck, geht es eher darum, in beinahe schon spontan anmutenden Momentaufnahmen der Essenz einer Persönlichkeit nahe zu kommen. Dazu passt auch, dass Rakete für seine Bilder statt der geliebten, aber schwer zu handhabenden Plattenkamera lieber auf eine Digitalkamera zurückgriff, die den Fotografen beweglicher und flexibler macht.

Dass die Bilder dennoch echte Starporträts geworden sind, die bei aller Alltäglichkeit eine gewaltige Portion Glamour versprühen, daran spürt man Raketes ganzes Können und seine Faszination und Nähe zu jenen Menschen, die er vor die Kamera locken konnte.

Insgesamt ist das Projekt so gelungen, dass man geneigt ist, auf eine Fortsetzung zu hoffen. Denn neue Stars und verheißungsvolle Talente gibt es auch in Deutschland zuhauf. Und so wäre es kein Wunder, wenn ein ähnlich angelegtes Buch in fünf oder zehn Jahren neben den vertrauten auch neue und bis vor kurzem gänzlich unbekannte Gesichter des deutschen Films zeigen würde.

Die Ausstellung mit den Bildern Raketes ist übrigens noch bis zum 5. Februar 2012 im neu eröffneten Frankfurter Filmmuseum zu sehen. Nicht allein deshalb lohnt ein Ausflug in die Main-Metropole zum dortigen Museumsufer. Sondern auch deshalb, weil man dort das Gesicht und die Gesichter des deutschen Films bewundern kann. Wenn man Jim Raketes Porträts gesehen hat, drängt sich einem förmlich der Eindruck auf, dass der deutsche Film vielleicht doch besser ist als sein Ruf. Und wer sich bereits Gedanken über ein Weihnachtsgeschenk für einen Fan des einheimischen Kinos macht, der sollte diesen prachtvollen Bildband ernsthaft in Erwägung ziehen.

(Joachim Kurz)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Stand der Dinge
Autor: Jim Rakete
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2011
Seiten: 208
Verlag: Schirmer / Mosel
ISBN: 978-3-8296-0533-5

Cover

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