Nahaufnahme: Michael Haneke – Gespräche mit Thomas Assheuer
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Annäherung an einen "schwierigen" Regisseur
Er gilt als schwierig, als sperrig, als unbequem, manchmal auch als ein wenig arrogant. Trotz einer eindrucksvollen Karriere als Filmemacher mit hohem Anspruch, dessen Karriere unlängst vom Gewinn der Goldenen Palme in Cannes für sein neues Werk Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte gekrönt wurde, sind viele Journalisten und Cineasten nie so recht warm geworden mit Michael Haneke. Und das liegt nicht zuletzt auch an seinen Filmen, die so ganz anders sind als vieles, was man sonst so im Kino zu sehen bekommt. Düster, von großer moralischer Kraft und auf subversive Weise mit den Erwartungen des Zuschauers spielend, sind die Filme des 1942 in München geborenen Regisseurs wie ein steter Stachel im Fleisch einer Branche, die sich allzu gern an ihren eigenen Erfolgen berauscht und in der der Blick auf gesellschaftliche Realitäten als "unbequemes Kunstkino" oder gar – noch schlimmer – als "pures Kassengift" gilt. Zumal dann, wenn sie mit solch emotionaler Wucht und gleichzeitiger Distanziertheit daherkommen, wie dies bei den Filmen Hanekes der Fall ist. Trotzdem oder gerade deswegen kann Hanekes bisheriges Schaffen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – als Gegenpol zum Mainstreamkino, in dem Wirklichkeit allenfalls noch als fahl flackerndes Hintergrundrauschen vorkommt. "Meine Filme sind eine Gegenreaktion - eine Reaktion auf meine Unzufriedenheit mit dem existierenden Kino", so formuliert es Haneke an einer Stelle der Gespräche. Und beschreibt damit ein wesentliches Motiv seines Schaffens.
Thomas Assheuer, seines Zeichens Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, hat mit Haneke zwischen dem 14. Und dem 16. Juni 2007 intensive Gespräche geführt und veröffentlicht diese nun im Berliner Alexander Verlag im Rahmen der dortigen Schriftenreihe Nahaufnahme. Sie geben einen fundierten und beeindruckenden Einblick in Hanekes Werdegang und in seine Gedankenwelt, in seine Arbeitsmethoden und seine Weltsicht. Dank seiner Offenheit und der behutsam insistierenden Fragen Assheuers entsteht so ein dialogisches Porträt, das einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis von Hanekes Filmschaffen liefert. Es verdeutlicht, warum Hanekes Schaffen als so schwierig empfunden wird – und warum wir uns kaum etwas Besseres wünschen können: Weil der Filmemacher es wie kaum ein zweiter versteht, den Zuschauer auf unbequeme Weise in den Entstehungsprozess mit einzubeziehen, weil er ihn quasi zur "Selbstständigkeit zu vergewaltigen" versucht. Weil er sich Interpretationsmustern konsequent verweigert, sondern will, dass seine Filme den Zuschauer zum Nachdenken anregen. "Ein Regisseur ist nicht dafür da, dem Zuschauer zu sagen, wo es langgeht. Ich selbst werde ganz ungehalten, wenn mir jemand in einem Film oder Buch erklärt, was ich denken und empfinden soll."
Abgerundet werden die sehr lesenswerten Gespräche Assheuers mit Haneke durch zwei ebenfalls sehr erhellende Essays des Filmemachers über Robert Bressons Film Au hasard Balthasar und über das Thema Gewalt und Medien sowie von einer ausführlichen Filmographie.
Was das schmale, aber dennoch gewichtige Buch eindrucksvoll beweist: Haneke ist ein Filmregisseur mit hoher moralischer und künstlerischer Kraft, der dem munteren und meistens erschreckend nichtssagenden Geplapper vieler Kollegen etwas entgegensetzt, das er auch in seinem filmischen Schaffen mit großer Konsequenz vertritt – Haltung. Haneke ist im zeitgenössischen Kino ein Solitär, dessen neuer Film Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte zu den beeindruckendsten und klügsten Filmen dieses Jahres, ja vielleicht der letzten Jahre zählt. Dass er in diesem Buch Einblick in sein Denken und Handeln, in seinen Prinzipien und Visionen gibt, macht aus der Veröffentlichung ein echtes Geschenk. Und ein wunderbares Buch über einen im persönlichen Gespräch überaus sympathischen und ganz und gar nicht arroganten, sondern sehr klugen und reflektierten Filmemacher, dessen immense Bedeutung für das europäische Kino immer noch stark unterschätzt wird.
(Joachim Kurz)
Thomas Assheuer, seines Zeichens Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, hat mit Haneke zwischen dem 14. Und dem 16. Juni 2007 intensive Gespräche geführt und veröffentlicht diese nun im Berliner Alexander Verlag im Rahmen der dortigen Schriftenreihe Nahaufnahme. Sie geben einen fundierten und beeindruckenden Einblick in Hanekes Werdegang und in seine Gedankenwelt, in seine Arbeitsmethoden und seine Weltsicht. Dank seiner Offenheit und der behutsam insistierenden Fragen Assheuers entsteht so ein dialogisches Porträt, das einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis von Hanekes Filmschaffen liefert. Es verdeutlicht, warum Hanekes Schaffen als so schwierig empfunden wird – und warum wir uns kaum etwas Besseres wünschen können: Weil der Filmemacher es wie kaum ein zweiter versteht, den Zuschauer auf unbequeme Weise in den Entstehungsprozess mit einzubeziehen, weil er ihn quasi zur "Selbstständigkeit zu vergewaltigen" versucht. Weil er sich Interpretationsmustern konsequent verweigert, sondern will, dass seine Filme den Zuschauer zum Nachdenken anregen. "Ein Regisseur ist nicht dafür da, dem Zuschauer zu sagen, wo es langgeht. Ich selbst werde ganz ungehalten, wenn mir jemand in einem Film oder Buch erklärt, was ich denken und empfinden soll."
Abgerundet werden die sehr lesenswerten Gespräche Assheuers mit Haneke durch zwei ebenfalls sehr erhellende Essays des Filmemachers über Robert Bressons Film Au hasard Balthasar und über das Thema Gewalt und Medien sowie von einer ausführlichen Filmographie.
Was das schmale, aber dennoch gewichtige Buch eindrucksvoll beweist: Haneke ist ein Filmregisseur mit hoher moralischer und künstlerischer Kraft, der dem munteren und meistens erschreckend nichtssagenden Geplapper vieler Kollegen etwas entgegensetzt, das er auch in seinem filmischen Schaffen mit großer Konsequenz vertritt – Haltung. Haneke ist im zeitgenössischen Kino ein Solitär, dessen neuer Film Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte zu den beeindruckendsten und klügsten Filmen dieses Jahres, ja vielleicht der letzten Jahre zählt. Dass er in diesem Buch Einblick in sein Denken und Handeln, in seinen Prinzipien und Visionen gibt, macht aus der Veröffentlichung ein echtes Geschenk. Und ein wunderbares Buch über einen im persönlichen Gespräch überaus sympathischen und ganz und gar nicht arroganten, sondern sehr klugen und reflektierten Filmemacher, dessen immense Bedeutung für das europäische Kino immer noch stark unterschätzt wird.
(Joachim Kurz)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Nahaufnahme: Michael Haneke – Gespräche mit Thomas Assheuer
Autor:
Thomas Assheuer
Erscheinungsort:
Berlin
Erscheinungsdatum:
2009
Seiten:
184
Verlag:
Alexander Verlag
ISBN:
9783895811883
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