Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute

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Was darf (Kino)Kunst?

"Wie schützen wir die Kinder vor den schädlichen Einflüssen der Theater lebender Photographie?", fragte 1907 eine Kommission des Hamburger Lehrervereins. Damals galt die Kinematographie insgesamt als skandalös, doch schon bald rückten einzelne Filme in den Mittelpunkt der Diskussionen. Dabei ist es vor allem die alte Frage "Was darf Kunst?", die an den Skandalfilmen der letzten Jahrzehnte verhandelt wurde. Denn eines haben die Filme, die der Filmwissenschaftler Stefan Volk in seinem Buch Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute vorstellt, gemeinsam: Sie überschritten die zeitgenössischen Grenzen des Zeigbaren und entfachten deshalb eines Skandal.

Dabei bringt Stefan Volk das Skandalpotential eines Films auf eine einfache Formel: Je höher der soziale Status und Kunstwert des Films und je bekannter die Mitwirkenden, desto größer der Skandal. Die Wahrnehmung des Skandalösen hängt indes mit den jeweilig vorherrschenden Normen und Moralvorstellungen zusammen. Sorgte beispielsweise 1951 Die Sünderin noch für einen Skandal, weil der Film angeblich Prostitution und Sterbehilfe gutheiße, erregte 55 Jahre später die im Tal der Wölfe – Irak propagierte Weltanschauung die Gemüter. Darin drückt sich eine veränderte Rezeptionshaltung innerhalb einer Gesellschaft aus, in der Sexualität mittlerweile weit weniger anstößig empfunden wird als der Verstoß gegen weltanschauliche Prinzipien.

In seinem Buch Skandalfilme beleuchtet Stefan Volk die Geschichte der cineastischen Aufreger von den Anfängen des Kinos bis ins Jahr 2006. In den chronologisch gegliederten Kapiteln vermittelt er in einer kurzen Einleitung einen guten Überblick über die gesellschaftlichen und filmpolitischen Bedingungen der Rezeption, anschließend stellt er ausgewählte Filme detailliert vor und versammelt eine Vielzahl zeitgenössischer Urteile zu den Skandalfilmen. Diese Verbindung aus gesellschaftspolitischen Entwicklungen, zu denen auch die Geschichte der Freiwilligen Selbstkontrolle und Zensur in Deutschland gehört, und den Analysen der Skandalfilme lässt das Buch fast zu einer Abhandlung über die soziologischen und sittengeschichtlichen Bedingungen der Filmrezeption werden. Dabei wird eindrucksvoll deutlich, wie sehr das Erregungspotential eines Films von den spezifischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängt – und dass der Verstoß gegen eine Konvention nicht ausreicht, um einen Skandal zu entfachen.

Skandalfilme wird es nach Meinung von Stefan Volk auch zukünftig geben, allerdings hat er in den letzten Jahren eine "Individualisierung des Skandals" bemerkt: Die Skandale finden nicht mehr auf Leinwand, sondern in dem Privatleben von Schauspielern und Regisseuren statt. Dieser These nachzugehen, wäre eine weitere lohnenswerte Aufgabe. Mit diesem Buch aber hat Stefan Volk vorerst ein lesenswertes Nachschlagewerk zu Skandalfilmen in Deutschland geschrieben.

(Sonja Hartl)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute
Autor: Stefan Volk
Erscheinungsort: Marburg
Erscheinungsdatum: 2011
Seiten: 320
Verlag: Schüren
ISBN: 9783894725624

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