Nazi-Chic und Nazi-Trash - Faschistische Ästhetik in der populären Kultur

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Der indiskrete Charme des Extremen

Nicht erst seit Indiana Jones und Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (aber spätestens dadurch) ist ein zunächst einmal ästhetisches Phänomen an die Oberfläche des Mainstream-Bewusstseins gespült worden, das bislang vor allem im subkulturellen Bereich und in den Randgebieten der Populärkultur verortet war – die ästhetische Faszination durch die Symbole und Erscheinungsformen des Nationalsozialismus. Schaut man allerdings genauer nach, wie dies der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger in seinem sehr profunden Essay Nazi-Chic und Nazi-Trash - Faschistische Ästhetik in der populären Kultur tut, zeichnet sich eine Linie ab, die spätestens seit den 1970er Jahren einsetzt und die nahezu alle popkulturellen Bereiche umfasst.

Ihren Ausgangspunkt nimmt die Untersuchung bei den italienischen Naziploitation-Filmen, die unter dem Sammelbegriff "Sadiconazista" (zusammengesetzt aus den italienischen Wörtern für Sadismus und Nationalsozialismus) zusammengefasst werden und die in Deutschland zum überwiegenden Teil weder ins Kino kamen noch in die Videotheken gelangten. Bezeichnend ist an diesen Filmen vor allem, in welcher Weise und in welchem Ausmaße sie die sexuellen und die dem Fetischismus zuzurechnenden Elemente des Faschismus betonten. Doch die Verquickung von Nazi-Ästhetik und Sexualität war keinesfalls nur auf Werke minderer Machart wie den später berüchtigten Ilsa – She Wolf of the SS (Regie, Don Edmonds, 1975) beschränkt, sondern fand bald schon ihren Widerhall bei renommierten italienischen Filmemachern wie Luchino Visconti (Die Verdammten / La caduta degli dei, 1969), Liliana Cavani (Der Nachtportier / Il portiere di notte, 1973) Lina Wertmüller (Sieben Schönheiten / Pasqualino Settebellezze, 1975) und Pier Paolo Pasolini (Die 120 Tage von Sodom / Salò o le 120 giornate di Sodoma, 1975).

Ausgehend von diesen eher filmwissenschaftlichen und überaus interessanten Darlegungen eines in Deutschland eher unbekannten Kinophänomens wendet sich der Autor dann den Wurzeln der Faszination der nationalsozialistischen Ästhetik und deren Erscheinungsformen in der Modewelt zu, die ihren Ursprung wiederum in verschiedenen Subkulturen wie etwa den Motorradbanden, den Hippies und der Punkbewegung hatte. Davon ausgehend schweift Stigleggers analytischer Blick weiter in die Pop- und Rockmusik, bei denen das provokative Spiel mit Nazi-Symbolen und faschistischer Ästhetik von dem überaffirmativen Gestus der NSK (Neue Slowenische Kunst) rund um die Band Laibach bis hin zu mehr oder weniger unverhohlener Sympathie mit der Ideologie der NS-Zeit bei Gruppen aus dem Neofolk-Umfeld herausgearbeitet wird.

Trotz der Kürze (gerade mal 104 Seiten inklusive Quellenverzeichnis und Glossar) ist Marcus Stiglegger ebenso wie bei seinem in der gleichen Reihe Kultur und Kritik des Berger + Fischer Verlages erschienenen Buches über Terrorkino ein außerordentlich lesenswertes Buch gelungen. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass Nazi-Chic und Nazi-Trash weit über den filmwissenschaftlichen Tellerrand hinausschaut und einen eher kulturwissenschaftlichen Ansatz bietet. Eine Einladung zur weiteren Lektüre und Auseinandersetzung mit der Thematik ist das Buch, wobei man auf der Suche nach anderen Werken zu diesem Thema gar nicht lange suchen muss: Stigleggers Buch Sadiconazista: Faschismus und Sexualität im Film, bereits im Jahre 2000 erschienen, ist nach wie vor das Standardwerk zum Thema und vertieft die Materie auf spannende Weise.

(Joachim Kurz)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Nazi-Chic und Nazi-Trash - Faschistische Ästhetik in der populären Kultur
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsdatum: 2011
Seiten: 108
Verlag: Bertz + Fischer Verlag
ISBN: 978-3-86505-710-5

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