Göttin, Dirne und Weib
"Den einen", erläutert der Autor Jörn E. Runge, war "sie die Duse der Grazie und Tanzkunst, Schönheitsprophetin und Tanzreformatorin, anderen ein schamloses Frauenzimmer, ein Ärgernis, ein Skandal." Die Berlinerin Olga Desmond, eigentlich Olga Antonie Sellin (1890-1964), war Aktmodell und bildete sich autodidaktisch zur Solotänzerin. "Ich kann von mir sagen", erklärte sie selbst in einem Interview, "dass ich kein System befolge und auch nicht im Banne irgend einer bestimmten Tanzschule, irgend einer besonderen Richtung der Tanzkunst stehe."
Sie wurde gerne als Nachfolgerin der Amerikanerin Isadora Duncan gesehen, die "im kurzen Griechenkittel und mit nackten Beinen" auch in Berlin auftrat. "Die schöne Olga Desmond", wird Zirkusdirektorin Paula Busch zitiert, "ging oder tanzte noch einen Schritt weiter, denn sie trug keinen Griechenkittel mehr ... Sie ist die Schöpferin des deutschen Schönheitstanzes. Die Fesseln der Technik wurden wie der spanische Schnürstiefel in die Ecke geworfen. Nur die natürliche Anmut des schönen Weibes feierte Triumphe!"
Unbekleidet, nur mit Puder oder Farbe auf dem Körper, stellte sie Skulpturen nach. Sie tanzte nackt und später spärlich verhüllt. "In holder Selbstverständlichkeit", wie die Königsberger Allgemeine Zeitung bemerkte. Gerade die lebensreformerischen Kreise, in denen sie sich äußerster Beliebtheit erfreute, erkannten darin ein Ringen um die Befreiung von Seele und Leib von Verkümmerung und falschen Moralvorstellungen.
Ihr Ruhm, ihre Schönheit und ihr viel gepriesener ebenmäßiger Teint führten dazu, dass eine Desmond-Pflegeserie auf den Markt kam, doch künstlerisch fand die schöne Tänzerin zwischen Ballett, Theater, Zirkus und Varieté kein rechtes Zuhause. Auch beim Film, den sie sich schon 1915 als neues Metier erschloss, hielt es sie nur fünf Jahre. Nocturno oder Der Traum einer Frühlingsnacht, Lisa, die Zigarettenmacherin, Leben um Leben, Göttin, Dirne und Weib und Der Mut zur Sünde lauten einige ihrer Titel, die bis 1920 entstanden.
Als Tänzerin blieb Desmond, das einstmalige lebende Bild, das Skulpturen nachstellte, wohl zu sehr dem Statuarischen verhaftet, um nicht in den zwanziger Jahren von Mary Wigman oder von Jüngeren wie Anita Berber und Valeska Gert abgelöst zu werden.
Olga Desmond - Preußens nackte Venus ist ein gut recherchiertes und gut zu lesendes Buch, das besonders anhand vieler Presse- und anderer Zitate den Lebensweg und die Karriere der Tänzerin nachzeichnet. Man muss Jörn E. Runge, selbst Leiter des publizierenden Verlags, dankbar sein, dass er die Desmond davor bewahrt, völlig vergessen zu werden.
Eine Frage bleibt leider unbeantwortet: Hat Billy Wilder, der in den zwanziger Jahren lange in Berlin lebte, sich an die ehemalige Berühmtheit erinnert und Norma Desmond, die weibliche Hauptfigur in Boulevard der Dämmerung / Sunset Blvd., nach Olga Desmond benannt?
(Stefan Otto)
Sie wurde gerne als Nachfolgerin der Amerikanerin Isadora Duncan gesehen, die "im kurzen Griechenkittel und mit nackten Beinen" auch in Berlin auftrat. "Die schöne Olga Desmond", wird Zirkusdirektorin Paula Busch zitiert, "ging oder tanzte noch einen Schritt weiter, denn sie trug keinen Griechenkittel mehr ... Sie ist die Schöpferin des deutschen Schönheitstanzes. Die Fesseln der Technik wurden wie der spanische Schnürstiefel in die Ecke geworfen. Nur die natürliche Anmut des schönen Weibes feierte Triumphe!"
Unbekleidet, nur mit Puder oder Farbe auf dem Körper, stellte sie Skulpturen nach. Sie tanzte nackt und später spärlich verhüllt. "In holder Selbstverständlichkeit", wie die Königsberger Allgemeine Zeitung bemerkte. Gerade die lebensreformerischen Kreise, in denen sie sich äußerster Beliebtheit erfreute, erkannten darin ein Ringen um die Befreiung von Seele und Leib von Verkümmerung und falschen Moralvorstellungen.
Ihr Ruhm, ihre Schönheit und ihr viel gepriesener ebenmäßiger Teint führten dazu, dass eine Desmond-Pflegeserie auf den Markt kam, doch künstlerisch fand die schöne Tänzerin zwischen Ballett, Theater, Zirkus und Varieté kein rechtes Zuhause. Auch beim Film, den sie sich schon 1915 als neues Metier erschloss, hielt es sie nur fünf Jahre. Nocturno oder Der Traum einer Frühlingsnacht, Lisa, die Zigarettenmacherin, Leben um Leben, Göttin, Dirne und Weib und Der Mut zur Sünde lauten einige ihrer Titel, die bis 1920 entstanden.
Als Tänzerin blieb Desmond, das einstmalige lebende Bild, das Skulpturen nachstellte, wohl zu sehr dem Statuarischen verhaftet, um nicht in den zwanziger Jahren von Mary Wigman oder von Jüngeren wie Anita Berber und Valeska Gert abgelöst zu werden.
Olga Desmond - Preußens nackte Venus ist ein gut recherchiertes und gut zu lesendes Buch, das besonders anhand vieler Presse- und anderer Zitate den Lebensweg und die Karriere der Tänzerin nachzeichnet. Man muss Jörn E. Runge, selbst Leiter des publizierenden Verlags, dankbar sein, dass er die Desmond davor bewahrt, völlig vergessen zu werden.
Eine Frage bleibt leider unbeantwortet: Hat Billy Wilder, der in den zwanziger Jahren lange in Berlin lebte, sich an die ehemalige Berühmtheit erinnert und Norma Desmond, die weibliche Hauptfigur in Boulevard der Dämmerung / Sunset Blvd., nach Olga Desmond benannt?
(Stefan Otto)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Olga Desmond - Preußens nackte Venus
Autor:
Jörn E. Runge
Erscheinungsort:
Friedland/Meckl.
Erscheinungsdatum:
2009
Seiten:
180
Verlag:
Steffen Verlag
ISBN:
978-3-940101-53-2
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Bisherige Kommentare
(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: A. Ogoleit am: 08.07.09
Ein tolles Buch, das ich nur empfehlen kann.
Es bietet nicht nur Einblicke in ein äußerst interessantes Künstlerleben, das Olga Desmond unzweifelhaft hatte, es wartet zudem mit unzähligen Hintergrundinformationen zum Kaiserreich und zur Weimarer Republik auf. Ob Zille oder Anita Berber, ob Hans Albers oder Fritz Kahn, diese Biografie enthält ein kleines "WHO IS WHO". Das Buch "Olga Desmond - Preußens nackte Venus" von Jörn E. Runge ist ein MUSS für Kunst- und Kulturinteressierte!





